Hauptstadt-Sport

So kämpfen Hertha und die Füchse um ihre Fans

Fan-Kultur kommt aus dem Herzen, da sind sich die beiden einig: Hertha-Finanzvorstand Ingo Schiller und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning sprechen mit Morgenpost Online über Freundschaft, Rivalität und gutes Essen.

Foto: Amin Akhtar

Für die Fußballprofis von Hertha BSC und die Handballer der Füchse Berlin lief es in der vergangenen Saison sportlich top. Hertha hat den Bundesliga-Aufstieg perfekt gemacht, die Füchse sind in die Champions League eingezogen. Sehr zur Freude von Ingo Schiller (46), Finanzvorstand bei Hertha BSC, und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning (43). Alexandra Gross und Martin Kleinemas trafen die beiden Macher des Berliner Sports beim Italiener „Paul“ am Kurfürstendamm zum großen Doppel-Interview unter Freunden.

Morgenpost Online: Herr Hanning, Herr Schiller, uns sitzen nicht nur zwei wichtige Sportmanager gegenüber, sondern auch zwei Freunde. Wie haben Sie sich kennengelernt? Im Stadion?

Ingo Schiller: Nein. Wir haben uns über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt, der selbst Handball spielt, aber für uns tätig war. Er hat gesagt: Es würde doch Sinn machen, dass die beiden Essener sich hier in Berlin kennenlernen.

Morgenpost Online: Sie kommen beide aus Essen?

Ingo Schiller: Ja. Wir sind beide dort geboren und aufgewachsen.

Bob Hanning: In welchem Krankenhaus bist Du denn geboren?

Ingo Schiller: Kettwig, aber das gibt es gar nicht mehr.

Bob Hanning: Das wurde dann direkt nach Deiner Geburt geschlossen, oder was?

Ingo Schiller (lacht) : Richtig. Wegen des großen Erfolges.

Morgenpost Online: Herr Hanning, wie oft waren Sie schon bei Hertha im Stadion?

Bob Hanning: Viel, pro Saison habe ich sieben bis acht Spiele gesehen.

Morgenpost Online: Und Sie, Herr Schiller?

Ingo Schiller: Ich denke, das hält sich die Waage. Wir hatten ja in der vergangenen Saison Anstoßzeiten, dir es mir ermöglicht haben, öfter mal zum Handball zu gehen.

Bob Hanning: Ich war ja schon Hertha-Fan, ehe ich Ingo Schiller kennengelernt habe. Aber, das kann ich schon offen und ehrlich sagen, die richtige Identifikation kam erst in dieser Saison. Weil mir das alles brutal sympathisch war. So wie das alles nach dem Abstieg gelaufen ist, fand ich richtig gut. Selbst als Hertha ganz erfolgreich war, gab es nicht das Gefühl, dass Hertha für die ganze Stadt da ist. Das merkt man jetzt, in der Stadt hat sich ein unglaubliches Sympathiegefühl entwickelt. Der Verein hat sich fast neu erfunden. Ich habe das Gefühl, dass es künftig schöner ist, 13. zu werden als mit der alten Mannschaft Fünfter.

Morgenpost Online: Herr Schiller, das mit der gestiegenen Sympathie hören Sie häufiger derzeit, oder?

Ingo Schiller: Oh ja. Es trifft ja auch den Kern. Diese Erdung, die wir alle gemeinsam, Präsidium, Geschäftsführung und jeder Mitarbeiter bewusst leben, hat zu neuer Glaubwürdigkeit geführt. Wir werden als der Berliner Fußballverein wahrgenommen. Bis auf vielleicht in diesem gallischen Dorf in Köpenick (Schiller meint den 1. FC Union, d. Red.).

Morgenpost Online: Bei den Füchsen ist das ähnlich. Ihre Mannschaft ist lange gewachsen und ist eben keine Legionärstruppe?

Bob Hanning: Manchmal bedarf es ja ein bisschen Demut, es gibt so Schlüsselmomente, wo du einfach ein wenig runterkommen musst. So gesehen gibt es da eine gewisse Ähnlichkeit. Dazu brauchst du dann auch ein bisschen das Sieger-Gen, das hat sich Hertha mit Markus Babbel, aber auch mit Spielern wie Peter Niemeyer geholt. So etwas brauchen wir bei den Füchsen auch, Spieler wie Iker Romero. Aber wichtig sind eben wirklich die Typen, die den Klub auch nach außen vertreten und das symbolisieren, was uns wichtig ist.

Morgenpost Online: Herr Hanning, wenn Sie die Unterstützung aus der Stadt für Hertha loben – wie sieht es bei den Füchsen aus?

Bob Hanning: Ach, da sind wir ja noch meilenweit von entfernt. Fan-Kultur erwächst aus dem Herzen. Die kannst du nicht aufzwingen. Wo du gerade vom gallischen Dorf sprachst: Wir haben noch nicht die Fans wie Union, die uns eine Heimspielstätte bauen. Mir ist ja vor allem wichtig, dass die aktuellen Fans bleiben, auch wenn der Erfolg ausbleibt. Der sportliche Bereich wächst ja derzeit so schnell, da kann der Rest gar nicht mitwachsen.

