Formel 1

Schön ist anders – die neuen Boliden 2018

Mercedes und Ferrari präsentieren ihre Boliden für die neue Formel-1-Saison. Der neue Cockpitschutz Halo ist schon jetzt unbeliebt.

Der neue Mercedes W 09 EQ Power Plus mit dem Cockpitschutz Halo

Der neue Mercedes W 09 EQ Power Plus mit dem Cockpitschutz Halo

Foto: MATTHEW CHILDS / Action Images via Reuters

Maranello/London.  Tatsächlich, der neue Dienstwagen von Sebastian Vettel ist wieder Rot. Und zwar: Voll-Rot. So fällt selbst das Geißbock-Geweih namens Halo, das in der neuen Formel-1-Saison als Schutz über dem Cockpit liegt, nicht so unangenehm auf. Was nicht alles vermutet worden war in Sachen Farbgebung des Ferrari SF71 H, bis hin zur Lackierung im Blau einer E-Zigarette. Aber es gibt nichts Passenderes, als den ganzen Wagen in dieser Warnfarbe zu lackieren: Jahr vier für den vierfachen Weltmeister in Maranello, Zeit, auch die Startnummer Fünf zum Programm werden zu lassen: Im Wettstreit mit Lewis Hamilton, wer als nächster den fünften Titel holt.

Die Champions von Mercedes guckten sich in Silverstone den Live-Stream vor wenig geladenen Gästen aus Maranello an und lehnten sich entspannt zurück: Auch die Scuderia hat vor den ersten Testfahren in der kommenden Woche nur eine Evolution präsentiert. Die Titelverteidiger sind mit einem halben Tag Vorsprung in die Saison gestartet, die auf den ersten Blick auffälligste Änderung am neuen Silberpfeil ist der sperrige Name: Mercedes W 09 EQ Power Plus. Damit klar ist, was dahintersteckt, gibt es für den Rennwagen sogar einen eigenen Werbeslogan: Mehr als eine Maschine.

Das Stuttgarter Werksteam, dass die Formel 1 seit Einführung der Hybrid-Technik im Stil von Bayern München beherrscht, darf sich nochmal bestätigt fühlen: der neue Ferrari nähert sich mit seinem Radstand dem extrem langen Silberpfeil an. Ansonsten gelten die Bemühungen der italienischen Techniker auch einer Mercedes-Tugend: der Zuverlässigkeit. Bei nur noch drei Motoren für die 21 Rennen von 25. März bis Ende November darf man sich Pannen wie in der Schlussphase des Vorjahres nicht mehr leisten. Vettel, der Leidtragende, hat nach einem stillen Rennwinter bereits zum weltmeisterlichen Optimismus gefunden: „Das Auto ist ein großer Schritt zum vergangenen Jahr. Du willst rein und auf die Strecke.“ Sein finnischer Teamkollege Kimi Räikkönen ergänzte: „Wenn ein Auto gut aussieht, ist es meistens auch schnell.“

Auffällige Flügelteile vermitteln klare Botschaft

Auffällig sind einige sehr aggressiv wirkende Flügelteile vorn und an den Seitenkästen, über die Zweckmäßigkeit hinaus ist das eine klare Botschaft. Sogar der Schutzbügel hat ein Flügelchen abbekommen. Firmenpräsident Sergio Marchionne hat seine Erwartungen an den Herausforderer in seiner unverwüstlichen Art als Frage formuliert: „Monster oder Müll?“ Wenn den Ferrari-Technikern nochmal so ein Schritt gelungen wäre wie im Vorjahr, dann wäre der Titelgewinn für Vettel „fast ein Spaziergang. Wir haben versucht, die Stärken beizubehalten und die Schwächen abzustellen“, bemüht Technikchef Mattia Binotto eine Binsenweisheit. Allerdings eine, die an der Spitze der Königsklasse tatsächlich entscheidend ist.

Sieht denn der Silberpfeil aus wie ein Auto, dass den fünften Titel in Folge gewinnen kann? Mercedes-Teamchef Christian „Toto“ Wolff hätte am liebsten, dass aus der Unruhe mehr Kraft entsteht, schließlich ist es nicht ganz einfach, die Motivation in einem siegverwöhnten Rennstall hoch zu halten. Seine Designer haben die Antriebskomponenten nach italienischem Vorbild in ein enger geschneidertes Kohlefaserkleid gesteckt.

Der Ästhetik des Vorjahresautos ist man treu geblieben, das zeigt sich schon an der Fahrzeugnase. Teamchef James Allison tritt vor allem gegen die Launenhaftigkeit des Silberpfeils an, Lewis Hamilton hatte lange gebraucht, der „Zicke“ Herr zu werden und das ganze Potenzial des Autos auszuschöpfen. Der ohnehin schon seit Jahren als Gradmesser für die Branche geltende Antriebsstrang bekommt künftig zusätzliche italienische Impulse, Mercedes hat mit Lorenzo Sassi einen bei Ferrari in Ungnade gefallenen Experten geholt.

Für die Entwicklung ein Jahrtausend an Arbeit

Unter der silbernen Haube steckt die größte Veränderung: ein komplett neues Triebwerk, das ist der höheren Kilometer-Laufleistung geschuldet. Ein ganzes Jahrtausend an Arbeitsstunden stecke zusammengerechnet in der Neuentwicklung, hat Mercedes errechnet. „Es ist etwas ganz Besonderes, wenn man zum ersten Mal alle Teile zusammengefügt sieht. Wir haben die DNA von 2017 behalten. Aber dieser Wagen ist besser als das Auto vom vergangenen Jahr – in jeglicher Hinsicht“, sagte Weltmeister Hamilton.

Nur eins passt dem Mercedes-Teamchef nicht so ganz in die Harmonie: Der auch von vielen Fahrern und Fans ungeliebte Cockpitbügel. Das einzige der 7000 neuen Teile, auf das der Österreicher am liebsten verzichten würde – nicht, weil er gegen Sicherheit wäre, sondern weil er das vorgeschriebene Element in dieser Form nicht gelungen für einen Formel-1-Rennwagen findet : „Wenn man mir eine Kettensäge gibt, würde ich ihn entfernen.“

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