WM 2011

Was die DFB-Frauen unbedingt verbessern möchten

Vor dem Duell um den Gruppensieg gegen die überzeugenden Französinnen hat sich die Offensive, das eigentliche Prunkstück des Teams, als "Manko" herausgestellt.

Ulrike Ballweg hat durchaus ein massives Problem mit der öffentlichen Wahrnehmung dieser Tage. Wenn sie die Leute reden hört, oder wenn sie liest und sieht, was Fernsehen und Zeitungen so alles an Einschätzungen rund um Deutschlands kommenden Gegner produzieren, dann kommt es der Assistenztrainerin des Nationalteams so vor, als stünde der Weltmeister der Jahre 2003 und 2007 jetzt schon vor einer kaum lösbaren Aufgabe.

Im Duell mit Frankreich geht es um Platz eins und zwei in Gruppe A, und die öffentliche Wahrnehmung vor dem abschließenden Vorrundenspiel am Dienstag (20.45 Uhr, ZDF) in Mönchengladbach gibt Ballweg so wider: „ Frankreich ist absolut top . Die können alles, die können wunderbar Fußball spielen, und sie erzielen wunderbare Tore.“

Die Tonlage der engen Vertrauten von Bundestrainerin Silvia Neid pendelt bei dieser Aufzählung irgendwo zwischen Verwunderung und Empörung. Es muss ihr ja auch so vorkommen, als wäre Frankreich das neue Deutschland – denn wunderbarer Fußball mit am Ende wunderbaren Toren, das war doch die Erwartung an den WM-Gastgeber.

Auf dem lastet stattdessen bleischwer der Druck, dass sich trotz zwei Siegen zum Start die Stimmung im Lande weiter verschlechtern könnte. Wahrlich nicht berauschend waren die Darbietungen gegen Kanada (2:1) und Nigeria (1:0) , und gelingt jetzt kein Sieg über Frankreich, würde es sich mit dem Hype um das erhoffte „Sommermärchen reloaded“ verhalten wie mit der allgemeinen Großwetterlage: Unerwartet ist es schlagartig herbstlich geworden.

Ohne Sieg über Frankreich würde im Viertelfinale voraussichtlich Japan warten, auch so ein Team, das bis jetzt wunderbaren Fußball gespielt und wunderbare Tore erzielt hat. Womit am Ende dieser fatalen Ereigniskette schon nach der ersten K.o.-Runde stehen könnte, was Mittelfeldspielerin Simone Laudehr vorab als „Albtraum für uns alle“ deklariert hat: das Aus im Viertelfinale. Das jähe Ende der Mission Titelhattrick. Oder malen alle zu schwarz?

Nach zwei Spielen stehen zwei Siege, und nur zwei Schüsse gestatteten Nadine Angerers Vorderleute ihren Gegnerinnen bislang, Kanada und Nigeria jeweils einen. Weswegen Ballweg die öffentliche Wahrnehmung auch zu konterkarieren versucht, indem sie davon spricht, dass die Analyse des Trainerteams vom hölzernen Kick gegen Nigeria doch eine positive war. Auf die Härte der „Knochenbrecher“ (Laudehr) hätten die deutschen Frauen mit Ruhe geantwortet – taktisch wie mental.

„Das war beides nicht einfach“, sagt Ballweg. Das Tor zum Sieg haben sie sich schließlich erarbeitet. Inka Grings, die eingewechselte Angreiferin, die per Hacke eine Art Vorvorlage gegeben hatte, sagte anschließend: „Wer solche Spiele wie gegen Nigeria gewinnt“, solche körperlichen und mentalen Abnutzungsschlachten, wie sie inzwischen auch im Frauenfußball stattfinden, „der kann Weltmeister werden.“

Taktisch clever und kühl im Kopf – was nur fehlt, ist das Zusammenspiel auf dem Weg nach vorn . Die Offensive, das vermutete Prunkstück der deutschen Mannschaft, „ist momentan unser Manko“, sagt Stürmerin Alexandra Popp. Über das Warum rätselt sie wie alle anderen auch: „Wir wissen ja, dass wir es können.“ Als erste Konsequenz wird Neid wohl ihre bisherige Spielführerin, Birgit Prinz, im Spiel gegen Frankreich auf die Bank beordern. Doch an ihr lässt sich das Dilemma nicht festmachen.

Statt eroberte Bälle wie gewohnt schnell und präzise zum Angriff zu nutzen, dilettieren die Frauen in Stollenschuhen. Es fehlt ihnen am nötigen Geschick im Passspiel und auch am nötigen Miteinander. „Wir müssen besser agieren und kombinieren“, fasst Neid-Assistentin Ballweg den befohlenen Lernauftrag in einen Satz.

Wie Sirup bekamen die Spielerinnen in Einzelgesprächen mit dem Trainerteam eingeträufelt, dass sie doch bitteschön weiter an ihr traditionell so erfolgreiches Spiel glauben sollten. Und um dieses Vertrauen weiter zu stärken, stand auch in der aktiven Vorbereitung auf das Endspiel um den Gruppensieg der Spaß im Vordergrund.

Nein, nein, beeilt sich Ballweg zu sagen, sie hätten deshalb nun „nicht Wasserball gespielt, wir bleiben beim Fußball“. Doch sollte in der Arbeit auf dem Rasen gezielt etwa das Spiel fünf gegen fünf auf kleinem Feld actionreich viele Torszenen herbeiführen. „Dieses Ziel haben wir erreicht“, resümiert Ballweg.

Unabhängig davon glauben die Spielerinnen daran, dass die eigenen Offensivbemühungen ihnen ausgerechnet gegen Frankreich wieder besser, nämlich gewissermaßen zum ersten Mal bei dieser WM sogar gut vom Fuß gehen werden. Eine selbst auf Angriff fokussierte Mannschaft wie Frankreich werde ihnen liegen, verspricht Stürmerin Alexandra Popp. Denn: „Die stehen nicht nur hinten drin, da ergeben sich für uns Lücken.“ Und die für kreative Lösungen zuständige Fatmire Bajramaj verkündet sogar: „Wir lieben es, gegen solche Gegner zu spielen.“

Fraglich ist nur, ob eine solche Einschätzung der 23-Jährigen auch einen Platz in der Startelf verschafft. Gegen die eher robust zu Werke gehenden Kanadierinnen und Nigerianerinnen hatte Bajramaj insgesamt nur 22 Minuten spielen dürfen – und war in dieser Zeit gänzlich wirkungslos geblieben.

Nicht anders war das Ende Mai sogar 90 Minuten lang, als Bajramaj mit Turbine Potsdam im Champions-League-Finale gewissermaßen schon einmal gegen Frankreich gespielt hat. Gleich zehn Spielerinnen des damaligen Endspielgegners Olympique Lyon gehören auch jetzt zum WM-Aufgebot. Bajramaj und Potsdam verloren das Finale leidlich chancenlos 0:2, „aber das“, behauptet die Deutsche, „hat nichts mit unserem Spiel am Dienstag zu tun“.

Die Großwetterlage immerhin stützt diese Einschätzung: Von Mittwoch an stehen die Zeichen im Land wieder auf Sommer(märchen).