Formel 1

Wird Vettel bei Ferrari zum Wasserträger?

Nach Belgien folgt das Rennen in Monza. Dort könnte sich die Frage beantworten, ob es bei den Italienern eine neue Nummer eins gibt.

Sebastian Vettel musste Charles Leclerc in Spa den Vortritt lassen.

Sebastian Vettel musste Charles Leclerc in Spa den Vortritt lassen.

Foto: NICOLAS LAMBERTvia www.imago-images.de / imago images / Belga

Spa-Franchorchamps. Warum die Sache nicht lyrisch angehen. „In den schwierigen Momenten machen die Großen einen Schritt vorwärts. An Tagen, die bewölkt beginnen wie dieser Sonntag in Spa, die Kälte im Körper aller wegen der Tragödie um den Tod von Anthoine Hubert in der Formel 2, ist der Zeitpunkt, an dem die wahren Sterne noch heller scheinen müssen. Und Charles Leclerc hat es getan, obwohl ein Teil von ihm nicht einmal Lust hatte, Rennen zu fahren“, dichtete das spanische Blatt „Mundo Deportivo“ über den ersten Sieg in der Karriere des 21-Jährigen, den ersten Sieg von Mattia Binotto und der Scuderia Ferrai in diesem Jahr und dem ersten überhaupt in der Formel 1 für das Fürstentum Monaco.

Es könnte, zusammen mit dem Heimspiel von Monza gleich am kommenden Wochenende so etwas wie die rote Woche im Motorsport werden. Ein wenig abseits als abgeschlagener Renn- und WM-Vierter steht Sebastian Vettel, die eigentliche Hoffnung der Saison für den italienischen Rennstall. Er musste das Helferlein bei Leclercs Aufstieg spielen, was im heißen Herbst der Formel 1 die Frage beflügelt: Momentaufnahme oder Wachablösung?

Der vierfache Weltmeister findet keinen Grip

Leclerc, der Erlöser. Der knappe und ebenso verdiente Sieg über Titelverteidiger Lewis Hamilton war nur möglich, weil Vettel mit dem von ihm einmal mehr ungeliebten roten Rennwagen den Puffer zum Weltmeister im Mercedes und damit den Wasserträger für den jungen Teamkollegen spielen musste: „In gewisser Weise musste ich für Charles herhalten“, bestätigte der Heppenheimer nach seinen 44 zähen Runden, um dann knapp den „besonderen Tag“ zu würdigen und gleich wieder in den selbstkritischen Modus umzuschalten: „Er und alle anderen schienen den Grip gefunden zu haben, der mir gefehlt hat. Es war mir klar, dass ich in der Helferrolle bin und weniger mein eigenes Rennen fahren würde.“

Die Klarheit hatte er bereits nach der noch bitteren Qualifikationsniederlage, als dem Hessen sieben Zehntel Sekunden auf Leclerc gefehlt hatten. Und später, im Rennen, wurde es noch deutlicher nach der eindeutigen Ansage über Boxenfunk, er möge den Kollegen bitte wieder durchlassen, was er auf der Start- und Zielgeraden auch plakativ tat. So etwas setzt sich fest in einem Rennfahrergemüt.

Ferraris Fahrer sind dem Team immer verpflichtet

Spa kann zu einem Wendepunkt in der Karriere von Leclerc, aber auch der von Vettel führen. Im Rennstall der Herzen spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Vettel hatte in der langen Aufbauphase davon profitiert, ist geachtet und beliebt. Aber Leclerc, ein Sprössling der Ferrari Junioren-Akademie, schlug von Anfang an echte Leidenschaft entgegen. Und der Erfolg, nachdem die Italiener so lange dürsteten, ist ein emotionaler Verstärker. Es wäre allerdings sehr ungerecht, schon von einer kompletten Umkehr der Verhältnisse zu sprechen. Vettels Ehrgeiz ist mindestens so groß wie der des Talents Leclerc. Weshalb der anstehende Große Preis von Italien zu einem wichtigen Ausscheidungsfahren über die Gunst im Binnen- wie im Außenverhältnis werden wird, die über diese Saison hinausreicht.

Im Tempodrom hat Ferrari noch einmal den unglaublichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz von einer bis anderthalb Sekunden auf den Geraden, und in Monza soll eine noch mal stärkere Ausbaustufe debütieren. Schon taucht das martialische Wort von den „roten Raketen“ auf. Allerdings hatte Mercedes seine neue Motorengeneration in den Ardennen auch noch nicht voll ausgefahren.

An Befehlsverweigerung brauchte Vettel nicht mal im Ansatz zu denken. Dazu ist er bei allem Ego als vierfacher Weltmeister zu sehr dem Fairplay und vor allem dem Teamplay verpflichtet. Als Profi hat er schon länger erkannt, dass der aktuelle SF 90 H dem Fahrstil seines Kollegen und Konkurrenten mehr entgegenkommt. Sechs Mal in Folge hatte er deshalb in der Qualifikation, dem wichtigsten internen Gradmesser, das Nachsehen.

Vettel liegt in der Gesamtwertung noch knapp vorn

Bei der Fahrzeugeinstellung und der damit verbundenen Reifennutzung in Belgien wurde das einmal mehr eklatant vorgeführt. „Das Team genießt immer Priorität. Das wissen die Fahrer, auch wenn es für sie nie einfach ist. Wir sprechen solche Szenarien aber am Morgen vor dem Rennen durch. Sebastian hat gezeigt, dass er sich im Fall der Fälle in den Dienst der Mannschaft stellt“, lobte Teamchef Binotto hinterher, nachdem Vettel gleich zweimal erfolgreich als Blocker eingesetzt worden war. Ursprünglich war zu Saisonbeginn ausgerufen worden, dass Vettel die Nummer eins sei und deshalb bei Stallorder das Vorrecht genieße. Er ist in der WM-Gesamtwertung auch immer noch der besser platzierte Fahrer, allerdings hat er nur noch zwölf Punkte Vorsprung auf Leclerc und deren 99 Rückstand auf Tabellenführer Hamilton.

Der Große Preis von Belgien, bei dem für Ferrari erstmals in diesem Jahr alles gepasst hat, war ein Ritterschlag für Charles Leclerc. Als der Sieger aus dem Cockpit kletterte, zeigte er gen Himmel, das war ein Zeichen für seinen tödlich verunglückten Freund Anthoine Hubert. Dann zeigte er die Faust. Sich selbst – und sicher auch Sebastian Vettel.