Formel 1

Lewis Hamilton: Mehr als nur der beste Rennfahrer

Die Rekorde von Michael Schumacher schienen unerreichbar. Nun ist Lewis Hamilton dabei, ihn in jeder Hinsicht zu überholen.

Der Weltmeister kniet nieder, eine Demonstration für die „Black lives matter“-Bewegung, und seine sportlichen Konkurrenten tun es ihm gleich: Lewis Hamilton (M.) ist nicht nur auf der Piste der Anführer.

Der Weltmeister kniet nieder, eine Demonstration für die „Black lives matter“-Bewegung, und seine sportlichen Konkurrenten tun es ihm gleich: Lewis Hamilton (M.) ist nicht nur auf der Piste der Anführer.

Foto: Mark Thompson / AFP

Sotschi. Gut möglich, dass diese Geschichte noch mal geschrieben werden muss. Aber dass Lewis Hamilton in den nächsten Rennen der Formel 1 Geschichte schreibt, ist wahrscheinlicher als ein 8:0 von Schalke gegen Bayern. Schon beim Großen Preis von Russland an diesem Sonntag (13.10 Uhr, RTL und Sky) kann der Brite Michael Schumachers Bestmarke von 91 Grand-Prix-Siegen einholen. Vier von sechs Rennen bisher in Sotschi hat Hamilton gewonnen, sechs von acht WM-Läufen in diesem Jahr, drei der vergangenen vier. Der Gleichstand dürfte aber nur der Anfang einer neuen Ewigkeit sein. Hamilton wäre damit dem siebten Titel wieder ein Stück näher. Nicht mehr weit sind dann 100 Erfolge, logisch wäre ein achter Gesamttriumph. Siegen macht süchtig, und jeder Sieg ist bei dem 35-Jährigen auch eine Botschaft.

Das ist der größte Unterschied zu Michael Schumacher, der Ende 2001 Alain Prosts bis dahin gültige Bestmarke von 51 Siegen übertroffen hatte und seither Spitzenreiter in der Statistik ist: Hamilton überträgt seine sportliche Dominanz und eine Bekanntheit in politischen Aktionismus. Dementsprechend sagt er über seine Erwartungen für dieses Wochenende: „Es gibt andere, bedeutendere Themen und Dinge, die in der Welt passieren.“

Lewis Hamilton empfindet Bewunderung für Michael Schumacher

Hamilton mag es nicht, wenn alle davon ausgehen, dass er ohnehin gewinnt. Er ist stärker, besser, schneller, wenn er kämpfen kann, aufholen muss. Natürlich ist da auch der Stolz, die Rekordzahl wäre eine Ehre, und er wird das entsprechend zelebrieren. „Wenn es passiert, passiert es. Aber erst mal werde ich mir den Hintern aufreißen.“ Um das Thema Schumacher aber kommt er natürlich nicht herum. „Pure Bewunderung“ empfinde er für den Rekordweltmeister.

Auch wenn Ayrton Senna Hamiltons großes Idol war, erinnert er sich an zwei Begegnungen, die besonders für ihn waren. Einmal, als er als Nachwuchsfahrer auf der Kartbahn in Kerpen fuhr und Schumacher zuschaute. Und dann an ein Rennen in Abu Dhabi, als beide in der Formel 1 fuhren und die Helme tauschten: „Das war eine große Sache für mich. Jetzt ist es der wertvollste Helm in meiner Sammlung.“ 2013 löste Hamilton Michael Schumacher bei Mercedes ab und startete in seine eigene Erfolgs-Ära durch. Der Brite gehört aber auch zu denjenigen, die sich regelmäßig nach Schumachers Gesundheitszustand erkundigen.

Sebastian Vettel gönnt Hamilton seine Erfolge

Sebastian Vettel, für den Michael Schumacher Idol und Freund zugleich ist, spricht über seine gemischten Gefühle: „Für mich schienen seine Rekorde immer unerreichbar. Ich bin natürlich etwas traurig, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Rekorde gebrochen werden. Michael ist immer noch mein Hero. Aber gleichzeitig freue ich mich auch für Lewis. Er hat seine Erfolge absolut verdient.“

Offen ist, ob Hamilton noch weitere Jahre zu seinen bisherigen 14 in der Königsklasse anhängt. Er will sich nicht festlegen lassen: „Ich bin niemand, der einfach immer weiter das Gleiche will.“ Das gilt auch für Teamchef und -mitbesitzer Christian Wolff. Der Weltmeistermacher hat ebenfalls noch nicht über seine Zukunft bei Mercedes entschieden. Beide verhandeln auf Augenhöhe miteinander, beide haben ihren eigenen Willen, vielleicht verstehen sie sich auf dieser Ebene deshalb so gut. Hamiltons primäres Ziel ist es nicht, neue Gehaltsgrenzen zu durchstoßen (gemunkelt wird von 50 Millionen Dollar), ihm gehe es um Werte, Ziele und Wünsche: „Wenn die Details aussortiert sind, kommen die großen Fragen.“ Für Wolff ist es vor allem eine Frage der Zeit in der dicht gedrängten Corona-Saison. Beide haben auch keine Probleme damit, den Rest der Welt lange im Unklaren zu lassen.

Lewis Hamilton ist mehr als nur ein extrem guter Rennfahrer

Hamilton empfindet es grundsätzlich immer noch als Privileg, für den überlegenen deutsch-britischen Rennstall zu fahren – auch wenn er das bereits im achten Jahr tut. Wolffs lange Leine hat ihm nicht nur die Erfolge ermöglicht, Hamilton ist auch charakterlich gewachsen, hin zu einem echten Mannschaftskapitän und zu einer der wichtigsten Stimmen in der Formel 1. Dass die Rennserie im Zuge der aufkommenden Corona-Pandemie den Saisonstart in Australien abblasen musste, hatte viel mit seinem öffentlichen Protest zu tun.

In der gerade vom US-Magazin „Time“ veröffentlichten Liste der 100 einflussreichsten Menschen des Jahres taucht auch Hamilton auf. Er hat es mit seinem Engagement für die „Black lives matter“-Bewegung sogar geschafft, der sich so gern unpolitisch gebenden Formel 1 ein neues Bewusstsein zu vermitteln. Die meisten Fahrer knien vor dem Start oder tragen T-Shirts mit Botschaften. Mercedes hat den Silberpfeil schwarz lackiert. Das alles hat nicht nur mit dem Erfolgshunger von Lewis Hamilton zu tun – sondern mit seiner Aura.