Formel 1

Vollgas für die Extravaganz

Übervölkert, überreizt, übertrieben: Die Formel 1 macht wieder Station in Monte Carlo. Doch kein Rennen ist so spektakulär wie dieses.

Im Hafen von Monte Carlo wirken die Formel-1-Boliden wie Spielzeugautos

Im Hafen von Monte Carlo wirken die Formel-1-Boliden wie Spielzeugautos

Foto: Mark Thompson

Monte Carlo.  Froschmann sollte man sein. Neoprenanzug hochgezogen, Maske auf, Sauerstoff reichlich. Alles, was bei der Formel 1 in Monte Carlo an einem hängen bleibt, würde abperlen. Und das Risiko, im Falle eines Unfalls ins Hafenbecken springen zu müssen, um einen Rennfahrer zu bergen, ist auch überschaubar. Abtauchen können, das ist ein sehr exklusives Vergnügen an diesem exklusivsten Rennwochenende des Jahres, beim 76. Grand Prix du Monte Carlo am Sonntag.

Doch was ist das überhaupt für eine Attitüde!? Ausgerechnet hier, wo alle Vergnügen haben, in den Irrsinn einzutauchen. Wo kein Fluglotsen- oder Eisenbahnerstreik diejenigen abhalten kann, die etwas auf sich halten. Wo billig auf Brilli trifft, wo Arroganz die erste Staatsbürgerpflicht ist.

Es gibt eine Menge Leute dort, die Boss sind. Zumindest steht das riesengroß auf ihren Taschen oder Hemden. Ansonsten geht der Trend zur aerodynamisch optimierten Nase, nicht nur bei den Rennwagen. Manche machen das aus Passion, andere aus Profession.

Prahlen gehört zur Etikette im Steuerparadies

Der Blick den Hang hinauf zu den klotzigen Bausünden in Terrakotta souffliert dazu den permanenten Gewissenskonflikt im Steuerparadies: Schminke oder Leidenschaft? Die ganze Stadt ist ein temporärer Käfig aus Fangzäunen, ein sehr skurriler Menschenzoo. Übervölkert, übertrieben, überreizt. Wer es nicht mehr aushält, nimmt die Buslinie zwei zum exotischen Garten. Von dort kann man den Ausblick, aber auch ein Privileg genießen: die Welt von oben herab zu betrachten.

Fürst Albert kommt gern in seiner amtlichen Mittagspause runter vom Piratenfelsen, Sonntag wird er den Pokal überreichen. Die örtlichen Royals wirken in ihrer Panzerglasbox an der Zielgeraden wie ein Wachsfigurenkabinett. Da ist es auf dem Party-Ponton von Red Bull gegenüber im Hafen schon weit lebendiger. Der mitschwimmende Pool, so wird zumindest versichert, ist nicht mit klebriger Brause gefüllt. Das pralle Leben, und alle prahlen damit. Es blendet einen förmlich.

Monte Carlo ist einmalig in der Rennsaison, das ist auch gut so. Die Formel 1, die von den US-amerikanischen Besitzern in ein politisch korrektes familienfreundliches Disneyland verwandelt werden soll, braucht die Extravaganz. Die Veranstalter haben sich nonchalant über die Anweisung hinweggesetzt, dass es keine Startnummerngirls mehr geben darf. Wohlwissend, dass die Formel 1 Monaco als Krone der Serie braucht. Aber Monaco braucht auch die Formel 1. Man muss verstehen, warum dieses Rennen das Tollste ist – auch für die Fahrer.

Kurze Strecke, lange Laufstege, viele Fälschungen

Zwar ist die Strecke nur rund drei Kilometer lang, aber diese sind tückisch. Überholen ist ob der Enge und der vielen Kurven oft unmöglich. Wer von der Poleposition startet, ist klar im Vorteil. Der Formel-1-Mythos Monaco ist durchgehend seit 1955 ein unvergleichlicher Adrenalinkick für die Fahrer.

Alberto Ascari stürzte damals in seinem Lancia ins Hafenbecken; Ayrton Senna errang 1988 die Poleposition mit einer der besten Formel-1-Runden, die je gedreht wurden. „Wenn man es sich aussuchen kann, will man Weltmeister werden und gleich dahinter Monaco gewinnen“, sagt der viermalige Weltmeister und zweimalige Sieger des Grand Prix du Monte Carlo, Sebastian Vettel: „Es ist aber nicht mein Ort zum Leben und Verweilen.“

Dass der Klassiker in Monte Carlo am Wochenende nach Christi Himmelfahrt stattfinden muss, ist längst nicht mehr Gesetz. Das letzte Wochenende im Mai soll es vielmehr schon sein. Am trainingsfreien Formel-1-Freitag wird aber nicht gerüttelt. „Fast schon heilig“ sei das in Monaco, schrieb Ferrari. Es ist liebgewonnene Tradition.

Alles zum täuschend echten Schnäppchenpreis

Jenseits der Rennfahrermodenschau in der Amber Lounge herrscht auf dem Laufsteg ein totes Rennen zwischen den Darstellern aus den russischen und deutschen Provinzen. Es gibt hier mehr beschriftete Hemden als im Kleiderschrank von Dieter Bohlen. Nur die Holländer sind so wie immer, maximal in Oranje gekleidet.

Die fliegenden Händler jenseits der Grenze nach Italien in Ventimiglia haben ihr Angebot auf die adäquate Ausrüstung für das Grand-Prix-Wochenende umgestellt: Alles, was man an Marken in der Vogue blättern kann, gibt es zum täuschend echten Schnäppchenpreis. Es gibt eine schmale Ideallinie zwischen Glamour und Klamauk, zwischen Helden und Hedonisten.

Hässlichkeit entsteht ja immer im Auge des Betrachters. Man kann eine Menge Gründe anführen, den Auftrieb in Monte Carlo nicht zu mögen. Auch wenn das viele nicht verstehen können. Deshalb muss man herkommen. Immer wieder.

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