Füchse-Keeper

Heinevetter wettert gegen DHB-Präsident

Die Enttäuschung über das vorzeitige Aus bei der Handball-EM hat Füchse-Torhüter Silvio Heinevetter anscheinend schwer zugesetzt: Kurz vor der Heimreise ging er verbal auf Ulrich Strombach los.

Einen Tag nach dem vorzeitigen EM-Aus und dem Olympia-K.o. der deutschen Handballer muss Silvio Heinevetter der Frust gepackt haben. Kurz vor dem Abflug der Mannschaft aus Belgrad feuerte der Nationaltorhüter eine verbale Breitseite in Richtung von Ulrich Strombach, dem Präsidenten des Deutschen Handballbundes (DHB). „Ahnung vom Handball hat der nicht, wenn wir ganz ehrlich sind“, polterte Heinevetter am Donnerstagmittag am Flughafen „Nikola Tesla“. Dabei beließ es der Spieler der Berliner Füchse aber nicht. Er stellte nicht nur die fachlichen Kenntnisse des Verbandsbosses in Frage, Heinevetter kritisierte auch dessen persönlichen Umgang mit dem Nationalteam: „Wenn man nicht ein einziges Hallo oder Grüß dich zur Mannschaft sagt und in den Medien erzählt, wir kommen ins Halbfinale, dann muss man sich überlegen, ob man nicht lieber zu Hause bleibt als Präsident.“

Hanning verteidigt seinen Spieler

Nur Frust über das Scheitern gegen Polen? Füchse-Manager Bob Hanning nahm seinen Torhüter am frühen Abend in Schutz. Bezogen auf Heinevetters Kritik an Strombachs Verhalten sagte Hanning Morgenpost Online: „Als Sportler wäre ich da auch zickig… Es wird schon etwas vorgefallen sein, ganz ohne Grund sagt Silvio so etwas sicher nicht.“ Über den Vorgang werde er mit Heinevetter nicht unter vier Augen sprechen, „außer eine Seite bittet mich darum“. Er bezeichnete die Kritik als eine „Kommunikationsebene zwischen zwei erwachsenen Menschen“.

Mit Unverständnis hat hingegen Strombach auf die Kritik von Heinevetter reagiert. „Ich glaube nicht, dass Silvio Heinevetter beurteilen kann, ob ich Ahnung vom Handball habe“, sagte Strombach Morgenpost Online. „Ich bin jetzt seit 15 Jahren dabei, und in dieser Zeit hat sich nie jemand über mein Verhalten zur Mannschaft beschwert“, so der DHB-Präsident weiter. Er habe dem Team bei der EM in Serbien „bewusst jede Freizügigkeit“ gelassen. „Ich bin auch nicht bereit, mich einem Silvio Heinevetter gegenüber zu rechtfertigen.“

Nach Rechtfertigungen suchten dagegen die Spieler, nach dem vorzeitigen Ausscheiden und dem am Ende 7. Platz. Pech, Unvermögen, Schiedsrichter, Nerven – eine Mischung aus diesen Faktoren mag eine Rolle gespielt haben, sagte Mannschaftsführer Pascal Hens. Der Hamburger dürfte gegen Polen sein letztes wichtiges Länderspiel bestritten haben. Dass der DHB seinem Weltmeister von 2007 als Dank für dessen Verdienste noch den 200. Einsatz im Nationaltrikot gönnt, ist nicht auszuschließen – Hens präsentierte sich in Serbien trotz aller sportlichen Rückschläge als vorbildlicher Kapitän.

Während Hens (31) selbst an Abschied denkt, will der Bundestrainer seine Mission weiter verfolgen. „Ich fühle mich richtig scheiße. Dies ist einer der bittersten Momente in meiner Trainerlaufbahn“, sagte er zwar. Aber: „Ich möchte, wenn der Verband mich lässt, eine Mannschaft aufbauen, die irgendwann wieder um den Titel spielt.“ Er wird ihn wohl lassen, mindestens bis zum Vertragende 2014. „Stand heute“, sagte DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier, „bleibt er unser Bundestrainer. An ihm lag es nicht.“

Bundestrainer macht weiter

Heuberger habe mutig gecoacht, die Mannschaft auf jedes Spiel akribisch vorbereitet und sie hervorragend motiviert. „Der Bundestrainer hat einen ausgezeichneten Job gemacht“, sagte Abwehrrecke Oliver Roggisch von den Rhein-Neckar Löwen. „Auch taktisch“, ergänzte Vorgänger Brand, „hat Martin im Prinzip keine falschen Entscheidungen getroffen.“ Brand, inzwischen DHB-Manager, Bredemeier und Heuberger wollen in den nächsten Wochen die EM analysieren.

Die Erkenntnis, dass etwas schief läuft im deutschen Handball, ist nicht neu. Brand mahnt seit Jahren die Verantwortung der Vereine bei der Ausbildung junger Spieler an: „Wir müssen unsere Begabtesten stärker fördern. Nachgewiesenermaßen sind in den vergangenen Jahren zu wenige Talente von unten nach oben gekommen. Ändern wir das nicht, wird sich nichts bessern“, so Brand. „Das schaffen wir aber nur in enger Kooperation mit den Vereinen.“ Mit einem Programm zur Eliteförderung will der DHB seine Talentschulung in Zukunft systematisieren.

Ein Neuaufbau der Nationalmannschaft dürfte sich in den nächsten Jahren schwierig gestalten. Bis auf Torhüter Johannes Bitter, Spielgestalter Michael Kraus (beide HSV Hamburg) und Rückraumschütze Christian Zeitz (THW Kiel) waren die derzeit Besten in Serbien. Bitter und Zeitz wollen nicht mehr für Deutschland spielen, Kraus fehlte nach langer Verletzungspause die Form. Auf seiner Position herrscht der größte Mangel, auch wenn der Göppinger Michael Haaß ordentlich spielte. Im Spiel gegen Polen aber brach er sich drei Minuten vor Schluss das Sprunggelenk. Haaß muss am rechten Fuß operiert werden. Er wird erst in der nächsten Saison wieder Handball spielen können.

Hanning warnt jedoch vor Schreckensszenarien. „Der deutsche Handball hat das Potenzial zum Olympiasieg“, sagte er, „wir müssen es nur gemeinsam erschließen, der DHB, die Landesverbände und die Bundesliga.“ Die Art und Weise, wie sich die Nationalmannschaft in Serbien präsentiert habe, sei ermutigend gewesen. Was jetzt zu tun sei, dafür habe Hanning einige Ideen: „Zuletzt sind viele Entscheidungen getroffen worden, die in die richtige Richtung gehen. Wenn wir es weiter schaffen, Sachliches von Persönlichem zu trennen, sind wir auf einem guten Weg.“