Formel 1

Ferrari zum Jubiläum im Ausnahmezustand

Vor dem 90. Großen Preis von Italien ist bei Ferrari die Stimmung bestens. Bleibt nur die Frage, ob Vettel oder Leclerc die wahre Nummer Eins ist.

Die kommende Nummer eins und die aktuelle Nummer eins bei Ferrari: Charles Leclerc (l.) und Sebastian Vettel stehen am Wochenende in Monza noch mehr unter Beobachtung als sonst.

Die kommende Nummer eins und die aktuelle Nummer eins bei Ferrari: Charles Leclerc (l.) und Sebastian Vettel stehen am Wochenende in Monza noch mehr unter Beobachtung als sonst.

Foto: Luca Bruno / dpa

Monza. Kein Hashtag der Welt, auch wenn er stolz #essereferrari, „Sei Ferrari“ lautet, kommt an die gelebte Leidenschaft heran. Der Platz vor dem Mailänder Dom hat sich in einen Roten Teppich verwandelt. Gehuldigt wird der Firmengründung vor 90 Jahren und dem Großen Preis von Italien (Sonntag, 15.10 Uhr, RTL und Sky), der an diesem Wochenende zum 90. Mal ausgetragen wird.

Leclerc beschert Ferrari den ersten Saisonsieg

Man kann es sich auch noch einfacher machen: Die automobile Nation feiert sich selbst. Vor dem 14. Formel-1-Rennen des Jahres könnte die Stimmung kaum besser sein. Charles Leclerc hat der „Scuderia“ gerade den ersten Sieg beschert, und der „Gran Premio“ bleibt mindestens bis 2024 im Programm. Ferrari ist Formel 1, die Formel 1 ist Ferrari. Es ist zu sehen, zu spüren, zu hören. Rennen im Autodromo Nazionale, das ist Ausnahmezustand, ein Erlebnis mit allen Sinnen.

Der italienische Automobilklub hat sich das Motto „90 Jahre Emotionen“ ausgedacht und sieht Ferrari als globalen Botschafter der Leidenschaft. Der aktuelle Kampf um die Rollenverteilung beim seit Jahren nur zweitbesten Team der Königsklasse befeuert die Gefühlslage. Sebastian Vettel, die etatmäßige „numero uno“ (italienisch: Nummer eins) , nur noch als Assistent von Charles Leclerc, dem Ferrari-Akademisten und Mann der Zukunft?

Di Montezemolo gibt sich diplomatisch

Der Hesse muss den Eindruck von Spa geraderücken. „In fünf Jahren sehe ich mich immer noch in der Formel 1, in Rot gekleidet und mit dem Titel eines Weltmeisters“, sagt Leclerc. Der 21 Jahre alte Rennfahrer ist nach anderthalb Jahren in der Formel 1 und einem halben in Maranello schon abgezockt genug, den deutschen Gegenspieler zusätzlich unter Druck zu setzen, indem er die Öffentlichkeit auf seine Seite zieht.

Luca di Montezemolo, der Firmen-Präsident in der großen Schumacher-Ära, erkennt in dem Monegassen schon einen „jungen Lauda“, er lerne schnell und mache nie einen Fehler zweimal. Der Manager, der Ferraris Charisma wie kein anderer verkörpern kann, warnt aber auch davor, Vettel als Nummer zwei abzuschreiben. Der 72-Jährige sieht es salomonisch in einer eigenen Arithmetik: „Vettel ist die Nummer eins, und Leclerc ist dabei, die Nummer eins zu werden – es ist doch gut, zwei Nummer eins zu haben.“

Ferrari-Motor ist der stärkste im Feld

Schicke schwarze Notizbücher haben die Veranstalter der PS-Jagd im Königlichen Park drucken lassen, der Einband ist mit dem Schriftzug „Der Tempel der Geschwindigkeit“ versehen, in blutroten Lettern. Mehr als 80 Prozent Vollgasanteil bei knapp sechs Kilometern, Schwerstarbeit für den rechten Fuß. Die Ferrari-Ingenieure nehmen das als Verpflichtung, für das Heimspiel haben die beiden Werksfahrer neue Ausbaustufen der Hybrid-Motoren bekommen.

Schon jetzt gilt das italienische Aggregat als das stärkste im Feld, sich beständig der 1000-PS-Grenze annähernd. Der launische SF 90 ist mit einem speziellen Flügelpaket ausgestattet, das auf die radikale Reduzierung von Luftwiderstand ausgelegt ist. Seit 2010 hat kein Ferrari-Fahrer mehr in Monza gewonnen. Im letzten Jahr konnte Kimi Räikkönen mit einer Schnittgeschwindigkeit von 263,587 km/h immerhin einen Formel-1-Rekord aufstellen.

Die ersten beiden Schikanen sind oft entscheidend

Die ersten Siege Ferraris in Monza datieren zurück in die 30er-Jahre, als das Team Rennwagen von Alfa-Romeo an den Start schickte. Die Marke mit dem Glückskleeblatt gehört heute ebenfalls zum Fiat-Konzern und bildet in der Formel 1 den Ferrari-Nachwuchs aus, zuletzt Leclerc. Dessen Nachfolger Antonio Giovinazzi ist zwar der erste Italiener seit 2011, der in Monza an den Start geht, aber er hat nur beim prognostizierten Regenrennen eine Chance. Immerhin, sein in der Schweiz gefertigter Rennwagen ist eigens in den Farben der Trikolore lackiert. Wenn’s hilft...

Trotz des Spitzentempos jenseits der 360 werden die Rennen in Monza oft in den ersten beiden Schikanen nach dem Start entschieden, wo sich die Ferrari-Teamkollegen Räikkönen und Vettel im vergangenen Jahr gegenseitig behindert hatten und Lewis Hamilton triumphieren ließen, was Ende des Jahres Rennstallchef Maurizio Arrivabene den Job kostete. In der neuen, zugespitzten Rivalität zwischen Leclerc und Vettel wird das zur Bewährungsprobe für die Tragfähigkeit der professionellen Beziehung zwischen den beiden. Vettel ist derjenige, der auf Gemeinwohl plädiert: „Unser Auto steht nicht dort, wo wir es haben wollen. Es hilft uns beiden, wenn wir in die gleiche Richtung arbeiten.“

Vettel schiebt die Favoritenrolle beiseite

Der vierfache Weltmeister ist seit Wochen nachdenklich, und dieser Stimmungslage ist auch seine Erwartungshaltung für den Großen Preis von Italien geschuldet, von einer Favoritenrolle will er nichts wissen: „Wir müssen behutsam optimistisch und realistisch sein.“ Teamchef Mattia Binotto verspürt nach der Erlösung von Spa, seinem ersten Grand-Prix-Erfolg in dieser Position, schon wieder neuen Druck, was auch mit den 90-Jahre-Feierlichkeiten zu tun hat: „Unser Heimrennen ist immer wichtig, aber diesmal ganz besonders.“ Es ist das einzige in dieser Saison, bei dem Ferrari als Favorit anreist, auch wenn es nur 160 Kilometer sind. Essere!