Handball

Hanning: „Wir haben in Rio die Chance auf Gold“

DHB-Vizepräsident Bob Hanning ist im Interview optimistisch, dass die deutschen Handballer in Rio eine sehr gute Rolle spielen.

Auf Fabian Wiede hält Bob Hanning (vorn, beim Abklatschen) besonders große Stücke. Beide gewannen gemeinsam schon viele Titel

Auf Fabian Wiede hält Bob Hanning (vorn, beim Abklatschen) besonders große Stücke. Beide gewannen gemeinsam schon viele Titel

Foto: imago/Camera 4

Berlin.  Am Mittwoch spielen die deutschen Handball-Europameister in Stuttgart gegen Tunesien (18.35 Uhr, ZDF). Am Donnerstag muss Bundestrainer Dagur Sigurdsson sein Olympia-Aufgebot nominieren. Was das Besondere ist am Isländer, wie die Chancen der Berliner stehen und was die Ziele in Rio sind, erklärt Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin und Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Handballbundes.

Herr Hanning, wer sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Spieler im deutschen Team für Rio?

Bob Hanning: Auf jeden Fall Steffen Weinhold, weil er über die nötige Routine verfügt und ein richtiger Anführer ist. Patrick Wiencek nehme ich als Gesamtpaket in Abwehr und Angriff in der vordersten Linie. Und für den besonderen Moment Fabian Wiede.

Die ersten beiden Namen kommen nicht überraschend, der Name des Berliners Wiede schon. Warum er?

Weil er viermal deutscher Jugendmeister geworden ist, weil er den DHB-Pokal gewonnen hat, weil er den Europapokal gewonnen hat, weil er den Weltpokal gewonnen hat, weil er Europameister geworden ist und vor allem: weil er immer in großen Spielen da war.

Steffen Fäth, Paul Drux, Silvio Heinevetter und Wiede - es sind ziemlich viele Berliner im derzeit noch 21-köpfigen Kader dabei.

Steffen wird uns jetzt schon zugeordnet, aber er hat ja noch kein Spiel für uns gemacht. Es sind drei mit Chancen dabei, Wiede, Heinevetter und Drux. Und aus 21 werden noch 14 für Rio, mal abwarten, wie viele es tatsächlich schaffen. Aber wir sind ja nun mal ein Spitzenklub, der mit deutschen Spielern arbeitet. Die SG Flensburg-Handewitt hat derzeit keinen Spieler für das deutsche Nationalteam, Melsungen könnte Michael Müller stellen, aber da ist Wiede stärker. Damit sind wir hinter Kiel und Rhein-Neckar Löwen schon die Nummer drei in Deutschland. Und wir lassen mit Drux und Wiede junge deutsche Rückraumspieler auch spielen. Dafür werden wir jetzt ein Stückchen belohnt.

„Dagur Sigurdsson ist jemand, der sich jeden Tag weiterentwickeln will“

Würden Sie sagen, dass Dagur Sigurdsson nach seinem Wechsel von den Füchsen Berlin auf den Posten des Bundestrainers in seiner Entwicklung einen Schritt nach vorn gemacht hat?

Nein. Dagur ist am oberen Level seiner Entwicklung. Das war er schon bei den Füchsen. Ich sehe nicht, dass er plötzlich einen großen Schritt gemacht hat. Aber Dagur ist jemand, der sich jeden Tag weiterentwickeln will und daher auch immer besser wird.

Hat er ein Erfolgsgeheimnis?

Einmal seine Gradlinigkeit in der Entscheidung. Er holt sich erst Rat, diskutiert, will Meinungen hören. Aber wenn er entschieden hat, zieht er das durch, schaut nicht links und rechts. Das weiß jeder und hilft einer Mannschaft ungemein. Er wird sich nie an zu viel Kommunikation mit seinen Spielern verschleißen (lacht). Nein, er konzentriert sich aufs Wesentliche, ist nicht der große Kommunikator, das lässt er andere machen. Deshalb haben wir um ihn herum ein Team aufge-baut, das abdeckt, wo er vielleicht nicht ganz so stark ist. Und ihn das machen lässt, wo er sehr stark ist.

Was sind seine Stärken, und wie ist Ihre Zusammenarbeit?

