Formel 1

Vettels Sieg in Brasilien ist die Flucht nach vorn

Vettels Sieg in Brasilien hilft gegen Ferraris WM-Frust. Hamilton beschwert sich nach bewaffnetem Überfall.

Sebastian Vettel feiert in Sao Paulo den ersten Sieg seit Juli. Bei Mercedes sind sie zufrieden, dass

Sebastian Vettel feiert in Sao Paulo den ersten Sieg seit Juli. Bei Mercedes sind sie zufrieden, dass

Foto: PAULO WHITAKER / REUTERS

Sao Paulo.  Wenn nur alles beim Großen Preis von Brasilien so sicher gewesen wäre wie der fünfte Saisonsieg von Sebastian Vettel, der erste für den Ferrari-Piloten seit Ende Juli. Mercedes-Pilot Valtteri Bottas bleibt aus der dritten Poleposition ein zweiter Platz vor Kimi Räikkönen. Aber allen auf dem Podium wird die Show gestohlen von Lewis Hamilton, der als Letzter ins Rennen gehen muss – und als Vierter ganz knapp das Podium verpasst, nach 71 Runden Aufholjagd mit ganzen 5,4 Sekunden Rückstand auf den deutschen Sieger.

Der Erfolg, der ihm wohl den zweiten Platz in der Fahrer-Weltmeisterschaft sichert, ist Balsam für die wunde Seele Vettels, der zur Aufmunterung sein übliches „Forza Ferrari“ über den Boxenfunk schickt. Später dirigiert er bei der italienischen Nationalhymne mit. „Es war hart in den letzten Wochen, das tut dem Team hier und in Maranello gut. Jetzt gibt es noch einen Drink, und dann schauen wir mal weiter“, sagt er mit Blick aufs Saisonfinale in zwei Wochen.

In der Qualifikation war Weltmeister Hamilton ein Fahrfehler unterlaufen, der erste in diesem Jahr. Vettel hätte das gern mal wieder für eine Poleposition genutzt, aber Hamiltons finnischer Stellvertreter vereitelte das in letzter Sekunde. Dafür revanchiert sich der Heppenheimer gleich in der ersten Kurve. Der Ferrari kommt am besten weg und geht innen mit Millimeterarbeit am Silberpfeil vorbei: „Ich habe Valtteri überrascht“, sagt der Sieger über die rennentscheidende Szene. Das Hoch über Interlagos samt Temperatursteigerung kommt dem italienischen Rennwagen zusätzlich entgegen. Doch kaum beginnt Vettel davonzuziehen, ist der Spaß fürs Erste vorbei – Safety-Car, weil im hinteren Feld ein paar Herren Autoscooter spielen. Beim Neustart bleibt Vettel fast stehen, dann drückt er aufs Gas – er bleibt konstant etwa zwei Sekunden vor Bottas. Zwischen den beiden geht es ja noch um den zweiten WM-Platz.

Interessanter ist allerdings, wie sich der nach einem Motorwechsel aus der Boxengasse gestartete Hamilton schlägt. Fünf Mal musste er schon von ganz hinten zurückkommen, vier Mal schaffte er es wieder in die Punkte, dreimal sogar aufs Podium. Nach einem Renndrittel in Sao Paulo ist er schon Siebter, kurz danach Fünfter. Und nach 30 Runden übernimmt er sogar die Führung, allerdings nur, weil die vor ihm liegenden Fahrer schon beim Reifenwechsel waren. Was für eine spektakuläre Aufholjagd, eines Champions würdig.

Dass seine Pneus Blasen werfen, interessiert den Briten wenig, er will es allen beweisen. Nach 44 Runden muss auch Hamilton frische Pneus holen, der Wagenheber klemmt ein bisschen, er bleibt Fünfter. Max Verstappen im Red Bull-Renault schnappt er sich zwölf Runden vor Schluss, jetzt sind es noch fünf Sekunden auf einen Podiumsplatz. Hamilton fährt erst gegen die Uhr, dann gegen den Finnen Räikkönen. Mit einem Rundenrekord geht die Jagd los. „Lewis, wir jagen das Podium“, hetzt ihn sein Renningenieur. Aber Räikkönen behält am Limit die Nerven – auch für ihn ist die gelungene Abwehrreaktion ein kleiner Trostpreis für eine insgesamt enttäuschende Saison.

Felipe Massa, der bei seinem letzten Heimspiel den siebten Platz belegt, zeigt sich beschämt von den Ereignissen abseits der Strecke. Der Williams-Pilot ist selbst in einem der Armutsviertel rund um die Strecke aufgewachsen, wo es auf den Zufahrtstraßen trotz verstärkter Polizeipräsenz am Freitag- und Samstagabend zu Überfällen auf Mercedes-Mechaniker, Verbandsfunktionäre und einen Sauber-Bus kam. Mercedes-Teammitgliedern wurden sogar Pistolen an die Schläfe gehalten, um sie dann auszurauben. „Es macht mich traurig. Als Brasilianer fühle ich mich als Teil des Problems. Wir wünschen uns ein sicheres Land“, sagt Massa im Abschiedstrubel.

Am Rennsonntag hatte die Polizei ihre Präsenz erhöht. „Es sah aus, als sei Bürgerkrieg, so viele Einsatzkräfte waren unterwegs“, sagte Mercedes-Motorsportchef Christian „Toto“ Wolff. An die Gäste war der Hinweis ausgegeben worden, sich außerhalb der Strecke möglichst nicht als Formel-1-Besucher erkennen zu geben. So sollten Akkreditierungen abgelegt und Parkaufkleber von den Autos entfernt werden. Weltmeister Hamilton forderte aber mehr: „So etwas passiert hier in jedem einzelnen Jahr. Die Formel 1 und die Teams müssen mehr tun, es gibt keine Entschuldigungen!“

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