1000. Rennen für Ferrari

Die Legende Ferrari wird 1000

Kein Team hat die Geschichte der Formel 1 so geprägt wie Ferrari. Am Sonntag bestreitet die „Scuderia“ ihr 1000. WM-Rennen.

Wie alles begann: Teamchef Enzo Ferrari lenkt einen Rennwagen aus den Pionierzeiten des Motorsports.

Wie alles begann: Teamchef Enzo Ferrari lenkt einen Rennwagen aus den Pionierzeiten des Motorsports.

Foto: imago sportfotodienst via www.imago-images.de / imago images/Granata Images

Berlin. Die Geschichte des berühmtesten Rennstalls aller Zeiten beginnt mit einer Verspätung. Am 18. Februar 1898 war das Wetter in der italienischen Kleinstadt Modena schaurig: eiskalt, Schneeverwehungen, Sturm. Für Alfredo Ferrari Grund genug, die Geburt seines Sohnes Enzo Anselmo erst zwei Tage später im Rathaus anzuzeigen. Niemand ahnte, dass der neue Erdenbürger Motorsportgeschichte schreiben und die 50.000-Seelen-Gemeinde weltbekannt machen würde, die bis dato allenfalls durch das Gericht „Zampone“, gefüllte Schweinefüße, regionale Bedeutung erlangt hatte.

20 Jahre später, der Winter 1918 war wieder bitterkalt, saß Enzo Anselmo Ferrari frierend und heulend vor den Fiat-Werkstoren in Turin auf einer Parkbank. Diego Soria, ein Fiat-Ingenieur, hatte ihm einen Job verwehrt. Der junge Mann war gerade glücklich den Wirren des Ersten Weltkriegs entkommen, in dem sein Vater Alfredo und der gleichnamige ältere Bruder gestorben waren. Enzo Ferrari schwor Rache. Er würde es dem Stronzo (frei übersetzt: Idiot) schon zeigen. Und er hielt Wort.

Ferrari hat von 1000 Rennen 238 gewonnen

238 Formel-1-Siege stehen in der beeindruckenden Statistik. Darunter der im einzigen Formel-1-Rennen auf der Berliner Avus 1959 (durch den Engländer Tony Brooks, dem ältesten noch lebenden Grand-Prix-Sieger). Hinzu kommen fünfzehn Fahrer- und sechzehn Konstrukteursweltmeisterschaften, außerdem Erfolge bei fast allen wichtigen Rennen weltweit (Ausnahme: Die 500 Meilen von Indianapolis). An diesem Wochenende feiert die „Scuderia“ Ferrari bei der Formel-1-Premiere auf der Rennstrecke von Mugello in der Toskana ihren 1000. WM-Start. Wobei feiern beim momentan desolaten Zustand der „Roten Renner“ nur bedingt zutrifft.

Als die Parkbank-Tränen getrocknet waren, wurde Enzo Ferrari aktiv. Mit 17 wollte er noch Opernsänger werden. Danach Journalist, er schrieb sogar ein paar Beiträge für die „Gazzetta dello Sport“. Dabei verfeinerte er sein Talent, Netzwerke zu knüpfen. Jetzt galt es, sich zu etablieren. Er wollte nun Rennfahrer werden, hielt sich zunächst finanziell als Mädchen für alles über Wasser in einem Betrieb, der Lastwagen aus Kriegsbeständen verwertete. Abends besuchte er in Turin regelmäßig alle Bars und Trattorien rund um den Corso Vittorio Emanuele, das Zentrum der Rennsportszene. Von da an nahm der Racheschwur Gestalt an. Am 5. Oktober 1919 fuhr er sein erstes von rund 50 Rennen, die Mehrzahl in einem Alfa Romeo. Aber trotz eines guten Dutzends an Siegen wurde Ferrari letztlich klar: Sein Talent und seine wirkliche Neigung lagen im Bereich eines Teamchefs.

Das Schicksal seiner Piloten war Enzo Ferrari egal

Modena wurde zu einem kleinen Rennsportzentrum, denn Ferrari wurde zum Alfa-Romeo-Repräsentanten und Top-Verkäufer. Mitte der 1920er-Jahre galt es für ihn, sich dem wachsenden Einfluss der Faschisten unter Benito Mussolini so gut es ging zu entziehen. Dem Netzwerker Enzo Ferrari gelang auch das, ohne nach dem Zweiten Weltkrieg an gutem Leumund zu viel eingebüßt zu haben. Dafür hatte er den Ruf eines gnadenlosen Teamchefs, dem das Schicksal seiner Fahrer grundsätzlich gleichgültig, Erfolge seiner Autos dagegen heilig waren. Und doch: Die „Scuderia“ Ferrari zog die Stars geradezu magnetisch an.

