Formel 1

Jules Bianchi hat den letzten Kampf verloren

Jules Bianchi ist tot. Der Formel-1-Pilot hat die Folgen des Unfalls in Japan nicht überlebt. Die Formel 1 steht unter Schock.

Foto: AFP

Die bewegendsten Worte fand ein Mann, dem sonst fast nie zugehört wird. John Booth, Teamchef des kleinsten, ärmsten und langsamsten Formel-1-Rennstalls Manor Marussia, hat wenig zu melden in der Branche. Am Sonnabend aber klangen die Sätze des Briten klar und eindringlich: „Jules Bianchi war ein strahlendes Talent, ein Mann, wie geboren für die schönen Dinge in unserem Sport. Die Trauer lässt sich kaum beschreiben. Wir sind dankbar, dass wir mit ihm zusammenarbeiten durften und werden weiter für ihn fahren.“ Wenige Stunden vorher war der beste Pilot, der je für ihn fuhr, im Alter von 25 Jahren für tot erklärt worden.

285 Tage nach dem verheerenden Unfall in Suzuka, als er auf regennasser Piste die Kontrolle über seinen Rennwagen verloren hatte und in einen Bergungskran gekracht war, teilten die Eltern in einem ergreifenden Statement mit, dass ihr Sohn bis zum Ende gekämpft habe. Aber: „Heute Nacht kam sein Kampf zu einem Ende.“

Seit Oktober 2014 im Koma

Dass Bianchi an jenem 5. Oktober 2014, der als einer der dunkelsten Tage in die Geschichte der Formel 1 eingehen wird, schwere Verletzungen erlitten hatte, war sofort klar. Zu heftig war der Einschlag, zu groß das Entsetzen etwa bei Adrian Sutil, der daneben stand, als Bianchis lebloser Körper aus dem Wrack gezogen wurde. Eine Not-Operation im benachbarten Yokkaichi rettete sein Leben, seitdem lag er im Koma. Äußerlich war er weitgehend unversehrt.

Sein Gehirn aber wurde schwer beschädigt bei dem Einschlag, der Fliehkräfte freisetzte, die 92-mal so groß waren wie sein eigenes Körpergewicht. Es galt schon als medizinisches Wunder, dass er wenige Wochen später für transportfähig erklärt und zur weiteren Behandlung in eine Klinik nahe seiner Heimat Nizza verlegt werden konnte. Die Hoffnung auf eine Genesung war immer noch klein, aber sie wuchs. Vater Philippe berichtete von Fortschritten, hier ein Blinzeln, da eine Handbewegung. Vor einer knappen Woche sprach er jedoch davon, dass „die Hoffnung schwindet. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich bewusst machen muss, wie ernst die Situation ist.“

Für den Fia ist der Fall abgeschlossen

Für den Automobil-Weltverband Fia, der später kondolierte als alle Teams, ist der Fall abgeschlossen. Eine Untersuchungskommission attestierte Bianchi, vor seinem Unfall zu schnell gefahren zu sein, obwohl gelbe Flaggen geschwenkt wurden. Die Eltern hingegen beschäftigen noch immer Anwälte, die die genauen Umstände des Unfalls prüfen. Hätte trotz der schlechten Sicht gefahren werden dürfen? Welche Rolle spielte es, dass der Rettungshelikopter nicht wie geplant starten konnte und ihr Sohn stattdessen mit dem Krankenwagen evakuiert werden musste? Warum sind im High-Tech-Sport Formel 1, in dem selbst Radmuttern getunt werden, Bergungsfahrzeuge im Einsatz, die zur tödlichen Gefahr werden können?

Die Formel 1 führte eine neue Technologie ein, mit der sich die Autos bei Gefahrensituationen per Fernsteuerung einbremsen lassen. Einige Startzeiten wurden nach vorn gezogen, um sich nicht mehr der Dunkelheit auszuliefern, auch das war in Japan ein Problem. Das Bildmaterial, auf dem der Crash in hochauflösend zu sehen ist, werden die Verantwortlichen für immer unter Verschluss halten – aus Respekt vor der Familie.

Der erste Todesfall in der Königsklasse seit Ayrton Sennas Crash vor 21 Jahren, der 32. insgesamt, hat die Formel 1, der Recken wie Niki Lauda gern vorwerfen, nicht mehr gefährlich genug zu sein, bis ins Mark erschüttert. Die Anteilnahme war gewaltig und erstreckte sich von Jean Alesi bis Francois Hollande. Freundschaftlich verbundene Kollegen wie Fernando Alonso oder Romain Grosjean schrieben von „unendlicher Trauer“, „Fassungslosigkeit“ und dass ihr Ex-Kollege „für immer in unseren Herzen“ bleiben werde.