Formel 1

70 Jahre Formel 1: Deutsche Talente, Tragödien und Triumphe

Die Formel 1 feiert beim Grand Prix in Silverstone am Sonntag sieben Jahrzehnte Motorsport-Königsklasse.

Michael Schumacher (r.) feiert im August 1992 in Spa seinen ersten Grand-Prix-Sieg – zusammen mit dem späteren Weltmeister Nigel Mansell.

Michael Schumacher (r.) feiert im August 1992 in Spa seinen ersten Grand-Prix-Sieg – zusammen mit dem späteren Weltmeister Nigel Mansell.

Foto: Roberto Pfeil / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Silverstone. Die Formel 1 feiert standesgemäß ihren Geburtstag – mit einem Jubiläums-Grand-Prix am Geburtsort in Silverstone (Sonntag, 15.10 Uhr, RTL und Sky). Beim ersten Rennen auf dem damaligen Militärflugplatz kam der König, beim zweiten Rennen in Folge an diesem Wochenende muss die Königsklasse wieder unter sich bleiben. Tausende Episoden hat die Rennserie zu erzählen – hier sind sieben deutsche Geschichten aus sieben Jahrzehnten.

Die Fünfziger: Der 4. Juli 1954 ist ein Tag der deutschen Sportgeschichte. Die Fußballnationalmannschaft holt in Bern den Weltmeistertitel, und Mercedes kehrt mit seinen Silberpfeilen in den Rennsport zurück. Es wird eine Triumphfahrt im französischen Reims.

Hans Herrmann aus Sindelfingen fährt Rundenrekord, am Ende steht ein Doppelerfolg von Juan-Manuel Fangio und Karl Kling in den damals noch in Stuttgart-Untertürkheim gebauten Rennwagen.

Tragödie um Graf Berghe von Trips

Die Sechziger: Wolfgang Graf Berghe von Trips tritt am 10. September 1961 in Monza an, um vorzeitig Weltmeister zu werden, ein dritter Platz mit dem Ferrari würde schon reichen. Als erster Deutscher hatte er ein Formel-1-Rennen gewonnen. Doch der adlige Rennfahrer, der mit seiner offenen Art das Bild der Deutschen in der Welt des Sportes so spielerisch positiv veränderte, raste von der Poleposition aus in den Tod.

Aber ohne den Ritter aus dem Rheinland hätte es das deutsche Motorsport-Wunder der Neuzeit kaum gegeben. Graf Berghe hatte in den 1950er Jahren die ersten Go-Karts ins Land geholt, eine Kart-Bahn eingerichtet. Daraus entstand der Kart-Klub Kerpen, der später Michael und Ralf Schumacher, Nick Heidfeld, Heinz-Harald Frentzen und auch Sebastian Vettel hervorbrachte.

Die Siebziger: Für Jochen Mass steht in seiner langen Karriere nur ein einziger Grand-Prix-Sieg zu Buche, und auf diesem liegt ein Schatten. Am 27. April 1975 liegt der Draufgänger aus Bad Dürkheim auf dem gefährlichen Stadtkurs von Barcelona, den späteren Olympiaberg Montjuic hinauf in Führung, als der Kölner Rolf Stommelen in die Zuschauer rast und fünf Menschen sterben.

Das Rennen wird abgebrochen, Mass – mit halber Punktzahl – zum Sieger erklärt. Als nur einer von bislang fünf Deutschen überhaupt, die einen WM-Lauf gewinnen können. Anfang der 1990er Jahre wird Mass rasender Coach für das Mercedes-Nachwuchsteam, Fahrschüler Michael Schumacher und Formel-1-Deutschland dankten ihm.

Michael Schumacher holt sieben WM-Titel

Die Achtziger: Der Große Preis von Deutschland nimmt ein deprimierendes Ende, bevor er überhaupt richtig begonnen hat. Damals sind noch so viele Autos in der Formel 1 am Start, dass eine Vorqualifikation nötig ist, um die Startplätze für Training und Rennen zu vergeben.

Am frühen Freitagmorgen gibt es eine Art deutsches Ausscheidungsfahren mit Christian Danner, Bernd Schneider und Volker Weidler. Alle drei schaffen es nicht. Joachim Winkelhock, der das deutsche Quartett vervollständigen sollte, bleibt die Schande beim Heimspiel erspart. Der Waiblinger hatte seinen Sitz im chancenlosen AGS-Team da schon verloren.

Die Neunziger: Eine drängende Frage kursiert im Spätsommer 1991 im Fahrerlager von Spa: Wer ist dieser „Shoemaker“? Ein Rheinländer, der behauptet, die anspruchsvollste Piste der Welt zu kennen, in einer Jugendherberge absteigt und mit Mercedes-Bürgschaft einen Aushilfsjob im mittelmäßigen Team von Eddie Jordan bekommt. Schumacher stellt das Auto auf Startplatz sieben, eine Sensation. Leider verglüht nach dem Start die Kupplung.

Bernie Ecclestone und Flavio Briatore parken ihn gleich danach in einen Benetton um, so beginnt das deutsche Formel-1-Wunder. Ein Jahr später an gleicher Stelle feiert Michael Schumacher seinen ersten Sieg, daraus werden insgesamt 91 und sieben Weltmeistertitel. Spa nennt er „sein Wohnzimmer“, die Formel 1 sein Leben, der Erfolg sein Begleiter.

Sieben deutsche Fahrer am Start

Die Nuller: Regen in Monza, das ist dramatisch gefährlich. Sebastian Vettel, gerade 21 und im eher chancenlosen Toro Rosso unterwegs, ignoriert die Bedingungen. Der Heppenheimer wird mit 21 Jahren und 73 Tagen zum jüngsten Grand-Prix-Gewinner der Formel-1-Geschichte. Vettel wird später ins große Red-Bull-Team befördert und holt sich im dramatischen Finale der Saison 2010 seinen ersten von vier Weltmeistertiteln in Serie. Rennstallchef Christian Horner staunt: „Er ist unglaublich schnell erwachsen geworden.“ Im Renntempo, sozusagen.

Die Zehner: Das Renn-Jahrzehnt beginnt in Bahrain und mit dem Rekord von sieben deutschen Fahrern am Start (Mercedes-Rückkehrer Michael Schumacher, Sebastian Vettel, Nico Rosberg, Nico Hülkenberg, Timo Glock, Adrian Sutil und Nick Heidfeld). Im vielleicht härtesten Teamduell der Formel-1-Geschichte holt sich der auf Ibiza und in Monte Carlo lebende Wiesbadener Rosberg den Titel gegen Lewis Hamilton.

Ein paar Mal auf dem Weg dorthin kollidieren die Silberpfeile. Champion werden, wie 1982 Papa Keke, das ist alles, was Rosberg will. Als er Ende 2016 den WM-Pokal überreicht bekommt, entweicht alle Kraft und Leidenschaft – er will sich den Verfolgungswahn nicht mehr antun und tritt zurück.