Formel 1

In Hamiltons Herzen ist kein Platz für Angst

Wie der Brite die Formel 1 dank seiner mentalen Stärke nach Belieben dominiert und der Konkurrenz keine Chance lässt.

Daumen hoch für Lewis Hamilton: Der Brite fuhr in seiner Karriere bereits 79 Grand-Prix-Siege ein.

Daumen hoch für Lewis Hamilton: Der Brite fuhr in seiner Karriere bereits 79 Grand-Prix-Siege ein.

Foto: JEAN-PAUL PELISSIER / Reuters

Spielberg.  Ihm eine kleine King-Kong-Figur für den neuerlichen Triumph in die Hand zu drücken, war eine passende Geste der Franzosen: Lewis Hamilton hat nicht nur den Werbeschriftzug „Monster“ auf seinem Helm stehen, er benimmt sich auch so, was seine Form auf den Rennstrecken angeht.

Sechs Siege in den ersten acht Rennen, auf dem besten Weg, alle Schumacher-Rekorde zu knacken, die für die Ewigkeit gedacht waren – und dann auch noch den Titelhattrick im Visier. Der Brite im Siegerpfeil fährt wie von einem anderen Stern. Vor dem Großen Preis von Österreich am Sonntag (15.10 Uhr, RTL und Sky) fragt sich die Formel 1: Wie macht er das? Und was fehlt seinem Rivalen Sebastian Vettel?

Vorab noch eine perspektivische Drohung, gerade in der Talkshow mit David Letterman ausgesprochen: „Michael Schumacher ist mit 38 zurückgetreten. Ich bin jetzt 33 Jahre alt. Ich würde denken, ich kriege definitiv noch fünf Jahre hin. Und ich bin unheimlich fest entschlossen, weiter zu siegen“, sagte Hamilton.

Was ihn so antreibt, was ihn so umtreibt, kann er in einem Satz ausdrücken: „Ich spüre noch das Feuer.“ Nachsatz: „Das fehlt manchen meiner Konkurrenten.“ Aber er Brite ist sich seines Weges sicher: „Wenn ich nicht weiter nach Verbesserung streben würde, dann hätte ich den Eindruck, ich würde etwas verschwenden.“

Hamilton zwingt die Konkurrenz zu Fehlern

Das kann man über seine Mercedes-Jahre wohl kaum sagen. 58 Siege in 127 Rennen. Wertet man nur die fünfeinhalb Jahre der Hybrid-Ära, dann sind es in fünfeinhalb Jahren bisher 57 Siege in 108 Versuchen.

Im Vergleich dazu schreibt Dauerrivale Vettel mit 13 Siegen in 88 Rennen während der letzten viereinhalb Jahre eher rote Zahlen. Der größte und entscheidende Unterschied zwischen den beiden: Hamilton macht einfach weniger Fehler unter Druck, drängt Vettel aber zu vielen, wie zuletzt bei der umstrittenen Szene in Montreal. Aktuelles Punkteverhältnis: 187:111.

Hamilton, der erstaunlicherweise manchmal ein bisschen Anlauf braucht, um in Form zu kommen, hat für den Konkurrenten einen Tipp aus seiner Mental-Apotheke: „Es geht darum, sich zusammenzureißen, wenn du mal ganz unten bist. Wenn du Glück hast, findest du dort wahre Stärke. Entscheidend ist nicht, wie tief du fällst, sondern dass du wieder aufstehst.“ So, wie er es sich auf den Rücken tätowiert hat, Kreuz auf Kreuz, still I rise – ich wachse immer noch.

Der Erfolgshunger des Briten ist unstillbar

Sein Zuspruch hängt nicht von außen ab, behauptet er: „Es ist mir egal, ob ich Anerkennung kriege.“ Tatsächlich geht es mit seiner Karriere erst richtig aufwärts, seit er sich mehr um die innere Stärke kümmert, das bezieht auch den Mercedes-Rennstall mit ein.

Sein Chef Christian „Toto“ Wolff (und früher Niki Lauda) lässt ihn bis zu einem gewissen Punkt gewähren, kennt den schmalen Grat der Sensibilität, auf dem der Ausnahmefahrer wandelt, und genehmigt dann Ausnahmen wie vergangene Woche vor dem Grand Prix in Frankreich den Besuch der Gedenkveranstaltung für Karl Lagerfeld, für den alle Medien- und Sponsorentermine auf der Strecke blieben.

Das, was Hamilton als „Feuer“ bezeichnet, ist in Wahrheit Erfolgshunger. „Ich weiß, dass die Leute es nicht hören wollen“, sagt er nach dem sechsten Sieg im achten Rennen am vergangenen Sonntag, „aber von hier an wird es nur noch stärker.“ Von wegen verflixtes siebtes Jahr.

Den besten Beweis für seine Überlegenheit lieferte er in der letzten Runde des vergangenen Rennens. Mit abgefahrenen Reifen war er nur 24 Tausendstel langsamer als Vettel, der für den Ehrenpunkt der schnellsten Runde extra frische, superweiche Pneus hatte aufziehen lassen. „Das zeigt, wie er vorher gespielt hat“, sagt Vettel.

Bei all der Überlegenheit bliebt der Respekt vor dem Gegner

Dass es an der Spitze gerade so langweilig zu werden droht wie in besten Schumi-Zeiten, liegt aber nicht am Champion – sondern an seiner Konkurrenz. Hamilton selbst schiebt es auf die Entscheidungen der Regelmacher in den vergangenen Jahren. Auch dahinter verbirgt sich eine Botschaft. Da will einer noch mehr freie Fahrt.

Ob es die Sorge vor dem Verlieren sei, die ihn so über-erfolgreich mache, wurde er nach dem 79. Grand-Prix-Sieg seiner Karriere gefragt. Knappe Antwort: „In meinem Herzen ist kein Platz für Angst.“ Und nein, er spiele nicht mit seinen Gegnern. Das verbiete der Respekt.

„Ich habe Kämpfe wie beim Rennen in Kanada wirklich genossen, deshalb hoffe ich , dass Ferrari ein bisschen mehr Abtrieb in den Kurven zulegt, damit wir Rennen gegeneinander fahren können.“ Dass Österreich im Vorjahr der Tiefpunkt für Mercedes war, empfindet er als zusätzlichen Ansporn: „Ich verspreche Euch, wir werden nicht langsamer werden.“ Und fügt noch ein leises „Sorry“ an.