Formel 1

Vettels Sieg bringt Ferrari nur Zoff

Mit dem 53. Grand-Prix-Sieg von Vettel kochen die internen Streitigkeiten mit Teamkollege Leclerc bei Ferrari wieder hoch.

Sebastian Vettel (vorn) hält im Ferrari Teamkollege Charles Leclerc auf Distanz.

Sebastian Vettel (vorn) hält im Ferrari Teamkollege Charles Leclerc auf Distanz.

Foto: Charles Coates / Getty Images

Singapur. Warum das Comeback von Sebastian Vettel und den Sieghattrick von Ferrari nicht mal akustisch angehen. Es ist ein Live-Mitschnitt bester Formel-1-Abendunterhaltung. Von all den Verwünschungen des sich um den Sieg betrogen fühlenden Charles Leclerc ist das „Was zur Hölle“ noch eine der harmloseren. Dagegen bleibt Sebastian Vettel mit seiner Zieldurchsage betont sachlich: „Das ist ein Sieg des Teams.“

Zusammen ergeben die gegensätzlichen Standpunkte aber jenen Kontrast, mit dem der italienische Rennstall nach der Demütigung der Silberpfeile schon am Wochenende in Sotschi wieder fertig werden muss: Der rote Rennwagen wird immer besser in Balance gebracht, dafür gerät der Haussegen in eine immer stärkere Schieflage. Die Italiener sind zurück an der Spitze, Vettel auch. Trotzdem: Die Formel Ferrari bleibt eine Formel Zoff.

Sie geht sogar jetzt erst richtig los, nachdem die Italiener dank neuer Fahrzeugteile auch auf Strecken Mercedes Paroli bieten können, bei denen es nicht so sehr auf den Motor ankommt. Die WM-Chancen bleiben mit 96 Punkten Rückstand von Leclerc und deren 102 von Vettel auf Lewis Hamilton bei nur noch sechs ausstehenden Rennen eher theoretisch – obwohl, siehe Singapur, man weiß ja nie.

Beide müssen sich für nächstes Jahr in Position bringen

Für beide gilt es, sich jetzt schon in Position zu bringen für das kommende Jahr, für den richtigen Angriff. Der Kampf um die Nummer eins ist neu entbrannt, seit Vettel im ganzen Chaos souverän zu seinem 53. Grand-Prix-Sieg raste. Danach erzählte er von der Energie, die ihm Briefe und Botschaften der Fans gegeben hätten: „Das hat mir Stärke und Glauben gegeben, all das habe ich in das Auto gepackt.“

Intern wie extern wird weiter diskutiert, ob der richtige Ferrari gewonnen hat. Dass der Hesse in seiner eher sachlichen Funkbotschaft gleich nach der Zieldurchfahrt sagte, dass dies ein Sieg des Teams sei, geschah sicher aus vollem Herzen, aber ebenso voller Absicht.

Von dem minutenlangen Lamento des zurückgesetzten Spitzenreiters Leclerc konnte Vettel da nichts wissen, aber die Intuition leitete ihn zur versteckten Retourkutsche für den Windschatten, den ihm der Monegasse in der Qualifikation von Monza verweigert hatte, zu einem überzeugenden „Seht her, wer der Teamplayer ist“. Später, den frechen Lehrling bei der Interviewrunde degradiert neben sich, belehrte er ganz im Geiste Enzo Ferraris: „Man liegt weit daneben, wenn man denkt, man ist größer als dieser Rennstall.“

Hamilton drückt Vettel an sich

Die pflichtschuldige Umarmung und ein ordentlicher Händedruck zeugen von dem Abstand, den der 32-Jährige Deutsche und der mehr als zehn Jahre jüngere Monegasse halten, zunächst war Leclerc grußlos vorbeigegangen, er verschwand auch nach dem Mannschaftsfoto sofort. Blickkontakt gibt es so gut wie nie.

Die herzlichsten Momente an der Marina Bay waren jene, als Vettel seinen Mechanikern vor Freude auf den Kopf klatschte und als der viertplatzierte Lewis Hamilton ein TV-Interview unterbrach, um Vettel fest an sich zu drücken.

Der Brite selbst hadert mit seinen Mercedes-Strategen, nicht schnell und aggressiv genug auf den Taktiktrick der Konkurrenz reagiert zu haben, der das Rennen am Ende des ersten Drittels entschieden hatte. „Vielleicht ist Ferrari hungriger?“, fragt er ketzerisch.

Riskantes Manöver bringt Ferrari den Sieg

In dem riskanten taktischen Manöver, das zunächst keiner richtig verstand, Charles Leclerc wohl immer noch nicht, sahen die Ferrari-Strategen die einzige Chance, den zwischen Leclerc und Vettel liegenden Hamilton zu blockieren. Üblicherweise wird immer der Führende zuerst reingeholt, daraus erklärt sich auch all das Leclercsche Gift.

Aber hätte man sich an diese Reihenfolge gehalten, hätte das nicht nur Mercedes in die Hände gespielt, die beiden roten Autos wären auch im Verkehr steckengeblieben. Was zu diesem Zeitpunkt aber keiner kalkulieren konnte und siegentscheidend wurde, war die unglaubliche erste Runde, die Vettel auf frischen Reifen hinlegte – sie brachte ihm einen Zeitgewinn von 3,9 Sekunden, womit er vor Leclerc lag, als dieser von seinem Stopp zurück auf die Piste kam. Überrumpelt!

Der immer so nett wirkende Ferrari-Teamchef Mattia Binotto will von einer unfairen Behandlung, wie sie Leclerc anprangerte, nichts wissen: „Das Ergebnis bestätigt uns. Ich werde es ihm erklären, und er wird schnell kapieren.“

„Jeder an meiner Stelle wäre enttäuscht“

Charles Leclerc zeigte sich außerhalb des Cockpits zwar in seiner Wortwahl schon sanfter, tief drinnen fühlt er sich immer noch beraubt: „Jeder an meiner Stelle wäre doch enttäuscht. Aber ich werde stärker zurückkommen.“ Eine Anleihe bei der Vettel-Taktik, die Wut in Energie zu kanalisieren.

Tatsächlich hatten die Ingenieure überlegt, die Plätze am Ende des Rennens wieder zurückzutauschen: „Aber wir fanden, es war richtiger so, es nicht zu tun. Darüber werden wir mit den Fahrern auch noch diskutieren. Ich habe keinen Zweifel, dass alle glücklich sind mit diesem Erfolg.“

Nun ja. Vettel blieb kurz angebunden auf die Frage, wie er reagiert hätte, wenn dieser Positionswechsel angeordnet worden wäre: „Es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken, denn es ist ja nicht passiert.“ Ein Schutzmechanismus gegen negative Gedanken. Dennoch mag er richtige Erleichterung nach seinem Befreiungsschlag nicht verspüren: „Vielleicht kommt das noch. Es ist nicht so, als ob ich plötzlich wieder frei atmen könnte – sondern eher eine Bestätigung, weiter zu tun, was man tut.“