Formel 1

Vettels Angst vor dem schnellsten Crash-Kid der Geschichte

Romain Grosjean hat in der Formel 1 so viele Unfälle gebaut wie keiner vor ihm. Das Problem für die Titelkandidaten: Er ist zu schnell.

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Für seinen ersten Unfall in der Formel 1 brauchte Romain Grosjean nur 185 Meter. So lang ist die Gerade bis zur ersten Rechtskurve in Valencia, wo der junge Franzose im August 2009 debütierte. Das Renault-Cockpit war frei geworden, weil Nelson Piquet jr. im Zuge des „Crash-Gates“, einem vorsätzlichen Abflug, um seinem Team-Kollegen den Sieg zu ermöglichen, gefeuert worden war.

Grosjean startete von Position 14 aus, um ihn herum parkten allesamt gestandene Formel-1-Fahrer, die aufgewachsen waren in einem System, in dem die Jungen den Alten Platz machen. Der Grünschnabel im Renault hatte von dieser Hackordnung jedoch noch nichts gehört. Nach 185 Metern touchierte er mit seinem Wagen die Räder vo n Luca Badoers Ferrari. Beide mussten an die Box, um ihre Autos reparieren zu lassen, bevor sie zum zweiten Mal durch die erste Kurve fahren konnten.

Was ist schon zu erwarten von dem Nachfolger eines Mannes, der absichtlich vor die Wand gefahren ist, seufzten die Einen. Andere fanden: Im Ziel lag er zwei Plätze vor Badoer, so schlecht kann er also nicht gefahren sein. Diese Diskussion setzt sich in dieser Saison fort, in der er in 14 Rennen acht Unfälle baute. Nur der Ton ist schärfer geworden.

Drei Millionen Euro Schaden

Ex-Weltmeister Niki Lauda nannte ihn einen „Wahnsinnigen“, nachdem er in Suzuka Red-Bull-Pilot Mark Webber ins Heck gerauscht war und gleichzeitig Nico Rosbergs Auto so beschädigt hatte, dass dieser nicht weiterfahren konnte. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone empfahl ihm einen Sehtest und sagte in Anlehnung an den kürzlich verstorbenen Rennarzt Sid Watkins: „Wenn Sid noch da wäre, würde ich Grosjean zu ihm schicken und ordentlich durchchecken lassen.“

Rosberg kündigte an, ein „paar ernste Worte“ mit ihm wechseln zu wollen. Die für den Crash in Japan verhängte Durchfahrtsstrafe bezeichnete Red-Bull-Berater Helmut Marko als „viel zu harmlos“ und forderte eine Sperre von mindestens drei Rennen. Bereits nach seiner Kollision mit Fernando Alonso in Spa hatte Grosjean einen Grand Prix lang aussetzen müssen. Trotz aller Schuldeingeständnisse ist er schon jetzt der verwegenste Bruchpilot der jüngeren Formel-1-Geschichte. Und eine konkrete Gefahr für die Titel-Kandidaten Sebastian Vettel und Alonso.

Ihr Problem mit Grosjean ist vor allem, dass er so schnell ist. Mit seinem Lotus fährt er regelmäßig auf die vorderen Startplätze, er hat fast doppelt so viele WM-Punkte gesammelt wie Michael Schumacher. Beim WM-Lauf in Südkorea (8 Uhr, RTL und Sky) steht er als Siebter nur fünf Plätze hinter Titelverteidiger Vettel. Bis zu WM-Spitzenreiter Alonso sind es nur drei Positionen, Rosberg steht in der Reihe gar direkt hinter ihm.

In der Vergangenheit saßen die Rowdys allesamt in langsamen Autos. Sie bauten auch Unfälle; doch wenigstens krachte es dann nur auf den hinteren Plätzen. In diesem Jahr stehen alle, die im Klassement etwas reißen wollen, regelmäßig Seite an Seite mit dem schnellsten Crash-Kid der Geschichte. Inzwischen fürchten sie eine Begegnung mit ihm genauso wie einen technischen Defekt in der letzten Runde.

Das Grand-Prix-Wochenende in Südkorea begann für den 26-Jährigen wie schon viele in dieser Saison: mit einer Entschuldigung. „Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut. Hoffentlich wird es von nun an anders laufen“, sagte Grosjean bei der turnusmäßigen Eröffnungs-Pressekonferenz mit fünf weiteren Fahrern.

Neuer Vertrag noch ungewiss

Bis auf Vettel saßen dort nur Piloten, deren Wagen in diesem Jahr schon von Grosjean zu einem rauchenden Blechhaufen gefahren wurde. Der Schaden, den er mit seinen Kollisionen verursacht hat, wird von Experten auf drei Millionen Euro beziffert. Mindestens. Es gibt sogar Stimmen, die fordern, dass die Begleichung dieser Summe aus eigener Tasche die wirkungsvollste Strafe für den gebürtigen Genfer sei. Bisher verdonnerte ihn der Weltverband Fia nur zu 50.000 Euro Strafe.

„Ich denke, dass er das mit Hilfe des Teams bei den nächsten Rennen lösen wird“, sagt Lotus-Besitzer Gerard Lopez Morgenpost Online: „Das Team hat mit ihm über die Zwischenfälle in Spa und Suzuka gesprochen. Er kennt die Problematik und versteht sie. Es liegt nur an ihm, so etwas in Zukunft zu vermeiden. Und genau das erwarte ich von ihm.“ Noch ist nicht raus, ob Grosjean auch 2013 für den britischen Rennstall fahren darf. „Darüber sprechen wir am Ende der Saison“, sagte Teamchef Eric Boullier in Südkorea. Bis dahin steht Grosjean unter besonderer Beobachtung.

Das bedeutet noch mehr Druck als ohnehin schon im Milliarden-Geschäft Formel 1. Doch die enorme Erwartungshaltung, die auf Grosjean lastet, gilt vielen als Hauptgrund für seine scheinbar unbedachten Manöver. Rennen für Rennen ist er mit der Sehnsucht der Franzosen konfrontiert, ihnen endlich den ersten Grand-Prix-Sieg seit Olivier Panis anno 1996 zu schenken.

Experte Lauda macht bei Grosjean zudem eine Mischung aus Leichtsinn und Verbissenheit aus: „Seitdem die Autos so sicher sind, glauben manche, sie müssten gar keine Rücksicht mehr nehmen.“ In Spa rasierte Grosjean mit seinem Lotus nur knapp am Kopf von Alonso vorbei. Seither wird wieder intensiver über Cockpit-Hauben und Sturzbügel bei Formel-1-Boliden diskutiert. Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit, auch das bekam Grosjean in den folgenden Team-Sitzungen eingebläut.