Füchse-Gegner

Handballer Myrhol hat den Krebs besiegt

Bjarte Myrhol ist zurück im Leben. Der Kreisläufer der RN Löwen hatte sich im August einer Krebsoperation unterziehen müssen. Doch nun fühlt sich wieder als normaler Sportler und will am Abend im Bundesliga-Topspiel gegen die Füchse Berlin punkten.

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Thorsten Storm muss schmunzeln, wenn er an den 20. Oktober 2011 zurückdenkt. Der Manager der Rhein-Neckar Löwen saß in seinem Büro, als die Tür aufflog und Bjarte Myrhol vehement den Raum betrat. „Chef, ich würde gern wieder mitspielen“, sagte der Norweger und seine Augen blitzten. Storm stand der Mund offen, immerhin hatte sich Myrhol erst im August einer Krebsoperation unterziehen müssen, sein Comeback war für Januar geplant. „Aber“, sagt Storm, „Bjarte ist ein großer, großer Kämpfer und ein ganz besonderer Mensch.“

Die Rückkehr auf die große Handballbühne geriet für den 29 Jahre alten Myrhol zu einem hochemotionalen Erlebnis, zahlreiche Transparente und Laken hatte die Fans ausgerollt, auf denen sie dem Kreisläufer alles Gute wünschten, auch nach dem Abpfiff feierten die Anhänger Myrhol noch minutenlang. „Ich habe mich auf dieses Spiel vorbereitet wie immer und war sehr ruhig, aber als ich dann die Halle betreten habe, war ich schon sehr aufgeregt, da habe ich Gänsehaut bekommen“, erinnert sich der Norweger, der bei den Mannheimern längst wieder zu einer festen Größe geworden ist. „Handball ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, und ich wollte unbedingt zurückkommen. Der Gedanke an das mögliche Comeback hat mir in der schweren Zeit sehr geholfen“, sagt Myrhol, der am heutigen Dienstagabend mit den Löwen im Bundesliga-Topspiel bei den Füchsen Berlin in der Max-Schmeling-Halle gastiert (19 Uhr, live bei Sport1).

Im Rückblick kann Myrhol mit fester Stimme über die schwerste Zeit seines Lebens reden. Im Wissen, dass alles gut gegangen ist, dass er den Krebs besiegt hat. Mitte August hatte Myrhol die Diagnose erfahren: Hodenkrebs. „Die Nachricht damals war ein Schock. Das kannst du gar nicht wirklich fassen oder begreifen“, sagt der Handballprofi. Dennoch blieb er ruhig, „weil ich wusste, dass ich sehr gute Chancen habe, wieder ganz gesund zu werden“.

Nach der erfolgreichen Operation, in der der bösartige Tumor entfernt wurde, musste sich Myrhol einer Chemotherapie unterziehen. Zwei Zyklen über jeweils drei Wochen. Und immer begleitete ihn die bange Frage, ob er den Krebs wohl endgültig aus seinem Körper verbannen würde. Es folgten lange Wochen des Leidens und Hoffens. „Ich fühlte mich schlapp, fast ohne Kraft, war bettlägerig. Es war nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe“, sagte er. Immerhin konnte er sich auf den zweiten Zyklus vorbereiten. „Weil ich wusste, was mich erwartet.“ Gemeinsam mit seiner Freundin Charlotte stand er die schlimme Zeit durch. Zudem erhielt er aus viel Zuspruch, in Form von Briefen oder Mails. Aus dem Kämpfer am Handballkreis, einem der besten der Bundesliga, wurde ein Kämpfer für die eigene Gesundheit.

Am 4. Oktober dann bekam Myrhol die letzte Spritze. Ein Moment, den er so lange herbeigesehnt hatte. „Jetzt fängt der Weg zurück an. Der Weg zu dem, was ich am liebsten mag und am besten kann, nämlich Handball zu spielen“, schrieb der Norweger damals auf seiner Homepage und begann mit dem Training. „Ich wollte alles tun, um der Mannschaft wieder helfen zu können“, sagt er. „Ich habe eine harte Zeit hinter mir, aber das ist Vergangenheit. Jetzt schaue ich einfach nur noch nach vorn.“ Und Krankenhäuser wolle und könne er auch nicht mehr sehen, zumindest nicht von innen.

Schon einen Tag nach der letzten Spritze erzielte Myrhol im Training mit den Löwen ein Tor. Ein Ereignis, was vor der Krebs-Diagnose zum Alltag gehörte und nicht mal einen Jubelschrei zur Folge hatte. Jetzt aber ist alles anders. „Ich wusste gar nicht, dass es so ein gutes Gefühl sein kann, ein Tor im Training zu erzielen.“ Das tut Myrhol nun wieder regelmäßig und vermehrt auch im Spiel. Fünf Treffer gelingen dem Kraftpaket jetzt schon wieder pro Ligapartie, in der vergangenen Woche erzielte er beim Sieg über Aufsteiger Hildesheim (39:29) sogar neun Tore für die Löwen.

Die Mannheimer haben in der schweren Zeit ihrem Kreisläufer stets beigestanden und ihn unterstützt, wo es ging. Das war Ehrensache für Manager Storm. Und auch nach seiner Rückkehr bekommt der Norweger alle Zeit der Welt, „weil wir in ihm in erster Linie den Menschen und nicht den Sportler sehen“, so der Manager.

Für den Verein ist es ist nicht das erste Mal, dass er vom Schicksal hart getroffen wird. So verlor der polnische Rückraumspieler Karol Bielecki im Juni 2010 nach einem Zusammenstoß mit einem Gegner sein linkes Augenlicht. Knapp drei Monate nach dem Unfall feierte er mit elf Toren in einem Bundesligaspiel ein sensationelles Comeback. Den Kampf gegen den Krebs verlor Nationalspieler Oleg Velyky, der von 2005 bis 2008 bei den Mannheimern unter Vertrag stand. Er starb Anfang des vergangenen Jahres an Hautkrebs, er wurde nur 32 Jahre alt.

Bjarte Myrhol ist dankbar und glücklich, so rasch nach der Chemotherapie wieder zu seiner alten Leistungsstärke gefunden zu haben. Und er hat eine Erkenntnis gewonnen: „Vielleicht ist es das beste Gefühl, einfach nur ein normaler Handballspieler sein zu dürfen. Davon habe ich lange geträumt.“