Formel 1

Die Formel 1 tritt auf die Bremse

Nach langem Hin und Her konnte der Rennzirkus nicht anders, als den Saisonauftakt in Melbourne abzusagen. Nächste Rennen ungewiss.

Das Team von Ferrari zieht mit gepackten Koffern wieder ab aus Melbourne.

Das Team von Ferrari zieht mit gepackten Koffern wieder ab aus Melbourne.

Foto: WILLIAM WEST / AFP

Melbourne. Kurz nach sieben am Freitagmorgen schallt Motorenlärm aus dem Albert Park. Viele Melbournians spitzen die Ohren, nicken und lächeln: also doch, wenigstens die Formel 1 trotzt dem Coronavirus. Drei Stunden später werden sie enttäuscht feststellen: Es war nur ein letztes Aufheulen. Die Formel 1 hat ihr Rennen gegen eine Absage des Großen Preises von Australien verloren, der Fortgang der Saison ist ungewiss. Vielleicht wird überhaupt erst im Mai oder gar Juni wieder gefahren, falls die Lage in Europa es zulässt.

Erfahren haben es die meisten Fans erst, als sie schon vor den abgesperrten Toren der Rennstrecke standen. In der Nacht vor dem Saisonauftakt war ein Mechaniker des McLaren-Rennstalls positiv auf das Coronavirus getestet worden, der Rennstall zog daraufhin zurück – inzwischen gibt es 14 Fälle im britischen Rennstall und Quarantäne fürs Teamhotel. Diese Diagnose bremste die Königsklasse des Motorsports letztlich aus. Die Australier hätten nach den verheerenden Buschbränden, der Flut und dem Zusammenbruch der Wirtschaft das Antidepressivum einer fröhlichen Weltsportveranstaltung gut brauchen können.

Erstmals seit 2011 in Bahrein ein Rennen abgesagt

Veranstalter, Automobilweltverband Fia und das Formel-1-Management entschieden sich nach einer nächtlichen Krisensitzung und auf Anraten der australischen Gesundheitsbehörden zwei Stunden vor dem regulären Trainingsbeginn dann doch noch zur Absage. Zum ersten Mal nach den Unruhen 2011 in Bahrain muss damit wieder ein Grand Prix gestrichen werden. Die Vernunft hat schließlich über die Angst vor finanziellen Verlusten gesiegt. Doch deshalb regierte zunächst die Konfusion: Als Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen schon auf dem Weg zum Flughafen waren, um nach Hause in die Schweiz zu fliegen, gingen die Organisatoren noch davon aus, dass der Rennbetrieb läuft. Was für ein Wirrwarr.

An diesem Freitag übernahm einmal mehr das Weltmeisterteam von Mercedes die Meinungsführerschaft und erklärte per WhatsApp-Nachricht ins allgemeine Schweigen hinein vorab seinen Verzicht: „Wir haben in einem Brief den Weltverband, die Sportbehörde und die Veranstalter gebeten, den Grand Prix abzusagen.“ Die Gesundheit aller Beteiligten gehe vor, aber man fühle sich angesichts der Umstände nicht mehr im Stande, die Sicherheit der Angestellten zu garantieren. Außerdem empfinde man es als sportlich unfair, an einem Rennen teilzunehmen, bei dem mit McLaren ein Wettbewerber fehle. Die Anhäufung vieler Fakten, so der Veranstalter, habe den Ausschlag für die Notbremse gegeben.

