Formel 1

Das Rennen um die Millionen hat begonnen

Hamilton zu Ferrari? Was wird aus Vettel? Der Vertragspoker in der Formel 1 hat begonnen. Und die Fahrer bekommen immer bessere Karten.

Lewis Hamilton im Mercedes (l.) fährt neben Sebastian Vettel im Ferrari.

Lewis Hamilton im Mercedes (l.) fährt neben Sebastian Vettel im Ferrari.

Foto: RICARDO MORAES / Reuters

Abu Dhabi. Lewis Hamiltons Machtdemonstration zum Abschluss seines sechsten Championsjahres? Geschichte. Ferraris erneuter Pannen-Grand-Prix, haarscharf an einer Disqualifikation vorbei? Nur noch eine Fußnote. Die Formel 1 denkt nach dem Großen Preis von Abu Dhabi längst weiter. Und zwar schon an die übernächste Saison.

Das ist selbst für eine Disziplin, die sich in ihrer Aufgeregtheit gelegentlich selbst überholt, erstaunlich. Aber 2021 ändern sich die Regeln gewaltig, und das nicht nur technisch. Dann gilt auch ein Budgetdeckel von 175 Millionen Dollar, was die großen und reichen Rennställe einbremsen und damit das Feld wieder ausgeglichener machen soll.

Die großen Gewinner, vor allem finanziell, können dabei die Rennfahrer sein. Sie werden dann ein noch stärkerer Faktor für den Erfolg. Dazu sind die Pilotengehälter von der Deckelung ausgenommen, außerdem laufen im kommenden Sommer bei den drei Top-Teams Mercedes, Ferrari und Red Bull Racing alle Verträge aus.

Ferrari buhlt um Weltmeister Hamilton

„Wenn sich die Autos angleichen, werden die Fahrer wieder der wichtigste Faktor. Das werden sich Hamilton, Verstappen und Leclerc bezahlen lassen“, vermutet Red-Bull-Berater Helmut Marko eine Explosion der Gehälter. Der Österreicher hegt sogar noch schlimmere Befürchtungen: „Wenn sie sich absprechen, könnten sie die Teams erpressen...“ Aber die ganze Angelegenheit lässt sich auch äußerst positiv sehen: Ein Ringtausch beispielsweise zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel würde eine Menge frischen Wind in die Szene bringen.

So fantastisch, wie das momentan klingen mag, ist es gar nicht. Fiat-Boss John Elkann soll sich in diesem Jahr schon zweimal mit Hamilton getroffen haben. Dazu machte Scuderia-Teamchef Mattia Binotto dem Briten in der Wüste öffentlich Komplimente. „Ich glaube, es ist das erste Kompliment, dass ich in 13 Jahren von Ferrari bekommen habe“, wunderte sich der 34-Jährige.

„Jeder ist frei. Ich verstehe es, wenn ein Fahrer verschiedene Optionen evaluiert, und dann die beste Entscheidung für sich trifft. Wir müssen sicherstellen, dass wir das beste Auto hinstellen. Dann werden wir auch die besten Fahrer in unseren Autos haben“, gibt sich Mercedes-Teamchef Christian „Toto“ Wolff gelassen, „wir wollen mit Lewis weitermachen. Vieles spricht dafür. Aber man weiß nie, was passiert.“ Der Österreicher selbst könnte den Arbeitgeber wechseln und Chef der Formel 1 werden.

Der Vertragspoker ist in vollem Gange

Die Summen, um die es geht, sind beachtlich: Lewis Hamilton wird auf 50 Millionen Dollar per anno taxiert, Sebastian Vettel auf 40 Millionen. Dagegen sind Max Verstappen mit zwölf Millionen und Charles Leclerc mit drei Millionen beinahe Schnäppchen. Aber das wird sich schnell ändern, denn der Vertragspoker ist an allen Orten bereits in vollem Gange.

Christian Horner, der Teamchef von Red Bull Racing, ist einer der gewieftesten Taktiker in dem beginnenden Poker. Er setzt Wohl und Wehe seines Rennstalls auf den vom Getränkekonzern schon früh geförderten Verstappen, befindet aber auch, dass im Grand-Prix-Sport schon lange nicht mehr so viele talentierte Fahrer wie gerade jetzt am Start waren.

„Die Formel 1 kann froh sein, mit Max und Charles Leclerc zwei so hochkarätige Fahrer aus dieser Generation zu haben. Sie werden sich in Zukunft große Kämpfe liefern. Und Lewis Hamilton wird auch noch eine Weile dabei sein“, sagte Horner: „Die beiden Herausforderer zeigen jetzt, wie viel Leben noch immer in ihm steckt. Lewis ist motiviert, es den Jungen noch einmal zu zeigen. Schreibt mir auch Sebastian nicht ab. Der kommt wieder zurück.“ Exakt diese wechselseitigen Herausforderungen haben dieses Rennjahr so abwechslungsreich gemacht.

Hamilton hat Schumachers Rekord im Blick

Jedwede neue Koalitionen zwischen Fahrern und Teams scheinen nach der momentanen Eingefahrenheit für die Zukunft denkbar, zumindest theoretisch. Lewis Hamilton hat verkündet, dass er als Pionier in der neuen Ära mitwirken möchte, natürlich um Michael Schumachers Rekord von sieben Titeln zu brechen.

Sebastian Vettel, der viel Mühe mit sich und dem roten Auto, aber noch mehr mit Charles Leclerc hatte, schließt auch nach der Geburt des dritten Kindes eine weitere Karriere in der Königsklasse nicht aus. Der 32-Jährige will abwarten, wo die Perspektive am besten ist, hat dabei aber nicht unbedingt die erste Wahl.

Charles Leclerc (22) bringt mit seiner jugendlichen Respektlosigkeit und seinem Talent die Ferrari-Hierarchie über diese Saison hinaus in die Bredouille. Allein vom Alter und der Perspektive her müsste Scuderia-Chef Binotto künftig voll auf den Monegassen setzen. Dieser weiß um seinen neuen Stellenwert, auch in dieser Hinsicht hat er schnell gelernt. So harmlos, wie er sich im Fahrerlager gibt, so gnadenlos geht er auf der Piste zu Werke. Mit Nicolas Todt hat er zudem einen Manager im Hintergrund, der auch dank seines berühmten Namens als Sohn des ehemaligen Ferrari- und heutigen Automobilverbands-Präsidenten alle Strippen ziehen kann.

Verstappen hat Kontakt zu Mercedes aufgenommen

Am einfachsten scheint die Entscheidung für Max Verstappen zu sein, den stärksten Mann des letzten Saisondrittels. Der Niederländer profitiert von den erstarkten Honda-Motoren, die Japaner haben sich zudem als erster Konzern über 2020 hinaus zur Formel-1-Teilnahme bekannt. Mit 22 hat er noch ein Jahr lang die Chance, jüngster Weltmeister der Geschichte zu werden. Red Bull wäre dieses Kunststück dann nach Vettel zum zweiten Mal gelungen.

Ganz sicher aber kann Red-Bull-Chef Christian Horner nicht sein, wie die Verstappens entscheiden. Vater Jos hat immer Großes vor mit seinem Sohn, und er hat schon im Vorjahr, als Red Bull die richtige Motorisierung fehlte, Kontakt zu Mercedes aufgenommen. Alte Kontakte zu intensivieren, kann sich lohnen. Für die Fahrer, um den Marktwert zu steigern, für die Teams, um Unruhe bei der Konkurrenz zu stiften. Siehe Ferrari und Hamilton.