Handball

„Füchse sollen dauerhaft in der Champions League spielen“

Handball-Legende Stefan Kretzschmar will die Füchse als Vorstand Sport in die Spitze führen. Doppel-Interview mit ihm und Bob Hanning.

Doppelte Kraft für die Füchse Berlin: Stefan Kretzschmar (r.) und Bob Hanning.

Doppelte Kraft für die Füchse Berlin: Stefan Kretzschmar (r.) und Bob Hanning.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Diese Nachricht elektrisiert ganz Handball-Deutschland. Stefan Kretzschmar, einst Weltklasse-Linksaußen, heuert bei den Füchsen an und wird beim Bundesligaklub ab 1. Januar Vorstand Sport. Der 46 Jahre alte Kretzschmar wird bei den Berlinern für die Bereiche Sport, Kommunikation und Sponsoring zuständig sein und eng mit Geschäftsführer Bob Hanning (51) zusammenarbeiten. Er unterschrieb einen Vierjahresvertrag. Die Morgenpost traf die beiden Füchse-Macher zum exklusiven Doppel-Interview.

Berliner Morgenpost: Herr Hanning, Herr Kretzschmar, wenn Sie sich künftig zum Arbeitsfrühstück treffen, bestellen Sie...

Bob Hanning: Einen Espresso Macchiato mit einem Extra-Schuss Milch.

Stefan Kretzschmar: Schwarzen Kaffee.

Gut, das wäre geklärt. Herr Kretzschmar, Sie waren einst auf der Sportschule in Hohenschönhausen, lebten dort im Sportinternat, kennen das Sportforum in- und auswendig. Ist das Engagement bei den Füchsen für Sie eine Art Heimkommen?

Kretzschmar: Für mich schließt sich tatsächlich der Kreis. Als ich seinerzeit Profi wurde, gab es in Berlin leider keinen Bundesligaverein, sodass ich die Stadt verlassen musste. Meine Entscheidung, 1996 von Gummersbach nach Magdeburg zu gehen, hatte auch den Grund, wieder näher an Berlin zu sein. Berlin ist nach wie vor meine Heimatstadt, hier leben viele meiner Freunde. Mit 46 Jahren bin ich in einem Alter, in dem es gut passt, noch einmal etwas Neues zu wagen.

Wie verlief die Annäherung zweier solcher Handball-Schwergewichte in Deutschland, wie Sie es beide sind?

Hanning: Das erste Mal nach Stefans Ausscheiden im Juni beim SC DHfK Leipzig haben wir im Auto telefoniert. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon länger mit den Fragen auseinandergesetzt, wo wir mit den Füchsen stehen, wo wir hinwollen und wer uns dabei helfen kann. Als sich dann die Situation ergab, Stefan Kretzschmar bekommen zu können, war das natürlich ideal. Er deckt uns als Vorstand Sport das Sportliche ab, er deckt uns die Kommunikation ab, und dann kann er uns auch noch in Sachen Sponsoring weiterentwickeln. Ich war von diesem Gedanken, dass Stefan nach Hause kommt und bei den Füchsen eine neue Lebensaufgabe findet, komplett beseelt, und das habe ich ihm gegenüber auch ganz rasch zum Ausdruck gebracht.

Mit Erfolg. Sie kennen sich schon viele Jahre. Herr Hanning, Sie waren damals bei den Olympischen Spielen in Sydney Co-Trainer der Nationalmannschaft mit dem Linksaußen Stefan Kretzschmar im Team. Als Funktionäre im deutschen Handball fielen trotz allen Respekts voreinander immer wieder auch sehr kritische Worte. Wie kommen zwei solche Alphatiere jetzt trotzdem zusammen?

Kretzschmar: Wir haben viele emotionale Zeiten durchgemacht. Und es gab eine Zeit, in der wir uns sehr bekämpft haben. Allerdings immer auf einer Ebene, dass es auch die Galionsfiguren des Sports sind, die sich dann medial präsentieren und gegeneinander kämpfen. Wir sind beide sehr ehrgeizige Menschen, die ehrgeizige Ziele verfolgen. Ich habe großen Respekt davor, dass Bob es geschafft hat, als Erster überhaupt in meiner Heimatstadt den Erstliga-Handball zu etablieren – in einer Stadt, wo damals alle Vereine untereinander verfeindet waren.

Aber Sie haben Bob Hanning oftmals auch kritisch gesehen.

