Handball

Wie blinde Füchse-Fans Handball mit den Ohren sehen

Der Hertha-Fanklub Sehbären ermöglicht blinden Füchse-Fans seit zehn Jahren das Erleben von Handball-Spielen.

Die Seebären mit Susanne Klausing (3.v.l.) bei einem Füchse-Spiel.

Die Seebären mit Susanne Klausing (3.v.l.) bei einem Füchse-Spiel.

Foto: FOTO LAECHLER / Lächler

Berlin. Manchmal nimmt Susanne Klausing ihre Kopfhörer einfach ab. Um das Quietschen der Turnschuhe zu hören, um das Spiel der Füchse Berlin auf dem Feld zu verfolgen – ganz ohne es zu sehen. Die 51-Jährige ist blind und trotzdem so oft es geht in der Max-Schmeling-Halle dabei. Zusammen mit den Sehbären.

„Ich bin jetzt so drin im Handball, dass es auch mal ohne Kommentar geht“, erzählt Klausing. Seit zehn Jahren ist der 2006 gegründete Fanklub, der zum Fußball-Bundesligisten Hertha BSC gehört, beim Handball unterwegs, um blinden Fans die Partien erlebbar zu machen. Mit einer eigenen Anlage, die Audiodeskription ermöglicht.

Die Füchse Berlin empfangen am Donnerstag den DHfK Leipzig

Klausing und andere sehbehinderte Zuschauer sitzen dann mit Kopfhörern im Unterrang und lassen sich von ihrem sehenden Sprecher Christoph Scholz erklären, wie Kapitän Hans Lindberg und der Rest der Mannschaft auf dem Feld wirbeln. „Wir sind so toll in die Füchse-Familie aufgenommen worden, dass wir absolute Handball-Fans geworden sind. Das Dazugehören ist einfach herrlich“, sagt Klausing.

Auch am Donnerstag wollte sie wieder in der Schmeling-Halle sein, um die Füchse gegen den SC DHfK Leipzig (18 Uhr, Sky und Konferenz frei empfangbar auf Sky Sport News HD) zu unterstützen. Es hatten sich sogar blinde Fans aus Leipzig angekündigt, mit denen man sich zusammentun wollte. Weil die aber kurzfristig abgesagt haben und es Susanne Klausing gesundheitlich nicht gut geht, fällt der Besuch aus.

Klausing heiratete im Olympiastadion mit „Zecke“ Neuendorf als Trauzeuge

Wer weiß, wie sportbegeistert die gebürtige Norddeutsche ist, versteht, wie sehr sie das schmerzt. Schon die letzten Heimspiele von Hertha hat sie verpasst. Dabei ist der Verein aus dem Westend ihre große Liebe. Seit ihrem 6. Lebensjahr ist sie Fußballfan, besucht seit 14 Jahren das Olympiastadion, hat im Oktober 2011 sogar dort geheiratet – mit Andreas „Zecke“ Neuendorf als Trauzeuge.

Außerdem arbeitet sie im Team Handicap bei Hertha mit und berät die Fanbetreuung. Die Sehbären aber sind ihr Herzensprojekt. Das seinen Ursprung in einer E-Mail von Hertha hatte. Der Verein wollte 2005 Audiodeskription im Stadion testen, fragte dann im Januar 2006 nach, ob Klausing und ihre Mitstreiter nicht einen offiziellen Fanklub gründen wollen. „Damals hätten wir wirklich nicht gedacht, was daraus wird“, sagt Klausing, die nicht immer blind war.

„Ich kenne beide Welten. Ich bin 32 Jahre lang sehend gewesen“, erzählt sie. Im Januar 2001 erblindete sie binnen einer Minute, die Adern in ihren Augen waren verkalkt. „Von 100 Prozent Sehkraft auf Null. Das war ein Schock, aber erstmal glaubt man, dass es genauso schnell wiederkommt, wie es weg war.“ Nach zwei Wochen aber sagten ihr die Ärzte, dass ihre Sehkraft nicht wiederkommen wird.

Auch bei Union und den Eisbären sind die Sehbären unterwegs

Ihre Sportbegeisterung ließ sich Klausing davon nicht nehmen. Zusammen mit ihrem Mann Axel verfolgte sie das Projekt Audiodeskription. Eine eigene Anlage beschafften sich die Sehbären mit Hilfe von Berliner Vereinen, Herthas Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Damals entstand auch der Kontakt zu Berlins Handballern. Mittlerweile sind die Sehbären aber auch fast überall anders im Hauptstadt-Sport unterwegs. Beim 1. FC Union halfen sie vor einigen Jahren mit, ein Audiodeskriptions-Programm aufzubauen.

Im Eishockey sind die Sehbären sogar Vorreiter, was Blindenreportagen angeht. Einziges Problem: Die Eisbären und die Füchse spielen oft zeitgleich, wenn dann auch noch eine Hertha-Partie dazwischenkommt, wird es eng, die ehrenamtlichen Sprecher einzusetzen. Deshalb suchen die Sehbären einen weiteren Freiwilligen, der die Handball-Spiele kommentieren kann. „Das trauen sich viele Leute nicht zu, weil sie denken, dass das total kompliziert ist“, sagt Klausing. Ist es aber nicht. Ein bisschen Affinität zum Sport und die richtige Dosis Begeisterung reichen schon. Das Quietschen der Turnschuhe trägt dann sein Übriges dazu bei.