Formel 1

So raste Weltmeister Nico Rosberg ans Ziel seiner Träume

Hamilton versuchte, den Deutschen noch auszubremsen und riskierte dafür sogar den Rauswurf bei Mercedes.

Nico Rosberg drehte noch ein paar Extrarunden in seinem Boliden

Nico Rosberg drehte noch ein paar Extrarunden in seinem Boliden

Foto: Srdjan Suki / dpa

Abu Dhabi.  Die Formel-1-Saison 2016 erlebte ein denkwürdiges Finale in der funkelnden Wüsten-Dämmerung, die Abstände unter den ersten vier Autos waren ja auch alles anderes als zufällig so gering wie selten zuvor in diesem Jahr. Doch Nico Rosberg (31) reichte am Ende Platz zwei beim Großen Preis von Abu Dhabi hinter dem entthronten Lewis Hamilton, um sich als dritter Deutscher nach Michael Schumacher und Sebastian Vettel zum Weltmeister zu krönen.

Auf fünf Punkte war der Vorsprung nach dem zehnten Saisonsieg des Mercedes-Rivalen so zusammengeschmolzen, aber das reichte Rosberg (neun Saisonsiege) zum Triumph. „Das ist ein Kindheitstraum, der jetzt hier in Erfüllung geht. Ich will jetzt nur noch feiern und die Sau rauslassen“, sagte er, bevor er innig seine Frau Vivian herzte, übermütig Formel-1-Chef Bernie Ecclestone in die Höhe stemmte und zwischendurch immer wieder mit den Freudentränen kämpfte. Zehneinhalb Jahre nach seinem Formel-1-Debüt und 34 Jahre nach dem Titelgewinn von Papa Keke holte sich der in Monte Carlo lebende Rosberg mit kalkuliertem Risiko den ersehnten WM-Triumph. „Ich bin sehr stolz, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters treten konnte“, sagte Rosberg, nachdem er zuvor etwas gequält den geschlagenen Hamilton umarmt hatte.

Teamchef Wolff spricht von Präzedenzfall und Anarchie

Der Brite hatte dafür gesorgt, dass es keine ungetrübte Feier gab. Er fuhr in der Schlussphase absichtlich so langsam, dass ihn Rosberg nicht überholen konnte, dieser aber durch die Verfolger Sebastian Vettel (Ferrari) und Max Verstappen (Red Bull) unter Druck kam. Ein vierter Platz Rosbergs hätte Hamilton neuerlich den Titel, seinen vierten, gebracht. „Damit hat er auch den Sieg für Mercedes gefährdet. Und als wir das bemerkt haben, haben wir Anweisungen gegeben, die hat Lewis ignoriert. Damit hat er einen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen: Wenn wir so weitermachen, würde das totale Anarchie bedeuten, dann macht jeder, was er will. Da werden wir deshalb schon dazwischenhauen“, versprach Motorsport-Chef Christian „Toto“ Wolff. Indirekt drohte er Hamilton sogar mit Rauswurf: „Red-Bull-Teamchef Christian Horner sah Hamiltons Verhalten schon am Samstag voraus – vielleicht will Lewis in Zukunft für Red Bull fahren?“

Die Aufforderung, endlich wieder schneller zu fahren, hatte Hamilton während des Rennens über Funk so beantwortet: „Ich bin gerade dabei, die WM zu verlieren, also ist es mir auch egal, diesen Sieg zu verspielen.“

Aufsichtsrat-Chef Niki Lauda („Lewis gefährdete Nicos Titel und setzte seinen eigenen Sieg gegen Vettel und Verstappen aufs Spiel“) wertete die Geschehnisse ähnlich und regte Konsequenzen an. Nachdem er seine Kappe vor dem neuen Weltmeister gezogen hatte, fügt er aber noch hinzu: „Nico ist der würdigste Weltmeister. Lewis im gleichen Auto zu schlagen, das ist eine noch größere Leistung als ‘nur’ der Fahrertitel.“

Bevor Rosberg zu den Feierlichkeiten mit den angereisten Eltern und Freunden aufbrach, gab er noch zu: „Das war sicher nicht das erfreulichste Rennen für mich.“ Über Funk hatte er mehrfach gedrängt, Hamilton solle ihn vorbeilassen, er würde ihm knapp vor Schluss wieder den Sieg überlassen, sollte für ihn Rang zwei gesichert sein. Doch Hamilton sah keine Veranlassung mitzuspielen. „Ich bin wirklich froh, dass es vorbei ist. Die letzten Runden waren wie in Ekstase“, gestand Rosberg und versuchte dennoch, die Fairness aufrechtzuerhalten: „Gratulation an Lewis, er ist ein großer Gegner. Ihn zu schlagen, ist nie leicht.“ Doch das klang mehr nach guter Erziehung.

„Guter Job, Mann“

Hamilton hatte den Rivalen noch im Parc fermé kurz umarmt und auf dem Podium beim Interview mit David Coulthard Rosberg gratuliert, was aber sehr förmlich klang: „Großer Glückwunsch an Nico für seine erste Meisterschaft. Guter Job, Mann.“ Der dreimalige Champion vermied es sonst tunlichst, auf die Situation im Finish einzugehen, gab immerhin zu, sich bewusst so verhalten zu haben: „Ich musste es so versuchen.“

Der Fröhlichste auf dem Podium war so am Ende der Drittplatzierte Sebastian Vettel, obwohl er 2016 mit Ferrari ohne Sieg blieb. „Ein versöhnliches Finale. Dieses Rennen gibt uns Auftrieb für 2017“. Zumal dort viele neue Regeln ein neues Kräfteverhältnis und das Ende der Mercedes-Überlegenheit (die Silberpfeile gewannen seit der letzten Änderung 51 von 59 Rennen) verheißen. Aber erst einmal freute sich Vettel auch mit seinem Landsmann Rosberg: „Nico ist der absolut verdiente Champion. Das war kein Spaziergang. Was Lewis am Ende gemacht hat, war nicht ganz fair, aber irgendwie verständlich. Da stand vor dem Nico quasi ein Reisebus auf der Rennstrecke.“