Augenhöhe und Ehrlichkeit sind das Wesentliche, da gab es nie einen Chef und einen Angestellten. So sind wir auch Freunde geworden, ohne je das Professionelle aus den Augen zu verlieren. Es würde nie eine Entscheidung geben, die auf unserer Freundschaft beruht, nur Entscheidungen, die für die Sache richtig sind. Ich wünschte mir wirklich manchmal etwas mehr Kommunikation mit den Spielern. Andererseits ist es eine große Stärke, es nicht zu tun. Er ist hochgradig professionell im Umgang mit den Themen, die für den Handball wichtig sind. Und er ist grundehrlich. Du kannst mit ihm diskutieren und eine andere Meinung haben, das verlässt nie das Zimmer. Er hat seine Linie. Ich habe unglaublich viel von ihm gelernt. Er hat große Lebenserfahrung, und ich verstehe sehr gern die Dinge auch mal aus einer anderen Sichtweise. Er hält mir manchmal den Spiegel vor und sagt: Reflektier dich mal! Andersherum mache ich es bei ihm genauso. Das kannst du nur machen, wenn du dir maximal vertraust. Das tun wir. Wir hinterfragen uns oft, stellen uns aber nie in Frage. Dagur denkt in Lösungen, er denkt nicht, wie die Reaktionen sein könnten, was passieren könnte. Er ist von seinen Entscheidungen eben überzeugt.

„Dagur Sigursson sollte in Dänemark Nationaltrainer werden“

Warum haben Sie als Füchse-Geschäftsführer ihn dann überhaupt gehen lassen?

Er war nirgends so lange wie bei uns. Aber man konnte spüren, er wollte etwas anderes. Wir haben gesagt, wir müssen für beide Seiten den Moment finden, auf dem Höhepunkt zu gehen. Es war an der Zeit, eine neue Herausforderung zu wählen, die hat er gewählt. Dagur hatte damals ja schon mit dem dänischen Verband verhandelt, sollte auch dort Nationaltrainer werden.

Glauben Sie, dass er einmal als Füchse-Trainer zurückkehrt?

Er dürfte jederzeit. Doch ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Vielleicht geht er irgendwann nach Island zurück.

Welches Potenzial hat die Mannschaft im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio und auf spätere Ziele?

Unsere Mannschaft ist jung. Fast alle werden noch bei den Spielen in vier Jahren in Tokio dabei sein können. Für viele kommt das beste Alter erst noch. Bei unserem EM-Titelgewinn in Polen ist jedes Momentum auf unsere Seite gefallen. Jetzt haben wir in Rio eine Gruppe mit Schweden, Polen, Brasilien, Slowenien, Ägypten. Die Zielsetzung ist unstrittig das Viertelfinale, also mindestens Platz vier in der Gruppe. Die ganzen anderen überragenden Truppen spielen in der anderen Gruppe, Kroatien, Frankreich, Katar, Dänemark. Das heißt, du hast in jedem Fall ein unfassbar schweres Spiel im Viertelfinale. Jetzt sage ich, das Viertelfinale ist Pflicht. Aber wenn du das gewinnst, fehlen dir nur noch 120 Minuten zum Olympiasieg. Das ist dann wie ein Final Four, und im Final Four geht alles.

„Wenn wir das Viertelfinale gewinnen, fehlen uns 120 Minuten zum Olympiasieg“

Eigentlich war das Ziel Olympiasieg ja erst in vier Jahren avisiert.

Ja, aber jetzt stehen wir plötzlich jetzt schon da mit einer Chance. Ich glaube, dass die Chance dieses Mal nicht viel kleiner ist als in vier Jahren. Ich erzähle Ihnen eine kurze Geschichte, ein für mich einschneidendes Erlebnis. Wir haben mit der Mannschaft über die Prämien verhandelt, mit Kapitän Uwe Gensheimer, Steffen Weinhold und Carsten Lichtlein. Da habe ich das gleiche gesagt: Wenn wir das Viertelfinale gewinnen, fehlen uns 120 Minuten zum Olympiasieg. In dem Moment ging bei Weinhold eine Gänsehaut am ganzen Körper hoch. Da habe ich gedacht, warum soll es jetzt nicht funktionieren? Wenn ein so zentraler Spieler bei dem Gedanken eine Gänsehaut bekommt, weiß ich doch, was passiert. Dass ich mich top auf die Jungs verlassen kann.