Formel 1

Ferrari vor der Zerreißprobe

| Lesedauer: 5 Minuten
Elmar Brümmer
Charles Leclerc (r.) muss Sebastian Vettel passieren lassen

Charles Leclerc (r.) muss Sebastian Vettel passieren lassen

Foto: Mark Thompson / Getty Images

Mercedes feiert im 1000. Grand Prix den nächsten Doppelerfolg. Vettel kommt nur durch eine Stallorder auf Platz drei.

Schanghai. Kein Rennwochenende in diesem Formel-1-Jahr, in dem Ferrari dank eines Vorsprungs von angeblich 40 PS nicht zum Favoriten erklärt wird. Das 1000. Rennen der Geschichte machte da keinen Unterschied, das Endresultat auf dem Schanghai International Circuit allerdings auch nicht: Der Tausendsassa war wieder Lewis Hamilton, wie schon im 999. WM-Lauf vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas. Es war der dritte Doppel-Erfolg in Silber hintereinander – und Sebastian Vettel kam nur dank einer Stallorder überhaupt aufs Treppchen. Die Roten stehen nach dieser Klatsche nicht bloß unter immer größerem Druck, sondern auch vor einer internen Zerreißprobe.

Um den Gemütszustand beim Heppenheimer und seiner Scuderia abzulesen, reichte ein Stummfilm. Traurige Augen, ein hängender Schnauzer, und eine Analyse, die sich verdächtig so anhörte wie die Bilanzen nach dem im Vorjahr verlorenen Titel: „Viel mehr als Rang drei konnten wir nicht anrichten. Und das war schon hart. Wir haben versucht dranzubleiben, aber es ging einfach nicht. Wir hatten den Speed nicht.“

Vettel findet den Rhythmus nicht

Ferrari hatte alles, was es hatte, auf Vettel gesetzt. Generell soll das Mittel der Stallregie zwar offen bleiben, was auch der starken Form des neuen Vettel-Nebensitzers Charles Leclerc geschuldet ist, aber noch hat der Deutsche tatsächlich so etwas wie einen Treuebonus. In der elften Runde kam die Ansage, die Leclerc gefürchtet hatte, seit er am Start geschickt innen an seinem Kollegen vorbeigehen konnte, weil dieser hinter dem mit der Kupplung kämpfenden Bottas feststeckte: „Lass Seb vorbei, lass ihn vorbei!“

Das Argument der Ferrari-Strategen, Vettel sei der Schnellere, wollte der Monegasse nicht gelten lassen: „Hey, ich ziehe gerade davon.“ Aber die Befehlsverweigerung wagte er dann doch (noch) nicht. Schnell wurde offenbar, dass auch Vettel den davoneilenden Silberpfeilen nicht beikommen konnte. „Ich dachte, ich könnte schneller fahren. Dann war es allerdings schwer für mich, den Rhythmus zu finden. Ich hatte dann ein paar Probleme und den Vorteil, den ich hatte, wieder verspielt“, sagte Vettel.

Hamilton nach erneutem Sieg deutlich vor Vettel

Der degradierte Leclerc ätzte über den Boxenfunk: „Und was jetzt? Ich verliere echt viel Zeit hinter ihm, nur dass ihr das wisst...“ Der Ingenieur mahnte, wohlwissend, dass die ganze Welt zuhören kann, zur Konzentration: „Wir besprechen das später.“ Später, das war, nachdem Max Verstappen an Leclerc vorbeigehen konnte und diesem den vierten Platz wegnahm. „An dem Punkt des Rennens mussten wir versuchen, Sebastian eine bessere Chance zu geben. Es war eine Entscheidung für das Team, nicht für einen Fahrer“, erklärte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, „aber ich verstehe und akzeptiere, dass Charles sauer ist.“ Die WM-Reihenfolge lautet nun Hamilton (68), Bottas (62), Verstappen (39), Vettel (37) und Leclerc (36).

In einer Fifty-Fifty-Situation Vettel bevorzugen zu wollen, hatte Binotto schon vor dem dritten WM-Lauf beschieden, und Leclerc hatte das grundsätzlich so akzeptiert, weil auf dem Asphalt immer noch das Gesetz des schnelleren Autos gelten sollte. Vor allem hatte der 21-Jährige sofort angekündigt: „Wir brauchen eine Eins und eine Zwei, aber ich will diese Reihenfolge so schnell wie möglich ändern.“ Binotto behält sich eine Variation je nach den Umständen ohnehin vor, und will in ein paar Rennen die Strategie ohnehin überdenken.

Leclerc sorgt für Druck bei den Italienern

Vettel bleibt die Nummer Eins, aber unruhige Zeiten sind angebrochen in Maranello, denn Leclerc ist trotz seiner Unerfahrenheit schon eine Eins a. „Für die Teamorder muss es einen guten Grund geben“, sagte der Düpierte bewusst doppeldeutig, „aber ich will keine dummen Kommentare abgeben, so lange ich das ganze Bild nicht kenne.“ Da wird einer nicht akzeptieren, als strategischer Puffer für Vettel eingesetzt zu werden. Sein Manager Nicolas Todt wird das geschickt befeuern, und die italienischen Medien scheinen Leclerc schon den Vorzug gegenüber Vettel zu geben.

Binotto gibt bislang immer den gelassenen, verständnisvollen Chef. Nach innen wird sich das nach dem Jubiläumsrennen sicher anders anhören, denn der Techniker selbst gerät auch unter immer stärkeren Druck. Auf welches Pferdchen soll er setzen? Warum bringt das Auto die Leistung des Antriebsstrangs nicht auf die Räder? Wie der aufkeimenden Rivalität seiner beiden Fahrer beikommen? Ferrari braucht dringend einen Plan B.

Mercedes macht es vor, aus der über die ganzen erfolgreichen Hybrid-Jahre hinweg gestärkten Souveränität heraus wird jede Ferrari-Unsicherheit ausgenutzt.