Formel 1

Milliardär Stroll macht die Formel 1 zum Spielzeug

Der Kanadier Lawrence Stroll kauft seinem Sohn ein Formel-1-Team samt Aufstiegschancen – und Williams geht das Geld aus.

Wenig Talent, viel Geld: Lance Stroll im Williams

Wenig Talent, viel Geld: Lance Stroll im Williams

Foto: Geert Vanden Wijngaert / dpa

Spa-Franchorchamps.  Die Phase, die rund um den Großen Preis von Belgien (heute 15.10 Uhr, RTL) begonnen hat, heißt „silly season“ – die verrückte Jahreszeit. Bei nur 20 startenden Piloten sind immer eine Menge Verschiebungen möglich, selbst wenn die Top-Rennställe bis auf den Nebensitzer von Sebastian Vettel ihr Personal längst rekrutiert haben. Es ist auch nicht unüblich, dass mangelndes Talent gelegentlich durch finanzielle Mitgift kompensiert wird. Letzteres scheint wieder Trend zu sein, seit Milliardäre die Königsklasse als rasenden Spielplatz für ihre Söhne entdeckt haben.

Die Hauptrolle spielt dabei der Kanadier Lawrence Stroll, der geschätzte 2,7 Milliarden Dollar schwer ist und sein Geld mit Modemarken macht. Stroll hat seinem Sohn Lance (19) schon im Vorjahr den Weg in die Formel 1 asphaltiert, in dem er das britische Traditionsteam Williams auf eine Weise finanziell unterstützt hat, die ihm den Rennstall praktisch Untertan macht. Es nutzte wenig. In diesem Jahr stürzte der öfters crash-gefährdete Sohnemann komplett ab.

Talentierte Fahrer werden vom reichen Nachwuchs verdrängt

Lawrence Stroll sah Handlungsbedarf, und die Chance bot sich, als das starke Mittelfeldteam Force India vor der Sommerpause in Insolvenz ging, weil sich mit Vijay Mallya ein anderer Milliardär verzockt hatte. Der Rennstall aus Silverstone ging an den Kanadier, der es unter dem neuen Namen Racing Point Force India nun in Spa-Francorchamps wieder an den Start brachte. Stroll senior (59) hat damit eine ähnliche Macht wie Red-Bull-Konzernchef Dietrich Mateschitz, der ebenfalls zwei Teams besitzt und junge Rennfahrer ausbildet – aber keinen Sohn hat, der irgendwann unbedingt in einem Ferrari sitzen soll.

Der Preis für die Zustimmung der restlichen neun Teams zur Umfirmierung ist das Löschen der bislang 59 WM-Punkte von Force India. Die Fahrer Sergio Perez und Esteban Ocon, die einen guten Ruf genießen, müssen eine Aufholjagd starten. „Aber es ist schwierig, sich auf den Job zu konzentrieren, wenn drumherum eine große Unsicherheit herrscht“, klagt Ocon, der in Belgien dennoch Startplatz drei hinter Lewis Hamilton (Mercedes) und Sebastian Vettel (Ferrari) eroberte. Der Franzose wird von Mercedes gefördert, schien schon einen Job bei Renault neben Nico Hülkenberg zu bekommen, droht nun ob der neuen Besitzverhältnisse aber durch Stroll junior verdrängt zu werden. Sergio Perez, dem prinzipiell ein ähnliches Schicksal droht, wird (noch) durch mexikanische Großsponsoren gestützt.

Der gesamte Fahrermarkt wird dadurch stark beeinflusst

Wenn bei Force India künftig alles in der Familie bleiben soll, hat das Auswirkungen auf den Rest des Feldes. Claire Williams konnte bislang ihre Fahrerbesetzung nur für Belgien garantieren, wenn sie Pech hat, muss sie dem Drängen ihres kanadischen Großaktionärs nachgeben, und Lance Stroll schon für Monza freigeben. Dann müsste wohl der polnische Ersatzfahrer Robert Kubica einspringen, der seit 2010 keinen Grand Prix mehr gefahren hat und dessen rechter Arm nach seinem schweren Rallye-Unfall stark gehandicapped ist. „In der Formel 1 gibt es viele Drehungen und Wendungen. Schauen wir mal, was die kommenden zwei Wochen bringen“, sagt die Managerin nur.

Und was sagt Lance selbst zu den Plänen? Was schon: „Im Moment habe ich noch ein Williams-Poloshirt an. Wir werden sehen, was mein Vater entscheidet. (...) Er ist ein netter Typ, hoffentlich nimmt er mich…“ Nichts sei garantiert. Aber das kann man so oder so sehen.

Williams steht durch die Entscheidung von Lawrence Stroll vor einer ungewissen Zukunft, auch der Hauptsponsor steigt zum Saisonende aus. Dass Team aus Mittelengland ist das letzte unabhängige in der Königsklasse – und mittlerweile auf die Almosen der Milliardäre angewiesen.

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