Hamiltons Aussagen erhöhten den Druck

Den Druck auf die Veranstalter hatten nach den öffentlichen Mahnungen von Champion Lewis Hamilton – „Ich bin überrascht und schockiert, dass wir hier sind“ – die zehn Teamchefs ausgeübt und sich mehrheitlich gegen den Start ausgesprochen. In der Nacht hatten noch geteilte Meinungen geherrscht, was zumindest den ersten Trainingstag anging. Dann aber war die Stimmung gekippt. Selbst ein Geisterrennen, wie es Politiker angeregt hatten, stand nicht mehr zur Debatte. Der Virus sitzt eben auch im Kopf. Lewis Hamilton bedauert und befürwortet die Absage zugleich in seiner Botschaft an die Fans: „Wir müssen realistisch sein und Gesundheit und Sicherheit an die erste Stelle setzen. Ich weiß, dass alle enttäuscht sind, aber: Passt in der Zeit, bis wir wieder Rennen fahren können, gut auf euch auf.“

Das Krisenmanagement der Formel 1 war mehr als bescheiden. Was in der Öffentlichkeit nur den Eindruck verstärkt hat, das offenbar um jeden Preis ein großer Preis ausgetragen werden soll. In einem Sport, in dem die Strategen für jede Rennsituation immer bis zu vier Alternativpläne haben, hatten die Funktionäre offenbar keine handfesten Szenarien entwickelt. Sehenden Auges steuerte man in das, was die Melbourner „Herald Sun“ auf der Titelseite schon vorab eine „Formel für das Chaos“ nannte. Keiner wollte allein Verantwortung übernehmen. Alle Kommunikation blieb dem Veranstalter, der angesichts der hohen Aufbaukosten, eines Startgeldes in zweistelliger Millionenhöhe und der zu erwartenden Einnahmen von 80.000 Zuschauern natürlich immer für eine Austragung plädieren musste. Zumal die Regierung des Bundesstaates Victoria mit 35 Millionen Euro Unterstützung einer der wesentlichen Geldgeber des Rennens ist.

Rennen in Bahrain und Vietnam wurden abgesagt

Formel-1-Chef Chase Carey landete erst am Freitag aus Vietnam kommend, wo das Rennen am 5. April am Freitag ebenfalls abgesagt wurde, in Melbourne, wo er mit den Veranstaltern nach Lösungen suchte, um die dortige Rennpremiere zu retten. Der US-Manager konnte in einer bizarren Open-Air-Talkrunde nur mit gebeugter Haltung und gebrochener Stimme „sorry“ sagen, auf die sich stündlich verändernde Situation verweisen. Den Vorwürfen Hamiltons, der süffisant über „Geld regiert die Welt“ referiert hatte, setzte Carey entgegen: „Dass wir jetzt hier stehen, beweist genau das Gegenteil.“

Aber natürlich geht es ums Geld, und in diesem Fall geht es um das entscheidende Detail, wer das Rennen absagt – denn diese Partei ist den anderen gegenüber regresspflichtig. Das erklärt die allgemeine Verzögerungstaktik. Sagt beispielsweise die Formel 1 ab, erfüllt sie den Vertrag nicht, mindestens zwölf Autos am Start zu garantieren. Sagt der Veranstalter von sich aus ab, muss er die vollen Summen an die Formel 1 bezahlen. Gilt aber höhere Gewalt, beispielsweise durch ein Verbot von staatlicher Stelle, greifen wohl die Versicherungen. Durch die gemeinschaftliche Erklärung, die nur auf Empfehlungen und nicht auf Anordnungen basierte, wird wohl am Ende der Steuerzahler die Zeche zahlen. Auch die Formel-1-Teams verlieren Geld, denn der Ausfall des Rennens wird auch die Ausschüttungssumme der Marketinggelder deutlich dämpfen.

Während Careys Ansprache zur Absage haben im Fahrerlager schon die Gabelstapler das Rennen aufgenommen. Auf den verwaisten Vergnügungsflächen hat die Werbecrew für den neuen Bond-Film alles verschnürt, es bleibt ein schwarzer Block mit dem jetzt besonders makaber wirkenden Slogan „No time to die“ übrig. Die Filmpremiere musste ja auch verschoben werden. Das Rennen in Bahrain nächste Woche ist am Freitag ebenso gestrichen worden. Das China-Event am 19. April wurde längst ohne Termin verschoben. Am 3. Mai in Zandvoort ist das nächste Rennen geplant.