Europapokal

Füchse-Triumph mit fadem Beigeschmack

Die Füchse feiern ihren imponierenden Erfolg im EHF-Pokal, doch Magdeburg erweist sich als schlechter Gastgeber

Füchse-Kapitän Petr Stochl reckt in Magdeburg den Siegerpokal in die Höhe

Füchse-Kapitän Petr Stochl reckt in Magdeburg den Siegerpokal in die Höhe

Foto: Michael Hundt / Matthias Koch / imago/Matthias Koch

Magdeburg/Berlin.  Ungestüm sprintete der kleine Junge auf Silvio Heinevetter zu. Aufgeregt hielt er seine Hand in die Höhe und bat den Torhüter der Füchse Berlin, mit ihm einzuschlagen. Als Heinevetter der Bitte nachkam und seine fünf Finger auf die kleine Hand legte, grinste der Knirps selig und rannte davon. Auf seinem Trikot prangte groß das Vereinsemblem des SC Magdeburg. So rührend diese Szene nach Abschluss des Finalspiels im EHF-Cup am Sonntag war, so sehr stand sie im Kontrast zu dem Verhalten der erwachsenen Magdeburger.

Nachdem die Füchse sich 28:25 (14:13) gegen den französischen Klub St. Raphael durchgesetzt hatten, feierten sie ihren Titel vor einer fast leeren Halle. Trotz Aufforderung des Hallensprechers, gute Gastgeber zu sein und allen Teams Respekt zu zollen, verließen die Bördeländer größtenteils die Arena. Weder Applaus noch stille Anerkennung mochten sie den Nachbarn aus Berlin entgegenbringen.

Der Frust beim Traditionsklub saß tief, das Endspiel selbst verpasst zu haben. So tief, dass es den Fans lieber gewesen wäre, die Franzosen, die dieGastgeber-Mannschaft im Halbfinale besiegt hatten, am Ende ganz oben auf dem Treppchen zu sehen als die Füchse. Von Beginn an feuerten knapp 6000 Menschen St. Raphael nicht nur an, sie buhten und pfiffen die Füchse sogar aus. „Die Grenzen sind überschritten worden. So etwas habe ich selbst im Fußball noch nicht erlebt“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, der bereits am Tag zuvor in einer Magdeburger Sporthalle beschimpft worden war, nachdem er mit der A-Jugend den Meistertitel gegen den SCM-Nachwuchs gewonnen hatte.

Dass ein deutscher Klub in einem Finalspiel auf deutschem Boden derart respektlos behandelt wird, war irritierend und beschämend für den deutschen Handball. Doch genau wie die verletzungsbedingten Ausfälle in den vergangenen Wochen nahmen die Füchse auch die Anfeindungen nur als Signal von außen wahr, um noch enger zusammenzurücken. „Wenn man in Magdeburg gewinnt, wo man alle Zuschauer gegen sich hat, hat man es wirklich verdient“, sagte Hans Lindberg, mit 82 Treffern bester Werfer des Wettbewerbs. Feiern wollte die Mannschaft dann lieber in der Hauptstadt. Nach einer fröhliche Busfahrt fanden sich alle Verantwortlichen im Pub „Blackland“ im Prenzlauer Berg ein. Als Höhepunkt beschreibt Hanning den Karaokeauftritt von Außen Bjarki Elisson mit „Angels“ (Robbie Williams).

Bei jedem neuen Rückschlag noch enger zusammengerückt

So sehr die Mannschaft zu Saisonbeginn noch wie eine Ansammlung von Teilgruppen wirkte, so stark ist sie in den vergangenen Monaten zusammengewachsen. „Bei jeder Verletzung sind wir noch enger zusammengerückt“, sagt Lindberg. Das Phänomen, trotz der vielen Ausfälle so erfolgreich zu spielen, erinnert ein bisschen an die Nationalmannschaft bei ihrem EM-Titel 2016. Es ist eine Mischung aus der Verantwortung, die plötzlich jeder einzelne Spieler spürt, wenn der Kader immer kleiner wird, und der sinkenden Erwartung. Bei den Rahmenbedingungen, die die Füchse hatten, 48 Stunden nach dem Ligaspiel gegen Hannover ins EHF-Pokalwochenende zu starten, glaubte kaum jemand an einen Erfolg. Liegen die Erwartungen niedrig, kann man sie übererfüllen, und das kann mental eine weitaus angenehmere Situation sein, als die Last des Favoriten zu tragen.

„Zwischendurch hätten wir aber fast unsere Ziele aus den Augen verloren“, sagt Hanning. Vor vier Wochen, als die Füchse im Viertelfinal-Hinspiel 20:28 gegen RK Nexe verloren hatten, rückte das Final Four in weite Ferne. Vor dem Rückspiel gab es eine Ansprache von Hanning. Auch Trainer Velimir Petkovic stellte klar, dass er die Verletzungen nicht als Ausrede gelten lasse. Nach dem 25:16 im Rückspiel gegen die Kroaten war der Knoten geplatzt. Die Füchse verloren kein Spiel mehr, egal ob der Gegner Hannover, St. Raphael oder Rhein-Neckar Löwen hieß. „Das Comeback der Mannschaft ringt mir größten Respekt ab“, sagt Hanning.

Mit dem Titel haben die Füchse die Teilnahme am EHF-Cup kommende Saison sicher. Diesen Erfolg und den zehnten Meistertitel der A-Jugend wollen sie am Dienstag um 16 Uhr vor dem Rathaus Reinickendorf mit allen Fans feiern, wenn sie sich ins Goldene Buch des Bezirks eintragen. Vielleicht möchte ja auch der Magdeburger Junge vorbeikommen. Mit seinem Glückwunsch an Heinevetter hat er der älteren Generation ein Beispiel gegeben, wie sich ein guter Gastgeber verhält.