Handball

Füchse Berlin: Aus Rumpf mach Trumpf

Wie Füchse-Trainer Velimir Petkovic aus seinem dezimierten Kader eine Mannschaft formt, die gegen Melsungen bestehen soll.

Trainer Velimir Petkovic stimmt Abwehrchef Jakov Gojun auf die unerfreuliche Situation ein, dass er und seine Mitspieler vorerst keine Verstärkung erwarten können

Trainer Velimir Petkovic stimmt Abwehrchef Jakov Gojun auf die unerfreuliche Situation ein, dass er und seine Mitspieler vorerst keine Verstärkung erwarten können

Foto: Annegret Hilse / imago/Annegret Hilse

Berlin.  Die Falten auf Velimir Petkovics Stirn waren tief. Und ließen viele Interpretationen zu. Zorn? Nach dem 29:24-Sieg der Füchse Berlin in der vergangenen Woche in Wetzlar eher unwahrscheinlich. Sorgenvoll? Angesichts der angespannten Personallage schon eher nachvollziehbar. Doch hört man dem Trainer des Handball-Bundesligisten vor dem Heimspiel gegen die MT Melsungen an diesem Donnerstag (19 Uhr, Schmeling-Halle) zu, wird schnell deutlich, dass die Stirnfalten einen ganz anderen Ursprung haben.

Der 62-Jährige grübelt, ist nachdenklich. Sucht nach einem ähnlich erfolgreichen System wie in Wetzlar, als aus seinen verbliebenen Stammspielern und den vier dazugestoßenen Jungfüchsen ein Kollektiv wuchs. Ein Team, das sich in der Bundesliga behaupten konnte und nach zwei Niederlagen in Folge den Abwärtstrend stoppte. Aus Rumpf mach Trumpf.

Petkovic setzt unverdrossen auf Wael Jallouz

Es ist eine Herausforderung. „Wir sind nicht angeschlagen. Wir haben das, was wir haben“, sagte der Coach, der nicht mehr jeden Tag aufs Neue hofft, dass er einen der mittlerweile neun Verletzten zurück im Kader begrüßen kann. Stattdessen liegt der Fokus eben auf denen, die zur Verfügung stehen. Und dazu zählt auch Wael Jallouz. Der Tunesier, der eigentlich als Ersatz für den Kreuzbandriss-geplagten Stipe Mandalinic ausgeliehen worden war, konnte bisher kaum eine Hoffnung erfüllen, die in ihn gesetzt wurde. Der linke Rückraumspieler hinkte den Athletik-Ansprüchen hinterher und wirkte im Spiel der Berliner bislang eher wie ein Fremdkörper. Dabei wird der 27-Jährige im offensiven Rückraum des Tabellensechsten jetzt dringend gebraucht.

Denn dort sind Jacob Holm (23) und Frederik Simak (20) gerade die einzigen Füchse, die sich noch ohne Krücken fortbewegen. Deshalb wirkte es in den vergangenen Partien beinah so, als wolle Petkovic sein Sorgenkind mit Spielpraxis dazu zwingen, seine Leistung zu steigern. Unermüdlich schickte er Jallouz aufs Feld, trotz zahlreicher Fehlwürfe und behäbigem Rückzugverhalten. „Er ist im gleichen Zustand wie vor drei, vier Wochen. Ich versuche, von ihm etwas zu kriegen, das der Mannschaft hilft. Das bekomme ich. Aber er ist nicht eine riesengroße Hilfe“, gab Petkovic zu.

Mit zwei Kreisläufern im Angriff die Defizite auffangen

Er selbst hatte sich noch vergangene Woche als Chemiker bezeichnet, der nach der richtigen Lösung fahndet. Während er diese in Jallouz weiter sucht, hat der Trainer-Fuchs sie auf andere Weise zumindest teilweise schon gefunden: das Spiel mit zwei Kreisläufern im Angriff, das bei den Berlinern sonst nur in Überzahl-Situationen zum Zug kam. Vermehrte Anspiele am Kreis sollen die fehlenden Tore aus dem Rückraum auffangen. Da kommt dem Team zugute, dass auf der Kreisläufer-Position gerade mal ausnahmsweise keiner verletzt ist.

„Wir haben drei Kreisläufer, und ich glaube, das funktioniert richtig gut, weil wir alle drei verschiedene Stärken haben. Das hilft einfach, vor allem mit diesem System“, sagte Johan Koch, neben Erik Schmidt und Mijajlo Marsenic einer der drei Spieler am Kreis. Dem Dänen gefällt dieses „gute System, aber ich glaube, das ist mehr aus der Not entstanden“, sagte Koch. Eine Taktik der Verzweiflung? Oder doch ein genialer Schachzug von Petkovic?

Der Erfolg gibt dem Trainer jedenfalls recht. Und jener rührt nicht nur von der richtigen Taktik, sondern auch von der positiven Mentalität, die er seinem Team eingeimpft hat. Meckern will niemand, schwache Leistungen auf fehlende Topspieler schieben schon gar nicht. „Wenn wir hochmotiviert sind, die richtige Einstellung bringen, wenn wir um jeden Ball kämpfen, dann ist gegen Melsungen alles möglich“, sagte Petkovic. Bei einem Sieg könnten die Berliner den direkten und momentan noch punktgleichen Verfolger im Kampf um Platz fünf distanzieren. „Ich hoffe nicht mehr, dass jemand zurückkommt und uns hilft. Wir können uns selbst helfen und werden das gegen Melsungen wieder versuchen.“

Torwart-Legende Stochl auch mental eine Stütze fürs Team

Einer, der diese Selbsthilfe unterstützt, ist Petr Stochl. Die Füchse-Legende war nach der Verletzung von Torhüter Malte Semisch (Bandscheibenvorfall) für erst einmal zwei Spiele aus dem Ruhestand und in den Kader zurückgekehrt. „Seine Persönlichkeit, seine Präsenz, damit ist er wichtig. Er muss keine Leistung auf dem Feld bringen. Aber er redet in Vorbereitung auf das Spiel mit den Jungs, er ist da“, sagte Petkovic. Wie lange Stochl noch als zweiter Torwart dabei sein wird, ist ungewiss. Man suche gerade nach Lösungen, sagte Sportkoordinator Volker Zerbe. „Wir schauen, ob die Petr heißt und arbeiten daran, dass Fredrik Genz zurückkommt“, so Zerbe. Der dritte Torwart der Füchse fehlt gerade auch noch verletzungsbedingt, soll aber zeitnah aufs Feld zurückkehren.

An diesem Donnerstag wird Petr Stochl noch als Reserve für Silvio Heinevetter auf der Bank sitzen. Welcher Torhüter als Nummer zwei mit nach Aalborg zum Hinspiel in der dritten Runde des EHF-Cups am Sonnabend (13.30 Uhr) reist, steht allerdings noch nicht fest.

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