Formel 1

Um den Sieg betrogen? Vettel rast in Montreal vor Wut

Sebastian Vettel fühlt sich nach Platz zwei von den Rennkommissaren um Platz eins betrogen, verteidigt aber Sieger Hamilton.

Schildbürgerstreich: Sebastian Vettel vertauscht nach dem Rennen den Standmarker für den ersten Platz und zweiten Platz. Einen Grand Prix gewinnt man so aber nicht.

Schildbürgerstreich: Sebastian Vettel vertauscht nach dem Rennen den Standmarker für den ersten Platz und zweiten Platz. Einen Grand Prix gewinnt man so aber nicht.

Foto: PHOTO4Lapresse / dpa

Montreal. Es dauert nur einen Wimpernschlag nach der Zieldurchfahrt, da ist die Reihenfolge des Großen Preises von Kanada auf den Kopf gestellt. Jedenfalls, was die ersten beiden angeht: 1:29,05,742 Stunden lautet die Zeit von Sebastian Vettel, die plötzlich keine Siegerzeit mehr ist. Der Computer schlägt sofort fünf Strafsekunden für das Abdrängen von Lewis Hamilton drauf, damit gewinnt der Brite zum siebten Mal in Kanada, und zum siebten Mal in dieser Formel-1-Saison gelingt es Ferrari nicht, die Silberpfeile zu schlagen. Etwas Besseres als die Kontroverse vom Pfingstsonntag hätte der Königsklasse gar nicht passieren können – nicht mal ein Ferrari-Sieg.

In die Ideallinie von Hamilton gerutscht

Die 48. Runde ist eine, die über den weiteren Verlauf der ganzen Saison entscheiden kann, an ihr könnten der Hesse und Ferrari trotz Formsteigerung zerbrechen. Vettel, der den Start souverän kontrolliert hat, wird schon seit einigen Runden von dem wieder bis auf eine halbe Sekunde herangekommenen Titelverteidiger angegriffen. Vor Kurve drei gerät er unter großer Bedrängnis von der Piste ab, rutscht auf dem Gras weg, bekommt das Auto mit wilden Lenkbewegungen gerade noch so unter Kontrolle, kürzt durch die Auslaufzone ab und schlittert in Kurve vier quer über den Asphalt genau auf die Ideallinie, auf der Hamilton heranbraust.

Der Brite muss runter vom Gas, würde sonst in der Mauer oder im Gegner landen. Er funkt ein trockenes „das war gefährlich“ an die Box. Es ist eine Aufforderung an die Rennkommissare, zu ermitteln. Unter Führung des Passauer Funktionärs Gerd Ennser dauert es nicht lange, bis der Fall verhandelt ist. In Runde 58 bekommt Vettel eine Fünf-Sekunden-Strafe aufgebrummt: Abdrängen eines Gegners und gefährliche Rückkehr auf die Strecke.

Strafe ist berechtigt, Vettel sieht das anders

Der Sachverhalt ist unstrittig, über das Urteil wird heftig debattiert. Vettel macht über die verbleibenden 22 Runden ein Klage-Hörspiel daraus, da kann sein Renningenieur noch so oft „Bleib’ konzentriert!“ flehen. Der Heppenheimer, der mit einer sensationellen Qualifikationsrunde die erste Poleposition seit Juli 2018 geholt hatte, schaltet stufenlos immer höher in der Motz-Modus: „Sie wollen uns den Sieg stehlen!“ Hamilton bekommt lediglich die Anweisung, den Abstand so gering wie möglich zu halten: „Guck ihm ins Getriebe!“

Das macht der Champion auch, unter anderen Umständen hätte er wohl noch einen Überholversuch gewagt, aber das ist ihm angesichts von Vettels Gemütszustand wohl doch zu gefährlich. Durch den geschenkten, aber nicht unverdienten fünften Saisonsieg führt er nun mit 162 Punkten die WM-Tabelle an, Vettel liegt bei 100 Zählern. Die vorerst beste Chance, den Rivalen zu schlagen: vertan. „Nein, nein, nein, nein, nicht auf diese Art“, schimpft er nach der Zielflagge, „wo hätte ich denn hin sollen!? Das ist nicht fair. Ich verstehe die Welt nicht mehr.“

