Handball-EM

Paul Drux: Mit den Eigenschaften eines Chamäleons

Füchse-Spieler Paul Drux muss bei der Handball-EM gleich mehrere Rollen auf dem Feld ausfüllen – und als Führungsspieler vorangehen.

Paul Drux überzeugte im ersten Testspiel vor der Handball-EM mit vier Toren und einem starken Auftritt auf der Spielmacherposition.

Paul Drux überzeugte im ersten Testspiel vor der Handball-EM mit vier Toren und einem starken Auftritt auf der Spielmacherposition.

Foto: Simon Hofmann / Bongarts/Getty Images

Berlin. Nein, Sorgen muss man sich um Paul Drux wirklich nicht machen. Zwar hieß es bei großen Turnieren mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft bisher immer: Ein Fuchs kommt selten allein. Aber auch wenn der Berliner in diesem Januar der einzige Spieler aus dem Füchse-Tross ist, der zur EM fährt, vereinsamen wird er nicht. „Komisch und ungewohnt ist es schon“, sagt der 24-Jährige. „Aber es ist nun mal so, wir können es nicht ändern, und wir haben trotzdem eine super coole Truppe, ich verstehe mich mit jedem.“

Trotzdem fehlt vor allem einer: Fabian Wiede. Der Füchse-Spielmacher musste an der Schulter operiert werden, fällt vier Monate aus und verkündete schon vor einigen Wochen sein EM-Aus. Sein schmerzlicher Ausfall hat Folgen. Besonders für Drux. Der Rückraumspieler muss sich nicht nur einen neuen Zimmerkollegen suchen. Er muss auch auf dem Feld die Position einnehmen, für die Bundestrainer Christian Prokop im vergangenen Jahr eigentlich Wiede aufgebaut hatte.

Drux soll auch im Innenblock aushelfen

Die Rückraum-Mitte, der Motor, das Herz des deutschen Spiels. „Es ist ungewohnt, weil ich im Verein eher wenig auf der Position auftauche, eher halblinks“, sagt Drux. Nebenbei soll er auch noch im Innenblock eingesetzt werden, um häufige Wechsel zu vermeiden und schneller ins Tempospiel umschalten zu können. Ganz abgesehen davon, dass die Mannschaft auf Drux’ starke Defensivarbeit angewiesen ist.

Viele Rollen für einen einzigen Spieler. Da sind nun echte Chamäleon-Qualitäten gefragt. „Ich denke schon, dass ich da reinwachsen kann“, sagt der Füchse-Spieler, der sich noch den einen oder anderen Spielmacher-Tipp von Wiede holen will. „Ich versuche, das Bestmögliche fürs Team reinzuwerfen und hoffe, dass ich die Anforderungen dann auch ausfüllen kann.“ Anforderungen, die von ihm verlangen, innerhalb weniger Sekunden vom robusten Zweikämpfer in der Abwehr zum kreativen Spielgestalter im Angriff zu werden.

Im Testspiel gegen Island erzielt Drux vier der ersten fünf Tore

Dass Drux diese Gratwanderung durchaus zuzutrauen ist, war im Testspiel gegen Island (33:25) am Sonnabend schon zu sehen. Der 1,92-Meter-Mann erzielte nicht nur vier der ersten fünf Tore, er lieferte auch eine starke Vorstellung auf der Mittelposition ab und zeigte, warum Prokop so große Hoffnungen in ihn setzt. Der Bundestrainer hält allerdings nicht viel davon, den Fokus gerade allzu sehr auf die Rückraum-Mitte zu legen. „Wichtig ist, dass wir unser Rückraumspiel in der Dreierkonstellation hinbekommen“, sagt der 41-Jährige.

Dort spielte Drux unter anderem mit Rückkehrer Julius Kühn und Neuling David Schmidt zusammen. Kombinationen, die noch Zeit brauchen, um fehlerfrei zu funktionieren. Dafür will die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nicht nur die Tage bis zum Turnierstart am Donnerstag gegen die Niederlande in Trondheim nutzen (18.15 Uhr, ZDF). Sondern auch die EM-Generalprobe an diesem Montag gegen Österreich (14.40 Uhr, ARD).

Die EM ist bereits sein fünftes großes Turnier

So hat auch Drux noch wenige Tage Zeit, um in seine neue Rolle hineinzuwachsen. Immerhin ist die EM in Norwegen, Schweden und Österreich schon sein fünftes großes Turnier. Drux weiß also, was auf ihn zukommt. „Ich konnte in den vergangenen Jahren bei Turnieren schon einige Erfahrungen sammeln und kann alles etwas gelassener sehen“, sagt er. Die Rolle als Anführer ist trotzdem nicht die, in der er sich gern sieht. Mittelpunkt, Aufmerksamkeit, Rampenlicht – alles nichts für Drux.

Deshalb nimmt der gebürtige Gummersbacher lieber das gesamte Team in die Pflicht. Gerade jetzt, wo mit Wiede, Martin Strobel und Steffen Weinhold etablierte Leistungsträger ausfallen. „Es wird nur über mannschaftliche Geschlossenheit gehen. Wir müssen da alle zusammenstehen, jeder muss versuchen, seine Stärken reinzubringen, sich nicht wichtiger zu nehmen als das Team“, fordert Drux. „Es wird sicherlich nicht einfach, weil uns viel individuelle Qualität fehlt. Und das kann man manchmal gar nicht auffangen. Aber wir können es über das Team ganz gut kompensieren.“

Das Halbfinale ist das Ziel des deutschen Teams

Entmutigen lässt sich von der angespannten Personallage sowieso niemand. Das Ziel für die EM ist klar:
„Wir wollen mindestens ins Halbfinale.“ Dafür muss zunächst gegen die Niederlande ein Sieg her. Ein Team, das für Drux eine kleine Wundertüte ist. „Ich hab noch nie gegen die gespielt“, sagt er, lobt aber die Entwicklung, die der Männer-Handball im Nachbarland genommen hat. Gewarnt sind sie beim DHB also. „Mit denen ist auf jeden Fall zu rechnen“, sagt Drux.

Und auch mit den Dänen, den Franzosen, Kroatien, Spanien und Österreich, wenn es um den Kampf um die EM-Krone geht. Da ist sich Drux sicher. Die deutsche Nationalmannschaft will aber zumindest mitmischen im Konzert der ganz großen Handball-Nationen. „Es liegt an uns, wie wir reinkommen ins Turnier. Ob jeder ein gutes Gefühl hat, ob das Selbstvertrauen stimmt“, sagt Drux. „Dann ist einiges möglich.“ Ein sorgenvoller Blick auf das anstehende Turnier klingt definitiv anders.