Kommentar

Schuld sind immer die Anderen

Red Bull ist in der Formel 1 unzufrieden. Das ist verständlich. Doch ein Rundumschlag bringt gar nichts. Lieber sollten alle konstruktiv an der Zukunft der Königsklasse arbeiten, meint Matthias Brzezinski.

Lewis Hamilton, wer sonst? Von den einen erwartet, von den anderen befürchtet, steht bereits nach den ersten 58 Rennrunden der Formel-1-Saison 2015 fest: Den Briten kann bis auf Weiteres allenfalls sein Teamkollege Nico Rosberg bezwingen. Wie gehabt. Hinter dem Silberpfeil-Duo nimmt, legt man die Testfahrten vor der Saison und das Rennen in Melbourne zugrunde, Ferrari-Neuling Sebastian Vettel die Rolle des lachenden Dritten ein. Das ist neu, standen doch die Italiener trotz des von allen als Top-Pilot anerkannten Spaniers Fernando Alonso in den letzten Jahren klar im Schatten von Red Bull. Und ein wenig auch in dem von Williams. Der Stern strahlt also, das Springende Pferd kommt gut über die Hürden – und der Rote Bulle ist momentan eher ein Kälbchen.

So ist es nicht wirklich verwunderlich, dass man bei Red Bull, verwöhnt durch vier WM-Titel zwischen 2010 und 2013 mit Sebastian Vettel, unzufrieden ist. Das ist sogar richtig. Die Problemlösung besteht aber sicher nicht darin, mit einem Rundumschlag gegen das geltende Regelwerk und gleichermaßen gegen Renault als Lieferant des Antriebsstrangs – nur Romantiker verwenden noch das Wort Motor – zu reagieren. Das machen schlechte Verlierer.

Doch auf die Frage, ob angesichts dieser Probleme Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz die Lust an der Formel 1 vergehen könnte, antwortete Teammanager Helmut Marko mit einem eindeutigen „Ja“. Man werde eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen und dann entscheiden. Was eigentlich? Den Ausstieg aus der Formel 1? Zur Erinnerung: Red Bull hat sich wie die anderen Top-Teams bis 2020 zur WM-Teilnahme verpflichtet. Dafür gab es übrigens ein hübsches Millionen-Sümmchen aus Bernie Ecclestones Mannschaftskasse.

Lieber konstruktiv an der Formel 1 mitarbeiten

Red Bull, aber auch Mercedes, Ferrari und McLaren täten gut daran, konstruktiv an der Entwicklung der Königsklasse mitzuarbeiten. 15 Autos am Start eines Grand Prix sind ein Witz. Immerhin waren die Boliden des Jahrgangs 2015, wenn schon seltener zu sehen, doch deutlich besser zu hören. Die Autos sind, vornehmlich durch veränderte Auspuff-Konstruktionen, spürbar lauter geworden.

Der Aderlass in der Startaufstellung ist Folge einer Kostenexplosion. Die haben die Rennställe ganz allein zu verantworten. Für 2015 haben sich zehn Teams eingeschrieben. Ob Manor, mangels eines kompletten Antriebsstrangs in Melbourne nicht fahrtüchtig, Force India, Lotus und Sauber ihre Boliden auch am 29. November ins Fahrerlager von Abu Dhabi zum WM-Finale bringen, bleibt abzuwarten. Genau da liegt das Problem. Weniger Autos ziehen weniger Zuschauer nach sich, weniger TV-Präsenz, weniger Werbeeinnahmen, weniger...

Wenn gut die Hälfte des Mini-Starterfeldes nicht viel mehr als Staffage ist, werden irgendwann sogar die Top-Teams überflüssig.