Ferrari-Mechaniker applaudieren

Dann driftet sein Verhalten nochmal völlig ab, diesmal zu Fuß. Er stellt den Ferrari nicht wie vorgeschrieben im Parc Fermé ab, sondern schiebt ihn selbst zu einer anderen Stelle. Zu den Siegerinterviews auf der Piste erscheint er nicht, stattdessen sucht er wutentbrannt nach den Rennkommissaren. Er scheint sie, zum Glück, nicht zu finden. Durch die Mercedes-Garage, ausgerechnet, stürmt er zurück in die Boxengasse.

Dort steht Hamiltons Siegerpfeil vor dem Schild mit der großen Nummer eins, rechts Kollege Charles Leclerc auf Position drei. Vettel nimmt den Aufsteller mit der Zwei, die vor seinem leer gebliebenen Parkplatz steht und tauscht sie mit der Eins vor dem Mercedes. Die Ferrari-Mechaniker applaudieren zu dem Schildbürgerstreich.

Hamilton zieht Vettel aufs Podium

Oben, auf dem Siegerpodium, legt Hamilton den Arm um die Hüfte des Kontrahenten und zieht ihn für einen Moment auf die oberste Stufe. Später wird er sagen, dass er immer gewinnen will, aber so eben nicht. Die Fans buhen Hamilton beim Interview aus, da geht Vettel dazwischen und fordert das Publikum auf, das zu lassen: „Buht die aus, die so entschieden haben. Lewis kann nichts dafür.“ Im Prinzip schon, denn er hatte Vettel ja in den Fehler getrieben. Womit der Ferrari-Pilot wieder damit konfrontiert wird, unter Druck zu oft zu zerbrechen. Letztes Jahr in Hockenheim war das auch passiert, das galt als Wendepunkt in der Weltmeisterschaft. Ist Montreal wieder so einer?

Vettel diskutiert nach seiner Selbstjustiz nicht mehr ganz so wütend, aber leidenschaftlich weiter: „Ich habe das Heck verloren und hatte alle Hände voll zu tun, mein Auto wieder unter Kontrolle zu bringen. Wie nah Lewis war, konnte ich nicht ahnen.“ Aber er gibt zu, dass Hamilton ihn im ganzen Rennen „wenig Luft“ gelassen habe.

Handspiel im Fußball wird auch bestraft

Auf die Frage, ob er sich betrogen fühle, antwortet Vettel aber dennoch mit einem knappen „Ja“. Sein britischer Gegner war 2008 im WM-Kampf in einer ähnlichen Situation in Spa mit 25 Strafsekunden belegt worden. Man kann es ganz neutral so sehen: Wäre Vettel nicht bestraft worden, hätte er dem Kontrahenten das Rennen zerstört und wäre dafür am Ende noch belohnt worden.

Absicht war es wohl nicht, aber das ist es beim Handspiel im Fußball häufig auch nicht und wird trotzdem bestraft. Beide versichern sich gegenseitig ihren großen Respekt, Vettel spricht hinterher sogar davon, dass er zur Hälfte des Grand Prix dachte: „Ein großartiger Kampf. Genau deshalb fahre ich Rennen.“

Ferrari versucht, positiv zu bleiben

Tatsächlich, solche Duelle wollen die Leute sehen. Aber eben nicht unter Gesetzlosen, auch wenn Vettel in einer Generalabrechnung beklagt, dass die Fahrer von heute viel zu sehr wie Anwälte sprechen und handeln würden: „Das macht den Sport sicher nicht interessanter. Das ist nicht mehr die Formel 1, in die ich mich verliebt habe.“

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto versucht, sich über die Formsteigerung zu freuen, spricht ebenfalls davon, sich als Sieger zu fühlen, weiß aber vor allem eins: „Entscheidend ist, dass wir jetzt positiv bleiben. Darin müssen wir auch Sebastian unterstützen.“ Es wäre nicht klug, gegen das Urteil Einspruch einzulegen, weil es eine Tatsachenentscheidung war. Beschwerde legte Ferrari aber ein. Die Formel 1 bleibt im Gespräch. Wenigstens das.