Neue Saison

Vettel hat so viel Druck wie noch nie

Deutschlands Formel-1-Star beginnt sein viertes Ferrari-Jahr wie immer optimistisch. Hinter den Kulissen aber brodelt es.

Kann sich Vettel diese Saison gegen Hamilton durchsetzen?

Kann sich Vettel diese Saison gegen Hamilton durchsetzen?

Foto: pa

Melbourne. Vor dem Saisonstart in der Formel 1 gibt es ja immer einiges zu diskutieren. In diesem Jahr über den neuen, für rund 15.000 Euro pro Stück in der Schweiz produzierten Cockpitschutz namens „Halo“. Er wiegt zwar nur knapp über zehn Kilogramm, kann aber ein Gewicht von mehr als zehn Tonnen tragen kann – und gibt den Boliden neben erhöhter Pilotensicherheit auch eine neue Optik. Spekuliert wird außerdem viel über die zwei neuen Reifensorten Supersoft und Superhart, mit denen der Exklusivlieferant Pirelli mehr Aktion erzeugen will. Weniger Technikaffine reiben sich an der Abkehr von den schönen Mädchen in der Startaufstellung.

Von einem war zu all den Themen wenig zu hören: Sebastian Vettel (30). Für den Deutschen gibt es Wichtigeres, ab nächsten Sonntag in Melbourne geht es nämlich schon um die grundsätzliche Bewertung seiner Karriere, sein Vermächtnis. Erstmals kommt es diesmal zum Duell zweier Vierfach-Weltmeister mit der Frage, wer zum legendären Juan Manuel Fangio aufschließt, dem zweitbesten der Historie hinter Michael Schumacher (sieben Titel). „Es ist immer zu lang, wenn es mehr als ein Jahr her ist. Wir haben aber das Ziel, den Titel nach Maranello zu holen“, sagte Ferrari-Pilot Vettel. Verliert er erneut gegen Lewis Hamilton (Mercedes), werden seine vier Titel zwischen 2009 und 2013 allein dem damals überlegenen Auto eines Brausekonzerns zugeschrieben.

Selbst Hamilton langweilt die Dominanz der Silberpfeile

Mut sollte machen, dass Vettel und sein Langzeitkollege Kimi Räikkönen bei den Wintertests in Barcelona zum Abschluss die Maßstäbe bei den Rundenzeiten setzten. Die Rivalen Mercedes und Red Bull fokussierten ihre Arbeit allerdings auf simulierte Renndistanzen und verzichteten daher auf die besonders weichen und schnellen Reifenmischungen, die Ferrari beim Erzielen der Topzeiten aufgezogen hatte. Die Einschätzung des Kräfteverhältnisses fällt so auch Experten schwer, es wird erst in Australien sichtbar. „Wir hatten dabei keine Defekte – aber sehr viel Spaß beim Fahren. Wir beginnen von einer soliden Basis, sind nicht hinter der Konkurrenz. Jetzt geht es um rasche Entwicklung unseres neuen Wagens“, gab sich Vettel zuversichtlich nach insgesamt 4300 Testkilometern. Was zur wichtigsten Aussage für Tifosi und Medien führte: „Ich habe volles Vertrauen in mein Team.“ Ferrari wisse, wo man „die Schrauben zu Verbesserungen drehen muss“.

Wie immer, wenn es wenige Änderungen im technischen Regelement gibt, ist mit einer Annäherung in der Spitzengruppe zu rechnen. Vettels Rivale Hamilton freut sich darüber: „Wenn die Diskrepanz groß ist, schmälert es die Chancen, sich zu profilieren. Daher hasse ich solche Zeiten“, erklärte der Brite über die Dominanz der Silberpfeile, die zuletzt vier Jahre am Stück alle Titel einfuhren. Allerdings dürfte Hamilton auch in diesem Jahr wieder von der Effizienz schwäbischer Motoren profitieren, mit denen man mit zehn bis 15 Kilogramm weniger Benzin an Bord starten kann, was dank Gewichtsvorteil über drei Zehntelsekunden pro Runde bringt.

Es wartet daher im Saisonverlauf viel Entwicklungsarbeit auf Ferrari, um den ersten WM-Titel seit 2007 einfahren zu können. Trotzdem gibt es Störgeräusche im Umfeld. So brachte sich Firmenpräsident Sergio Marchionne (zugleich Konzernboss bei Fiat-Chrysler) mit der Drohung ins Spiel, Ferrari könnte die Formel 1 sofort verlassen, wenn das künftige Reglement (ab 2021) nicht genehm sei. Während der große Teil der Branche auf Marchionnes Wortspenden kaum mehr reagiert, nimmt ihn Mercedes-Sportchef Christian „Toto“ Wolff diesmal ernst: „Wir sollten Marchionne nicht provozieren. Die Formel 1 braucht Ferrari mehr als Ferrari die Formel 1.“ Nun ja, wenn es um das Verhindern neuer Antriebsregelungen (in Richtung vereinfachter Hybridsysteme, die andere Hersteller anziehen könnten) geht, sind sich Stern und springendes Pferd plötzlich einig. „Wenn er keinen Wert für sein Unternehmen in der Formel 1 mehr sieht, wird er den Stecker ziehen“, vermutet der Wiener.

Bei Schumacher verschob ein Beinbruch die rote Premiere

Marchionnes offensichtlicher Unmut entspringt der Furcht vor dem Verlust von Privilegien: Jean Todt, einst Ferraris Teamchef und heute Präsident des Weltverbandes Fia, hält das Vetorecht der Scuderia in diversen Gremien für nicht mehr zeitgemäß. Und dem neuen Formel-1-Eigner Liberty stoßen die 100 Millionen Dollar Sonderzahlungen an Ferrari, mit denen Vorgänger Bernie Ecclestone die Italiener an die Formel 1 kettete, längst gehörig auf. Dass dieser Tage mit Laurent Mekies der stellvertretende Rennleiter und oberste Sicherheitschef der Fia den Weltverband verließ und bei Ferrari anheuerte, stößt nun der gesamten Konkurrenz auf. Erst im Vorjahr löste der umstrittene Wechsel des Fia-Technikers (und Datenkenners) Marcin Budkowski zu Renault heftige Kritik aus – und die Vereinbarung, dass solche Wechsel künftig eine zwölfmonatige „Sperre“ nach sich zögen. Mekies soll aber schon in einem halben Jahr für Ferrari arbeiten dürfen.

Die Saison beginnt also nicht nur auf die Piste spannend, aber dort vermutlich besonders. Und natürlich wird nicht nur beim Auftakt darüber geredet werden, dass Michael Schumacher erst 2000, im fünften Ferrari-Jahr, den ersten Titel in Rot einfuhr. Dass es bei ihm nicht schon im Jahr zuvor klappte, war damals jedoch allein seinem Beinbruch in Silverstone zuzuschreiben.