Berlin –

Brand-Sätze im deutschen Handball

Ex-Bundestrainer kritisiert den Berliner Manager Hanning und geht dabei unter die Gürtellinie

Berlin. Nach Jahren der Erfolglosigkeit rockt die deutsche Handball-Nationalmannschaft wieder. Unter dem neuen Bundestrainer Dagur Sigurdsson wurde die DHB-Auswahl bei der WM im Januar in Katar Siebter, im Juni löste das Team das Ticket für die EM 2016 in Polen. Und in der Bundesliga besetzen seit 20 Jahren erstmals wieder junge deutsche Spieler Schlüsselpositionen. Auch ein Verdienst von Bob Hanning, der als DHB-Vizepräsident Leistungssport in Zusammenarbeit mit Sigurdsson die Strukturen im Verband professionalisiert und das Ziel Olympiasieg 2020 vor Augen hat. Doch seit Monaten tobt ein Machtkampf im Deutschen Handballbund (DHB), der jetzt eskaliert.

Heiner Brand, einst als Spieler und Bundestrainer Weltmeister, greift Hanning via „Sport Bild“ offen an. „Dass der DHB so tief gespalten ist, basiert allein auf der Person von Bob Hanning. Es war vielen bekannt, dass er eine sehr narzisstische Persönlichkeitsausprägung hat. Solche Menschen können keine vernünftige Beziehung aufbauen oder im Team arbeiten“, sagte Brand über seinen ehemaligen Co-Trainer im Nationalteam. Aus Freunden von einst sind offenbar Feinde geworden. Bei Hanning, so Brand weiter, stünden vor allem die „Eigeninszenierungen“ im Vordergrund. Brand unterstellte Hanning zudem, dass es ihm „gar nicht um die Zukunft des Handballs geht, sondern um persönlichen Machtgewinn“. Vorwürfe, die unter die Gürtellinie gehen.

Bob Hanning wollte sich am Mittwoch zu der verbalen Brand-Attacke nicht äußern. Für den Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin übernahmen das andere im DHB und in der Handball-Bundesliga (HBL). So sagte Berndt Dugall, Vorsitzender der Handball Bundesliga Frauen und Mitglied im DHB-Präsidium: „Es wäre interessant, wenn jemand mal ein paar kleine Mosaiksteinchen aus dem Zusammenhang reißt, sie mit Tatsachenverdrehung vermischt und auf der Basis eine Geschichte über Heiner Brand schreibt“, sagte Dugall, „gerade Brand ist ganz sicher die falsche Person, um auf diese unsägliche Art und Weise über jemanden zu urteilen.“

Zuspruch von vielen Seiten

Rückendeckung erhielt Hanning auch von Uwe Schwenker. Der Vorsitzende der HBL bezeichnete die Kritik Brands an Hanning als „in dieser Art und Weise nicht unbedingt zielführend“. Schwenker weiter: „Mit diesen persönlichen Diffamierungen tut Heiner Brand sich selbst und dem Handball keinen Gefallen.“ Die HBL stehe nach wie vor geschlossen hinter Hanning. Schwenker rief alle Beteiligten zur Sachlichkeit auf.

HBL-Vizepräsident Marc-Henrik Schmedt stellte die Leistungen Hannings heraus. Dieser habe in Berlin „aus dem Nichts und ohne Mäzen“ Bemerkenswertes geschaffen: „Sein Füchse Town (Trainingszentrum im Sportforum/d.Red.) ist beispielhaft für eine gut funktionierende Nachwuchsarbeit.“ Auch Schmedt hat kein Verständnis, dass Brand auf dieser Ebene in die Öffentlichkeit gehe: „Bob Hanning ist einer der wichtigsten Motoren, die wir im deutschen Handball haben.“

Hannings Verdienste für den deutschen Handball sind unbestritten. Mit der obersten Priorität, deutsche Talente auszubilden und an den Profi-Handball heranzuführen, schreibt der 47-Jährige als Geschäftsführer der Füchse seit 2005 in Berlin eine Erfolgsgeschichte, gekrönt von den Titeln im DHB-Pokal (2014) und im EHF-Cup (2015). Mit Sigurdsson gaben die Füchse ihren langjährigen Spitzentrainer im September 2014 vorzeitig für den DHB frei. Und derzeit spielen 18 von Hanning persönlich in der Jugend ausgebildete Akteure in der Bundesliga. Dazu besetzen mit Fabian Wiede und Paul Drux zwei Füchse-Profis die Königspositionen in der Nationalmannschaft. Das sind die Fakten.

„Ich schätze an Bob Hanning, dass er mir bei den beiden Pokalsiegen mit den Füchsen voll und ganz die Bühne gelassen hat. Beim Feiern und auf dem Mannschaftsfoto. Das sagt mir einfach, da ist null Ego, was dahintersteckt“, sagte Bundestrainer Sigurdsson der Morgenpost über Hanning. Seit über sechs Jahren arbeiten beide eng zusammen. „Bob hat mir mehrmals gezeigt, dass man nicht immer nur der Allergrößte sein kann.“

Dass Hanning ein Macher ist, dessen Vorgehen manchem zu forsch ist, ist kein Geheimnis. Der gebürtige Essener will Macht, das bestreitet er nicht. Aber er will sie im Sinne des deutschen Handballs nutzen, wie er selbst betont. Hanning handelt lieber als zu palavern, er ist dabei immer offen und geradeaus. Und er denkt in Lösungen, nicht in Problemen. „Mit Angst hätte ich den falschen Job“, sagte er der Morgenpost.

Bereits Ende Juli hatte es im DHB einen Eklat gegeben. Der Handballverband Württemberg hatte „stellvertretend für vier der fünf größten Landesverbände“ einen Antrag auf Abwahl des gesamten DHB-Präsidiums gestellt. Dieser ist nun ein zentrales Thema bei der außerordentlichen Bundesratssitzung am Sonnabend in Kassel, wo auch Hanning anwesend sein wird.

Attacke zeitlich genau gesetzt

Offiziell beschlussfähig ist der Bundesrat nicht, weil die notwendige Einladungsfrist nicht eingehalten wurde. Der außerordentliche Bundestag mit Präsidentenwahl findet am 26. September in Hannover statt. Ein Grund für den Abwahlantrag des gesamten DHB-Präsidiums ist der Vorschlag seitens der Findungskommission, den aktuellen DHB-Vizepräsidenten für Amateur- und Breitensport, Andreas Michelmann, als Nachfolger des nach Streitigkeiten zurückgetretenen DHB-Chefs Bernhard Bauer zu installieren.

Vor diesem Hintergrund kommt die Brand-Attacke zeitlich nicht von ungefähr. Denn der Gummersbacher kritisiert neben Hanning auch das gesamte DHB-Präsidium. „Für mich sieht es so aus, als wären dort nur Mitläufer am Werk, die zufrieden sind, dass sie überhaupt einen Posten haben“, sagte Brand und sprach sich für die Rückkehr Bauers ins Präsidentenamt aus.