Handball

Siege sind für die Füchse die beste Medizin

Der Berliner Handball-klub verblüfft trotz zunehmender Verletzungen seiner Spieler auch in der Champions League. Die Füchse stehen kurz vor dem Achtelfinale.

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Wenn jetzt auch noch einer der Spieler einen Zahn verlieren würde, könnte man fast sagen: Die Handballer der Füchse Berlin gehen auf dem Zahnfleisch. Ganz so schlimm ist es nicht, aber die Saison ist ja auch gerade erst zur guten Hälfte absolviert und die Zahl der Verletzungen trotzdem spürbar steigend. Vor dem Training am Montagnachmittag sagte deshalb Trainer Dagur Sigurdsson leicht martialisch: „Wir müssen sehen, wie wir diesen Kampf überlebt haben.“ Der Isländer meinte den , der für die Berliner einen großen Schritt Richtung Achtelfinale bedeutete. Und er meinte die Opferbereitschaft seiner Spieler, die außergewöhnlich ist.

Denis Spoljaric hätte wegen seiner Schmerzen in der Achillessehne des rechten Fußes vermutlich lieber pausiert. Doch als seine Mannschaft ihn brauchte, ließ sich der kroatische Abwehrchef zu Beginn der zweiten Halbzeit einwechseln. Mit ihm hielt die Berliner Verteidigung den Angriffen der Russen viel besser stand. „Das zeigt seinen Charakter, dass er sich in solch einer Situation zur Verfügung stellt“, lobt Mitspieler Sven-Sören Christophersen, selbst durch einen Schlag auf die Hand gehandicapt, genau wie Mark Bult und Bartlomiej Jaszka, die alle drei dennoch wichtigen Anteil am Erfolg hatten. So fehlte nur Alexander Petersson, dessen Schulterverletzung keinen Einsatz zuließ. Christophersen: „Ich bin sicher, wenn Alex spürt, dass es geht, macht er es genauso wie Denis.“ Handball sei eben ein Mannschaftsspiel, und „die allgemeine mannschaftliche Geschlossenheit ist eine unserer größten Stärken“, glaubt der Nationalspieler. Bei den Füchsen, das zeigte sich am Sonntag erneut, ist der Begriff Teamgeist keine Phrase.

„Bei einer Niederlage wären wir draußen gewesen“, erklärt Füchse-Manager Bob Hanning die Besonderheit der Situation, „es war eines dieser Big-point-Spiele, die unseren Verein auf das nächste Level heben.“ Die Chancen stehen nun sehr gut, dass die Füchse ins Achtelfinale der Champions League einziehen, damit zu den besten 16 Mannschaften Europas zählen. Das als Novize in dieser illustren Gesellschaft und als Klub, der von seinem Budget her laut Hanning nur zum Mittelfeld der Bundesliga zählt. Manchmal erscheint dieser Erfolg fast unwirklich. In der vergangenen Saison belegten die Füchse bereits überraschend Rang drei in der Bundesliga. Damals unkte die Konkurrenz, die Berliner würden sich schon noch umsehen, wenn erst die internationale Verpflichtung hinzukomme. Auch der Überraschungseffekt sei jetzt dahin.

Nun klopft das Team in der Champions League an die Tür zum Play-off. Im nationalen Wettbewerb belegen die Füchse sogar Rang zwei. Warum, wenn andere doch finanziell besser aufgestellt sind?

Romero lobt die Atmosphäre

„Hier ist jetzt über längere Zeit etwas zusammengewachsen“, sagt Sigurdsson, „wir wissen, was wir können, haben immer mehr Vertrauen ineinander. Dazu kommt unser großartiges Publikum – diese Verbindung macht uns sehr heimstark.“ Christophersen sieht es pragmatisch: „Wir haben einen guten Spielmacher, einen guten Abwehrchef, gute Torhüter. Und vielleicht einige Spieler, die hier besser zeigen können als anderswo, was sie draufhaben.“ Einen weiteren Grund sieht Markus Richwien, der am vergangenen Mittwoch bei der 23:24-Niederlage in Hamburg noch schwächelte, aber vier Tage später gegen Tschechow acht Treffer erzielte: „Wir sind nicht ausrechenbar. Das ist schon die ganze Saison so: Es sind immer andere Spieler top.“ Bei manchen Mannschaften passiere oft folgendes: Fehlt der beste Schütze, ist das ganze Spiel kaputt. „Bei uns nicht. Bei uns sind alle gleich. Da gibt es keine Stars. Wir funktionieren, wenn wir als Team funktionieren.“ Das ist das gemeinsame Ziel. 60 Minuten im Spiel. 50 Spiele in der Saison.

Das Resultat zeigt sich in Partien wie gegen Tschechow. Bis kurz vor Schluss stand es auf der Kippe, dann erzwangen die Füchse den Sieg. „Wir müssen das über Herz und Leidenschaft machen“, fordert Hanning, „und über die Atmosphäre, die bei uns entstanden ist.“ Iker Romero, der erst im Sommer verpflichtete Weltstar vom FC Barcelona, habe ihm kürzlich gesagt, wie wohl er sich in diesem Verein und seinem Umfeld fühle.

Nun sind Siege natürlich das Beste für die gute Laune. „Wir müssen mal abwarten, wie das nach zwei oder drei Niederlagen hintereinander aussieht“, sagt Sigurdsson und muss lachen, als ihm klar wird, dass es so etwas bei den Füchsen schon lange nicht mehr gegeben hat: seit fast einem Jahr, als sie im März 2011 zu Hause gegen Hamburg und anschließend bei den Rhein-Neckar Löwen verloren.

Die nächste Herausforderung wartet am Mittwoch (19.30 Uhr) im Heimspiel gegen den SC Magdeburg. Christophersen warnt, bei aller Begeisterung: „Wir müssen sehen, dass wir nicht in einen Bereich kommen, wo der Verschleiß zu spüren ist.“ So lange sie gewinnen, werden die Schmerzen nicht ganz so schmerzhaft sein. Für einen Kader, der überschaubar ist wie jener der Füchse, bleiben Siege also die beste Medizin.