Morgenpost Online: Sie, Herr Hanning, haben mit den Füchsen eine ausgeglichene Bilanz. Hertha drücken 30 Millionen Schulden. Trotzdem ging Hertha mit einem extrem hohen Etat in die Zweite Liga. Wie viel Risiko müssen Sie als Sportmanager heute eigentlich gehen? Oder müssen Sie im Fußball tatsächlich ganz anders agieren als im Handball?

Ingo Schiller: Ich glaube, dass die Erfolgsfaktoren an sich recht ähnlich sind. Die eingesetzten Mittel haben schon eine Korrelation zum sportlichen Erfolg.

Bob Hanning: Da kann man dann Glück haben, wie wir aktuell…

Ingo Schiller: …oder Pech, wie wir in der Saison 2009/10. Trotzdem ist das unbestritten. Dennoch sind die Sportarten und die Möglichkeiten der Finanzierung unterschiedlich. Der Handball hat noch nicht diese Nachhaltigkeit, im Fußball haben wir das beste Lizenzierungsverfahren. Wir reden ja auch über eine andere Zeit. Schauen wir uns die Zeit um den Jahrtausendwechsel an: Das war eine Zeit wachsender Märkte, inklusive der Internetblase. Damals gab es einen unglaublichen Konkurrenzkampf unter den Vereinen, wir haben uns mit Klubs gemessen, die finanziell ganz andere Möglichkeiten hatten. Wenn sich dann der sportliche Erfolg nicht ausreichend einstellt, kommen sie irgendwann automatisch an den Punkt, an dem sie sagen: Wir müssen die Ausgaben jetzt beschneiden. Das haben wir gemacht. Manchmal muss man durch ein Tal gehen, um neue Kraft zu schöpfen. Die Lehren aus dieser Zeit haben wir gezogen.

Morgenpost Online: Herr Hanning, schauen Sie manchmal neidisch auf die Fußballbranche? Ihnen wäre ja schon mit wenigen Millionen unglaublich geholfen.

Bob Hanning: Nein. Neid ist mir fern. Man muss einfach sehen, dass eine Refinanzierung im Handball nicht möglich ist, wenn ein Konzept scheitert. Auch, weil wir keine Fernsehgelder haben. Der Schaden wäre nicht zu reparieren, Ingo kann das schon. Bei uns wäre das sofort das Aus. Wir haben uns aber ganz viel Hilfe von Hertha geholt. Von der neuen Hertha, das muss ich ganz offen so sagen. Ich habe damals zweimal bei Dieter Hoeneß angerufen und auf Band gesprochen. Er hat zweimal nicht zurückgerufen. Das gibt es jetzt nicht mehr. Wir haben uns unheimlich viel Input geholt.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Bob Hanning: Was ist wichtig in der Aufbauphase eines Klubs? Was müssen wir in der Stadt beachten? Und so muss es ja auch sein, es geht schließlich um die Sportstadt Berlin.

Morgenpost Online: Sie buhlen immerhin beide um das gleiche Publikum.

Bob Hanning: Es gab so viele Menschen, die nach Herthas Abstieg zu mir gesagt haben: Ist doch super für euch, jetzt kommen die Zuschauer und die Sponsoren. Das ist Irrsinn. Richtig ist: Langfristig brauchen wir ein starkes Zugpferd für den Berliner Sport. Wir haben das Glück, dass die Verantwortlichen bei Hertha genauso denken und uns mitnehmen. Und wir geben unsererseits etwas mehr in den großen Topf, als zum Beispiel die Volleyballer können. Das Entscheidende ist doch, dass die Zuschauer erst mal im Bereich Sport bleiben und nicht, sagen wir mal, in die Kultur abwandern.

Ingo Schiller: Die Stadt ist doch auch wirklich groß genug. Wenn London sieben Erstligisten verträgt, werden wir hier unsere Sportarten so abdecken können, dass keiner Sorge haben muss.

Morgenpost Online: Von den Füchsen hört man immer wieder, dass die bevorstehende Saison in der Champions League zu früh kommt und die Strukturen daran nicht so schnell anzupassen sind. Herr Schiller, solche Probleme hätten Sie bei Hertha nicht, oder?

Ingo Schiller: Ich glaube, dass Bob das nicht als Problem sieht, sondern als Aufgabe. Der Verein wird dem schon gewachsen sein, da bin ich sicher. Sie schöpfen doch die Euphorie aus dem sportlichen Erfolg. Das muss doch die treibende Kraft sein.

Bob Hanning: Wir haben ja zusätzlich das Problem der Kosten. Wir zahlen erst einmal 25.000 Euro Antrittsgebühr. Der Boden kostet dann noch einmal 50.000. Garantiert sind uns aber nur Einnahmen in Höhe von 40.000 Euro, wenn es sportlich schlecht läuft.

