Motorsport

Wie sich Deutschland langsam aus der Formel 1 verabschiedet

RTL zieht sich zurück, Sebastian Vettels Zukunft ist offen, Hockenheim ohne Rennen – die Formel 1 nimmt aus deutscher Sicht Abschied.

Nicht nur Sebastian Vettel könnte Abschied von der Formel 1 nehmen, auch der deutsche Markt ist für die Königsklasse des Motorsports nicht mehr attraktiv.

Nicht nur Sebastian Vettel könnte Abschied von der Formel 1 nehmen, auch der deutsche Markt ist für die Königsklasse des Motorsports nicht mehr attraktiv.

Foto: GIUSEPPE CACACE / AFP

Köln. Es gab Zeiten, da wirkten Deutschland und die Formel 1 wie ein Bündnis für die Ewigkeit. Erst Michael Schumacher, dann Sebastian Vettel, WM-Titel in Serie, Hunderttausende Fans am Nürburgring und in Hockenheim. Wenn die Königsklasse am Wochenende allerdings endlich in ihre Corona-Saison startet, dann ist die Ausfahrt ziemlich nah – am Ende dieses Jahres könnte die Serie hierzulande in der Nische verschwinden.

Denn vieles spricht dafür, dass Vettel am Sonntag (15.10 Uhr, RTL und Sky) in Österreich nicht bloß in seine letzte Saison bei Ferrari startet. Vielleicht ist es seine letzte in der Formel 1. Er werde sich „Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist“, sagt der 32-Jährige über seine Zukunft.

Erstmals seit 40 Jahren eine Saison ohne deutscher Fahrer?

2021 könnte damit erstmals seit fast 40 Jahren kein Deutscher in der Startaufstellung stehen, eigentlich gibt es bloß noch eine Alternative: Mick Schumacher beginnt ebenfalls am Wochenende seine Saison in der Formel 2. Der erhoffte Aufstieg, etwa zu Alfa Romeo, ist aber wohl stark abhängig von seinen Leistungen in diesem verkürzten Motorsport-Jahr.

Nun ist der Verlust eines Zugpferdes für große TV-Sportarten ohnehin Einschnitt genug – Tennis und Boxen etwa haben dies auf dem deutschen Markt nicht überstanden. Doch für die Formel 1 wäre Vettels Abschied nicht die einzige Zäsur.

30 Jahre lang gab es jedes Training, jedes Qualifying und jedes Rennen umsonst bei RTL zu sehen, ein Knopfdruck trennte die Deutschen von der Formel 1. Diese Hürde wird ab der kommenden Saison um einiges höher: Der Großteil der Rennen wird dann bei Sky nur noch gegen Bezahlung gezeigt, RTL zieht sich zurück.

Nur Formel 1 konnte neben Fußball bei Einschaltquoten mithalten

„Schwierig“ werde das, sagt etwa der deutsche McLaren-Teamchef Andreas Seidl: „Die Frage wird sein, wie man möglichst viele Fans über diese Bezahl-Barriere bekommt. Da sind wir als Sport gefordert, es muss spannend sein.“

Der Verlust eines Millionenpublikums ist allerdings kaum zu verhindern. Jeweils rund vier Millionen Zuschauer bei etwa 20 Rennen im Jahr hatte RTL, auf solche Zahlen kommt neben dem Fußball keine Sportart auch nur annähernd.

Auch im TV-Publikum fehlt der Nachwuchs

Für Sky wird sich im kommenden Jahr zeigen müssen, wie viele davon Gewohnheitszuschauer waren. Und wie viele Deutsche bereit sind, ein Abo für eine Formel 1 abzuschließen, in der vermutlich kein Deutscher um Siege fährt.

Für Deutschland ist all das besonders problematisch, weil die Königsklasse lange Zeit die einzig noch funktionierende Speerspitze eines ganzen Sportsegments war. Das Interesse am Automobil vor allem bei den jungen Menschen lässt nach, damit fehlt der Nachwuchs. Der Abschied aus dem Free-TV dürfte die Königsklasse nun noch weiter aus dem Bewusstsein verdrängen. Einen deutschen Grand Prix gibt es nach aktuellem Stand ohnehin nicht mehr.