Enzo Ferrari war inzwischen verheiratet. Seine Frau Laura brachte am 19. Januar 1932 Sohn Alfredo zur Welt. Der Junge, von Ferrari liebevoll Dino genannt, war sein Leben lang kränklich und starb bereits im Alter von 24 Jahren. Eine Tragödie, die sein Vater nie verwunden hat. Unabhängig davon galt Enzo Ferrari als Schürzenjäger. Lina Lardi, eine junge Frau aus dem rund 15 Kilometer von Maranello (dorthin hatte Ferrari mittlerweile seinen Firmensitz verlegt) entfernten Dorf Castelvetro, wurde seine Muse. Sohn Piero Lardi, nach Dinos Tod vom Vater offiziell als Erbe anerkannt, wurde 1945 geboren und ist noch heute Anteilseigner von zehn Prozent der „Scuderia“.

Erfolgreichster Pilot im Ferrari ist Michael Schumacher

Mit dem Beginn der Formel-1-WM 1950 fand Ferrari seine endgültige Bestimmung. Und nur die „Roten Renner“ sind auch 70 Jahre später noch im Wettbewerb vertreten. Den ersten WM-Sieg holte der Argentinier Froilan Gonzalez am 14. Juli 1951 in Silverstone/England. Den ersten WM-Titel sicherte der Italiener Alberto Ascari in der Saison 1952. Nur zwei der Champions, die zu dessen Lebzeiten für Enzo Ferrari fuhren, gelang es, sich in Frieden aus Maranello zu verabschieden: dem Engländer Mike Hawthorn (1958) und dem Südafrikaner Jody Scheckter (1979). Alle anderen gingen im Streit: Alberto Ascari (1952/53), Juan Manuel Fangio (Argentinien, 1956), Phil Hill (USA, 1961), John Surtees (England, 1964) und Niki Lauda (Österreich, 1975/77).

Die 21 Jahre, die zwischen dem Triumph von Jody Scheckter 1979 und dem ersten von fünf Titeln des überragenden Kerpeners Michael Schumacher (2000 bis 2004) lagen, waren die längste Durststrecke der „Scuderia“. Schumacher mit 72 Erfolgen, Niki Lauda mit 15 und Sebastian Vettel (Heppenheim) mit 14 Siegen sind die erfolgreichsten Ferrari-Formel-1-Fahrer. Seit dem vorläufig letzten Titelgewinn durch den Finnen Kimi Räikkönen (2007) sind zwölf Jahre vergangen. Typisch für die „Scuderia“ Ferrari – oft ganz oben, oft ganz unten. So etwas war Zeit seines Lebens für den Sturkopf und Gewohnheitsmenschen Enzo Ferrari allenfalls Ansporn.

Gewohnheitsmensch? Gesichert ist, dass er alle persönlichen Notizen stets mit einem violett schreibenden Füller vornahm. Gesichert ist auch, dass er seit 1935 kein Rennen mehr außerhalb Italiens besuchte, in späteren Jahren ausschließlich zum Abschlusstraining beim Italien-Grand-Prix in Monza erschien. Das Fernsehen und sein Telefon auf dem häufig völlig leeren Schreibtisch genügten ihm. Die Rennen erlebte er fast immer allein in seinem riesigen, blassblau ausgekleideten Büro.

1964 siegten die „Roten“ von Ferrari plötzlich in Blau-Weiß

Und Sturkopf? Zur Saison 1964 beschloss der Automobil-Weltverband (Fia) zur Teilnahme an Sportwagenrennen eine bestimmte Anzahl von produzierten Autos vorzuschreiben. Dies missfiel Ferrari, der gerade ein neues, vielversprechendes Modell einsetzen wollte, die Stückzahl aber nicht erreichen würde. Er wandte sich an den italienischen Verband (ACI) um Hilfe für eine Ausnahmegenehmigung und bekam einen Korb. Ferrari schäumte, gab seine italienische Lizenz zurück. Kurzerhand ließ er für die letzten beiden Formel-1-Rennen in den USA und Mexiko seine Autos von Rot auf Blau-Weiß umlackieren und startete unter der Nationenbezeichnung North American Racing Team (Nart). Der Brite John Surtees sicherte sich – blau-weiß – den Titel durch zwei zweite Plätze. Zur Saison 1965 hatten sich Ferrari und der ACI dann wieder lieb.

Enzo Ferrari starb am 7. August 1988 friedlich in seinem Bett. Eine der vielen nicht verbürgten Geschichten über den 90-Jährigen besagte, dass er in den letzten vierzig Jahren seines Lebens nie woanders als im eigenen Bett geschlafen hätte.

Am 11. September 1988 gelang dem Österreicher Gerhard Berger ausgerechnet in Monza der erste Ferrari-Sieg nach elf Rennen, die zuvor ausschließlich von den McLaren-Piloten Ayrton Senna (Brasilien) und Alain Prost (Frankreich) gewonnen wurden. Rund einhunderttausend Tifosi schufen eine einmalige Atmosphäre. 35 Tage zu spät für den „Commendatore“.