Ingo Schiller: Das ist doch kein Zuschussgeschäft, oder? Soll ich mal mit 'nem Hut für Euch rumgehen?

Bob Hanning (lacht) : Ich wollte mich bei Dir ja noch wegen einer Champions-League-Anleihe erkundigen. Im Ernst: Nein, ein Zuschussgeschäft ist es nicht, es kommen ja noch die Zuschauer-Einnahmen dazu. Wir müssen einfach sehr behutsam vorgehen. Ich kann nicht einfach mal eine Million durch einen Transfer querfinanzieren. Noch mal: Ich rede von nur einer Million!

Ingo Schiller: Also etwa 30 Millionen im Fußball.

Bob Hanning: Da kommen wir jetzt zu einem Thema, was mich sehr ärgert. Das habt ihr ihm Fußball auch: Da gibt es die Konzernvereine wie Bayer Leverkusen oder Wolfsburg. Oder das Mäzenatentum in Hoffenheim. Bei uns sind es Hamburg oder die Rhein-Neckar-Löwen. Da müssen jetzt vier Spieler nach Kopenhagen, nur weil der Sponsor es so will. So wollen wir nicht sein und niemals werden.

Ingo Schiller: Da sind wir beim Thema Kaufkraft. Natürlich ist die woanders höher. Aber wir leben in der mit Abstand tollsten Stadt in Deutschland. Die Standortfrage wird, im Fußball wie im Handball, immer wichtiger werden. Die müssen wir nutzen. Gerade ist wieder eine Studie erschienen, dass Berlin eine der attraktivsten Standorte für Investoren weltweit ist. Diese Entwicklung dauert tatsächlich deutlich länger, als wir uns das erhofft hatten. Aber sie wird sich nicht aufhalten lassen.

Morgenpost Online: Wenn Sie beide sich treffen: Was kommt dann auf den Tisch? Eher westfälisch oder inzwischen doch Currywurst?

Ingo Schiller: Steak oder italienisch.

Morgenpost Online: Welches Steak am liebsten?

Bob Hanning: New York Rib.

Ingo Schiller: Filet. Ohne Sauce. Mit Pommes und Spinat.

Bob Hanning: Mit Rahmspinat, aber das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht verraten.

Ingo Schiller: Das sieht doch der Leser…!

Morgenpost Online: Herr Hanning, Heiner Brand hat sich als Handball-Bundestrainer immer wieder beklagt, dass in der Liga zu viele Ausländer auf den wichtigen Positionen spielen. Im Fußball ist das derzeit ja nicht so ein Problem…

Ingo Schiller: Da sind wir wieder bei der Standortfrage. Das ist ein riesiger Vorteil für Berlin, weil die Jugendlichen aus diesen Schichten öfter Fußball spielen und das auch als ihre Zukunftschance begreifen. Dieses Umdenken hat im Fußball ja auch um die Jahrtausendwende eingesetzt. Seit 2001 haben wir die Verpflichtung, ein Leistungszentrum zu führen.

Bob Hanning: Das Thema Integration haben wir im Handball ganz klar verpasst.

Ingo Schiller: Es ist aber auch eine sehr deutsche Sportart, die gerade von den türkischen Mitbürgern nicht beachtet wird. Beim Fußball werden die in diese Kultur hineingeboren, weil ihre Eltern selbst Fans von türkischen Mannschaften sind. Im Handball müsste man sie überhaupt erst an diesen Sport heranführen.

Bob Hanning: Stimmt, daran hatte ich jetzt gar nicht gedacht. Der Hinweis ist absolut richtig. Gut, jetzt habe ich eine Ausrede (lacht). Trotzdem: Wir müssen uns natürlich Mühe geben, jeden mitzunehmen. Wir haben das Problem, dass wir die stärkste Liga der Welt sind, wo eben auch viele Weltstars spielen. Wir müssen Lösungen finden. Alle Bundesligisten machen eine gute Nachwuchsarbeit, aber wir müssen mehr tun. Wir müssen die Nationalmannschaft stärken, auch wenn wir nicht immer einverstanden sind, was da passiert.

Morgenpost Online: Wie sieht denn Ihr persönliches Berlin aus? Was machen Sie, wenn Sie gerade mal nicht managen?

Bob Hanning: Für mich ist Berlin die Vielfalt. Es ist toll das Gefühl zu haben, dass du jeden Tag alles machen kannst, und am Ende aber von dir aus darauf verzichtest. Du kannst in die Oper gehen, super toll Essen gehen, du kannst Sport sehen – und wenn du Ruhe haben willst, gehst du ins Grüne. Berlin ist ja viel grüner, als ich mir das jemals vorgestellt hätte.

Ingo Schiller: Wir haben ja noch den Gegenpol, da wir zwei Hunde haben. Da werden wir dazu gezwungen, im Grünen mal zur Ruhe zu kommen. Das sind zwei Labradore, die sind zu Hause ganz ruhig, aber wenn sie draußen sind, geben sie richtig Gas. Das ist für mich eine ideale Kombination.