Kretzschmar: Ja, und zwar in der Art und Weise, wie er seine Ziele erreicht. Aber im Rückblick auf die letzten zehn, 15 Jahre muss jeder im deutschen Handball anerkennen, was Bob Großes für den Handball, diesen Verein und die Stadt geleistet hat. Und das kann man nur respektieren. Im Zuge eines Reifeprozesses weiß man auch zu schätzen, was ein Mensch für den Sport tut. Viele andere labern nur und stellen sich dar, Bob Hanning ist dagegen ein Macher. Das bewundere ich. Auf der Ebene der Professionalität und der Anerkennung haben wir uns relativ schnell angenähert und eine Basis gefunden, auf der wir beide gut zusammenarbeiten und uns gegenseitig befruchten können – für eine neue Stärke bei den Füchsen.

Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit?

Hanning: Wir werden in der Zukunft mutige Entscheidungen treffen. Natürlich ist die Erwartungshaltung, dass wir unseren Ehrgeiz bündeln und den Schritt zur Bundesliga-Spitze machen, der uns noch fehlt. Das wird nicht ganz einfach werden, da wir mitunter auch schmerzhafte Veränderungen vornehmen werden. Was den Sport angeht, werde ich Stefan freie Hand lassen, er trägt die Verantwortung. Unter der einzigen Prämisse, dass das Thema Nachwuchsförderung sowie die Ausbildung der eigenen Talente nach wie vor eine herausragende Rolle spielen muss.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit praktisch vorstellen? Sitzen Sie beide künftig in einem Büro.

Hanning: Wir haben beide unseren Schreibtisch in der Geschäftsstelle, aber Stefan ist keiner, der Büroarbeit machen wird. Seine Arbeit wird sich mit meiner perfekt ergänzen. Für mich ist das jetzt auch noch mal eine neue Herausforderung und gibt mir die Möglichkeit, strategischer zu denken und mich bei vielen Dingen künftig herausnehmen zu können. Die Strategie ist für die Zukunft der Füchse wichtig, da wir uns weiterentwickeln müssen. Wenn wir die Kräfte bündeln, haben wir eine Riesenchance, hier in Berlin etwas Großes zu bewegen.

Wenn sich Stefan Kretzschmar und Bob Hanning zusammentun, ist das auch ein Zeichen für ganz Handball-Deutschland. Nämlich, dass die Füchse zum nächsten Angriff blasen.

Kretzschmar: Wenn man den Ist-Zustand analysiert, hat Berlin in den vergangenen Jahren schon viel richtig gemacht. Bob und seine Crew haben den Verein auf ein hohes Niveau gehoben. Jetzt ist es mein Ehrgeiz zu sagen: Wenn nicht in Berlin, wo sonst kann man einen Handballverein in die absolute Spitze in Deutschland führen? Das ist die Tür, die bisher noch zu war.

Das bedeutet konkret?

Kretzschmar: Mein Ziel ist es, aus den Füchsen eine Mannschaft zu machen, die dauerhaft in der Champions League vertreten ist. Mit weniger würden wir uns nicht zufrieden geben. Alles andere kann nicht unser Anspruch sein. Wichtig für mich ist, dass wir uns wirtschaftlich verbessern und das Netzwerk dazu nutzen, um den Etat zu erhöhen. Dazu kommt die sportliche Optimierung, mit der tragenden Säule Nachwuchs, wo erfolgversprechende Jahrgänge kommen. Zudem ist es wichtig, auf dem Spielermarkt so zu scouten, dass wir mit den aktuell großen Drei, also Kiel, Flensburg und Rhein-Neckar Löwen, mithalten können. Das machen die drei Klubs an der Spitze derzeit richtig gut.

Wer hat im Zweifelsfall das letzte Wort?

Kretzschmar: Bob ist nach wie vor der, der den Hut aufhat. Die endgültige Entscheidung trifft er, und damit habe ich auch kein Problem. Was ich vorschlage im sportlichen Bereich, muss ökonomisch zu verantworten sein. Und ich muss den Nachwuchs einbinden, da sind wir völlig auf einer Linie.

Hanning: Wir werden uns über mögliche Verpflichtungen immer austauschen, aber die klare sportliche Verantwortung liegt bei Stefan und Trainer Velimir Petkovic. Wenn die beiden sich einig sind und wollen Spieler A, dann wird das auch umgesetzt, selbstverständlich unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Machbarkeit.

Herr Hanning, das klingt jetzt fast ein wenig nach einem Ausstiegsszenario bei den Füchsen. Bereiten Sie Ihren Rückzug vor?

