Handball

Silvio Heinevetter kämpft gegen den Karriereknick

Der Torwart der Füchse-Handballer zeigt in dieser Saison schwankende Leistungen. Als Quittung dafür wurde er nicht für die EM nominiert.

Silvio Heinevetter in Aktion: Der Torwart der Füchse wurde von Bundestrainer Dagur Sigurdsson nicht für die EM in Polen im Januar 2016 berücksichtigt

Silvio Heinevetter in Aktion: Der Torwart der Füchse wurde von Bundestrainer Dagur Sigurdsson nicht für die EM in Polen im Januar 2016 berücksichtigt

Foto: imago/Camera 4

Berlin.  Silvio Heinevetter überlegt einige Sekunden, lässt sich Zeit, verschließt die Lippen, als wenn er verhindern möchte, dass doch ungewollt einige Worte seinen Mund verlassen. Seine Augen funkeln, während es in ihm arbeitet. Es ist ihm deutlich anzusehen: Jede Menge gäbe es zu sagen, aber er tut das, was in einem Sprichwort „auf die Zunge beißen“ genannt wird.

So lässt der Torhüter des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin die Frage unbeantwortet, wie er es aufgenommen hat, nicht für den Kader der deutschen Nationalmannschaft für die Europameisterschaft in Polen (15. bis 31. Januar 2016) nominiert worden zu sein. Nur so viel: „Ich möchte dazu nichts sagen.“

Kein Zweifel, es hat Silvio Heinevetter schwer getroffen, von Bundestrainer Dagur Sigurdsson vor einer Woche zu erfahren, dass in seinen Augen Carsten Lichtlein (VfL Gummersbach) und Andreas Wolff (HSG Wetzlar) erste Wahl sind. „Dagur hat mich telefonisch informiert“, lässt sich der 31-Jährige zumindest entlocken. „Er war nicht sehr glücklich“, antwortet der Isländer auf die Frage, wie die Reaktion des Torwarts auf die schlechte Nachricht ausgefallen war.

Seit 2009 war er bei jedem Großereignis dabei

In den Medien wurde von einer „Überraschung“ gesprochen, dass Heinevetter, der mit und von seinen Emotionen lebt und polarisiert, im EM-Kader fehlt. Doch es hatte sich längst angedeutet. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning sagt: „Ich habe es befürchtet.“ Denn der Torwart seines Teams sei „momentan nicht in der Form, die es selbstverständlich macht, dass er bei der EM dabei ist“.

So wie in jedem Jahr seit 2009, wenn sich die Nationalmannschaft für eine WM oder EM qualifiziert hatte. Gerade durch Auftritte mit dem deutschen Team (bisher bestritt er insgesamt 132 Länderspiele) ist Heinevetter bundesweit neben dem nicht mehr aktiven Stefan Kretzschmar zum bekanntesten Gesicht des deutschen Handballs geworden. Heinevetter gleich Spektakel: Schier unglaubliche Paraden, aber auch emotionale Ausbrüche, die ihn manchmal wie ein Derwisch im Wurfkreis herumspringen ließen.

Wie beim ganzen Team sind die Leistungen auch bei ihm instabil

„Heine“, wie er genannt wird, ist für manche eine Reizfigur. Eine Größe ist er bei den eingefleischten Handballfans allemal. Dass er als Lebensgefährte der Schauspielerin Simone Thomalla zudem einer weniger am Sport als an der Prominenten-Szene interessierten Klientel bekannt ist, steigert nur noch den Aufmerksamkeitsgrad.

Deshalb ist es auch Heinevetter, der seit einer Weile im Werbefilm der Internetbank, die auch Namenssponsor der Bundesliga ist, auftritt. Dieser Spot um „Silvios Hausbank“ sollte wohl auch die EM-Übertragungen in ARD und ZDF flankieren. Doch jetzt fehlt ausgerechnet der Protagonist.

Zwar hat ihn Sigurdsson auf die Nachrückerliste gesetzt und sagt, dass man noch vor, ja sogar während der Europameisterschaft Wechsel vornehmen könne, aber seine Nichtnominierung ist für Silvio Heinevetter der Tiefpunkt einer Negativ-Entwicklung in den vergangenen Monaten. Waren schon in der vergangenen Spielzeit – allerdings oft auch von der Abwehr alleingelassen – Topleistungen von ihm nicht mehr an der Tagesordnung gewesen wie früher, zeigte er in dieser Saison die gleichen schwankenden Leistungen wie die gesamte Füchse-Mannschaft. Zuletzt gab Berlins neuer Trainer Erlingur Richardsson Heinevetters Torhüter-Kollegen Petr Stochl (39) öfter den Vorzug.

Protagonist in einem Werbespot des Liga-Sponsors

Die Quote seiner gehaltenen Bälle ist deutlich zurückgegangen. „Ich gucke mir solche Quoten nicht an“, sagt Heinevetter kurz. Überhaupt sei es „mitten in der Saison“ noch viel zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Und dann diese Verletzungsprobleme im Team. „Das ist eine Last, die schwer aufzufangen ist.“ Zudem ist nach dem Weggang des Kapitäns Fredrik Petersen „unser Kader nun noch dünner“.

Es sei nicht korrekt, „alles auf die Torhüter und die Abwehr zu schieben“, sagt er. An einen Teil der Medien dürfte dieser Satz gerichtet sein: „Wir sind nicht so schlecht, wie wir von euch gemacht werden.“ Was Heinevetter und die Mannschaft am Sonntag (Schmeling-Halle, 17.15 Uhr, Sport1) gegen das Spitzenteam der SG Flensburg-Handewitt beweisen wollen.

Bekanntheit auch durch die Beziehung mit Simone Thomalla

Gut möglich, dass am Sonntag auch der weiter in Berlin wohnende Sigurdsson unter den Zuschauern sein wird. Bis zum Sommer 2015 war er der Vorgänger Richardssons als Füchse-Coach. „Ich weiß am besten, was ich an Silvio habe. Ich habe oft auf ihn gesetzt, wenn andere nicht an ihn geglaubt haben“, sagt er.

Glaubt er jetzt nicht mehr an ihn? „Es ist eine Entscheidung für Carsten und Andreas und nicht gegen Silvio, den ich von allen Spielern am längsten kenne“, erklärt der Bundestrainer. 2009 kamen sowohl Heinevetter als auch Sigurdsson zu den Füchsen, sechs Jahre arbeiteten sie gemeinsam; sie erreichten das Final Four der Champions League (2012), wurden deutscher Pokalsieger (2014) und holten zuletzt den EHF-Cup (2015).

Am Sonntag Topspiel gegen die SG Flensburg-Handewitt

„Ich bin mir sicher, dass er seine Nichtnominierung als Motivation nutzt“, sagt Hanning. „Er hat die Qualität.“ Klar sei aber auch: „Wir wissen, dass er viel mehr kann.“ Woran die nachlassenden Leistungen liegen? Haben sich die Gegner inzwischen auf sein teils spekulatives Spiel eingestellt? Hat seine Reaktionsfähigkeit nachgelassen?

Sein Klubtrainer Erlingur Richardsson sagt: „Vielleicht muss er mehr arbeiten.“ Der Isländer berichtet, dass Heinevetter bereits reagiert habe: „Ich finde, er macht im Training mehr.“ Silvio Heinevetter, da kann man sich durchaus sicher sein, wird es seinen Kritikern zeigen wollen.

Wird er den innerlichen Frust aber wirklich umsetzen können? Dagur Sigurdsson glaubt ganz fest daran: „Silvio wird stärker zurückkommen.“