Hanning: Ich hatte und habe natürlich immer Anfragen aus dem Fußball oder der freien Wirtschaft. Durch die Verpflichtung von Stefan Kretzschmar habe ich bei den Füchsen jetzt wieder ein neues Ziel. Und das will ich erreichen. Nur weil ich mich bei gewissen Themen jetzt in die zweite Reihe begebe, heißt das nicht, dass ich minder motiviert bin. Im Gegenteil, durch diese Symbiose bin ich als Geschäftsführer der Füchse zu einhundert Prozent motiviert. Für mich ist das jetzt ein veritable Herausforderung und ein Neustart. Ich freue mich riesig darauf. Ohne Stefan hätte es womöglich die Situation gegeben, dass ich das Projekt Füchse Berlin nur noch verwalte und es mich dann langweilt. Wenn wir eine Chance haben wollen, oben anzugreifen, dann mit Stefan Kretzschmar. Damit ist auch der letzte Schritt getan, den Verein noch unabhängiger von mir zu machen.

Sie wollen Kiel, Flensburg und die Rhein-Neckar Löwen angreifen. Der Abstand zu diesen drei Top-Klubs ist zuletzt aber wieder größer geworden. Sind die drei Spitzen-Vereine so gut oder die Füchse so schlecht?

Hanning: Das liegt an uns, weil wir nicht alles richtig gemacht haben. Und es liegt auch an den drei Top-Klubs, die parallel dazu sehr viel richtig gemacht haben und immer besser werden.

Kretzschmar: In erster Linie hat sich die Vertrags- und Verpflichtungskultur im Handball in den vergangenen Jahren extrem verändert. Bob ist jemand, der bei den Füchsen alles macht, und das macht er gut. Aber wenn du alles machst, dann löscht du hier und da mal ein Feuer. Die große Veränderung der Zukunft, die Kiel und Flensburg schon umgesetzt haben, ist das strategische Denken um Jahre voraus. Flensburg hat im kommenden Jahr eine überragende Mannschaft, weil zwei absolute Hammerspieler kommen, während diese Saison fast schon eine Art Übergangsjahr ist. Soweit denken wir in Berlin noch gar nicht. Für in zwei, drei Jahren jetzt schon Spieler unter Vertag zu nehmen, in dieser Kategorie können derzeit nur Flensburg und Kiel agieren.

Worum geht es dann bei den Füchsen?

Kretzschmar: Es geht um eine Scouting-Revolution. Wie stellen wir uns für die nächsten Jahre mit den Top-Talenten weltweit so auf, dass wir Flensburg und Co. Paroli bieten können. Wir müssen den Weg finden, den Abstand mit unserem Budget wieder zu verringern oder zu egalisieren. Mit Kiel ist das utopisch, da deren Etat unerreichbar ist. Aber Flensburg und die Rhein-Neckar Löwen sollten der Maßstab für uns sein. Auf diese Klubs wollen wir wieder aufschließen.

Herr Kretzschmar, Sie haben im Dezember im Morgenpost-Interview gesagt, der SC Magdeburg sei der geilste Verein der Welt. Was nun?

Kretzschmar: Diese Aussage werde ich nicht revidieren. Mir ist bewusst, dass die Rivalität zwischen dem SCM und den Füchsen in den vergangenen Jahren immer stärker gewachsen ist. Magdeburg war einst die Nummer eins im Osten, dann aber haben die Füchse sich immer mehr etabliert. Und sind zum krönenden Abschluss 2018 in Magdeburg EHF-Cup-Sieger geworden, obwohl der SCM schon die Titelfeier geplant hatte. Für mich ist und bleibt es ein großartiger Verein, weil ich dort in elf Jahren alles gewonnen habe, was geht. Es gibt nirgendwo anders eine so große Emotionalität und Verbundenheit der Menschen mit dem Verein. In guten wie in schlechten Zeiten. Nach einem verlorenen Spiel bekommst du da beim Bäcker zum Beispiel kein Brötchen, bei einem Sieg bekommst du das Brötchen geschenkt. Das ist Magdeburg, Handball ist dort eine Religion. Jetzt bei den Füchsen ist der SC Magdeburg für mich ein Rivale, den ich besiegen will.

Führen Sie beide bitte den Satz zu Ende. Handball ist ...

Kretzschmar: … der geilste Sport der Welt. Ich bin sehr sportinteressiert und gucke mir viele Sachen an. Aber nichts fasziniert mich so sehr wie ein gutes Handballspiel. Ich bin so dankbar, mich beruflich auch in diesem Sport bewegen zu können. Und ich würde alles für diesen Sport machen.

Hanning: … der geilste Sport der Welt. Bei mir dreht sich alles um diese Sportart.

Die Füchse stehen in drei Jahren ...

Kretzschmar: … unter den Top Drei in Deutschland. Alles andere wäre für uns nicht zufriedenstellend. Für andere Ziele brauchen wir nicht anzutreten bei der Kompetenz, die wir jetzt hier miteinander vereinen.

Hanning: … da, wo Stefan Kretzschmar sie sich wünscht.