Formel 1

Sebastian Vettel auf dem Hockenheimring ausgebremst

Nach Platz 2 im Rennen um den Großen Preis von Deutschland wird Sebastian Vettel wegen eines Überholmanövers auf Rang 5 strafversetzt.

Neun Runden brauchte Jenson Button, um beim Großen Preis von Deutschland in die Rolle des Spielverderbers zu schlüpfen. Als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt zog der McLaren-Pilot an Nico Hülkenberg vorbei und sprengte damit das Trio, wegen dem die meisten der gut 60.000 Zuschauer an den Hockenheimring gekommen waren. Mit Hülkenberg, Michael Schumacher und Sebastian Vettel hatten ja gleich drei Lokalmatadore hinter Pole-Mann Fernando Alonso auf der Lauer gelegen und Hoffnung auf den ersten deutschen Heimsieg in der Formel 1 seit sechs Jahren geweckt. Doch der Brite überholte nach Hülkenberg zunächst Schumacher und zur Hälfte des Rennens auch noch Vettel. Der Einzige, den er an diesem Tag nicht hinter sich lassen konnte, war Alonso, was den Tag für die deutschen Formel-1-Fans endgültig zu einem deprimierenden machte.

Durch Saisonsieg Nummer drei wächst der Vorsprung des Spaniers vor Titelverteidiger Vettel, der Button eine Runde vor Schluss mit einer umstrittenen Aktion überholte, auf 44 WM-Zähler an. Bei der Siegerehrung hatte sich der Red-Bull-Pilot noch für Platz zwei feiern lassen. Doch schon da hatte ihm Button zugeraunt, dass er sich nicht zu früh freuen solle. Die Renn-Kommissare hatten zu dem Zeitpunkt längst damit begonnen, das Überholmanöver in der Haarnadelkurve sechs zu untersuchen.

Der Vorwurf von Button und seinem Arbeitgeber McLaren zielt darauf ab, dass Vettel beim Überholen die Strecke verlassen hat. Das ist verboten. Und das sahen auch die Stewards so. Sie brummten Vettel eine 20-Sekunden-Zeitstrafe auf, was ihn auf Platz fünf zurückwarf. Mit dem Urteil schloss sich für Vettel jener unerfreuliche Kreis, der am Vormittag mit dem Verdacht eines illegalen Auspuffsystems an seinem Dienstwagen begonnen hatte.

Vettel meinte, er habe eine Kollision mit Button vermeiden wollen und sei deshalb nach außen ausgewichen: „Er war im toten Winkel. Ich konnte ihn nicht sehen, deswegen bin ich den weiten Bogen gefahren.“ Auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner sah seinen Schützling im Recht: „Er war ja schon bei der Einfahrt in die Kurve deutlich neben ihm. Jenson ist dann ein bisschen über die Linie hinaus gerutscht und hat Sebastian keinen Platz gelassen. Da kann er sich ja nicht einfach in Luft auflösen.“

Eine Herkulesaufgabe für Vettel

Während die anderen beiden Podiumsgäste noch über ihren Beinahe-Unfall diskutierten, spritzte Alonso schon den Champagner in die Menge. Den beängstigend fehlerfrei fahrenden Ferrari-Star noch abzufangen und als jüngster Fahrer den Titel-Hattrick zu schaffen, war schon vor dem Rennen eine kniffelige Sache für den Heppenheimer gewesen. Jetzt wird es zur Herkulesaufgabe.

Der Spanier sicherte sich die Poleposition im Regen, auf trockener Piste fuhr er souverän zum Start-Ziel-Sieg. Sein Auto ist langsamer als die der Konkurrenz, trotzdem hält er alle auf Distanz. "Es war ein hartes Rennen, aber ich habe es trotzdem genossen. Am Ende haben wir haben alles richtig gemacht", sagte er nach der Zieldurchfahrt: "Das war erneut eine hervorragende Mannschaftsleistung." Von einer Vor-Entscheidung im Kampf um die Krone wollte er noch nichts wissen: "Die Saison ist noch sehr lang, da kann eine Menge passieren. Unsere volle Konzentration gilt jetzt dem Großen Preis von Ungarn." Nach Lage der Dinge wird Alonso auch in Budapest der Top-Favorit auf den Sieg sein.

Privatleben neu geordnet

Er hat gymnastische Übungen in seinen Trainingsplan aufgenommen und bekommt seither keine Probleme mehr mit dem Ischias-Nerv, wenn er stundenlang in seinem Cockpit klemmt. Sein Privatleben hat er nach der Trennung von Ex-Frau Raquel neu geordnet, ist zurück in seine Heimat nach Spanien gezogen und zeigte sich im Vorfeld des Grand Prix von Deutschland erstmals öffentlich mit seiner neuen Partnerin, dem russischen Foto-Model Dascha Kapustina. Der 30-Jährige wirkte in der Vergangenheit oft verbittert und zugeknöpft.

Am Sonntag schlenderte er lächelnd und winkend durch das Fahrerlager wie ein Hollywood-Star auf dem roten Teppich. Kurzum: Zur Halbzeit der Saison gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass er in der zweiten Hälfte noch einbricht. Und einen kapitalen Leistungs-Einbruch braucht es wohl, um in einem so ausgeglichenen Jahr wie dem aktuellen einen solchen Punkterückstand noch aus der Hand zu geben. Immerhin machte Vettel auf seinen Stallgefährten Mark Webber, der lediglich Achter wurde, Boden gut.

Schumacher verlor vier Plätze

Die übrigen deutschen Piloten hätten seine Sorgen nur zu gern. Schumacher, der am Vortag noch auf ein Regenrennen gehofft hatte, verlor während der 67 Runden vier Plätze, rollte als Siebter über den Zielstrich und musste dabei sogar die eigentlich unterlegenen Sauber-Autos von Sergio Perez und Kamui Kobayashi passieren lassen. "Es ist immer ein etwas verminderter Spaß, wenn die Arbeit nach hinten geht", meinte er anschließend: "Obwohl man richtig kämpft und alles dafür tut, um das Maximum aus dem Auto herauszuholen, reicht es dann doch nicht, um die Platzierung zu behalten oder sich nach vorne zu kämpfen. Das ist natürlich schade."

Bei trockenem Wetter funktioniert sein Mercedes-Bolide weiterhin schlechter als im Nassen, mit dieser Erkenntnis geht der Rekordweltmeister in die zweite Saisonhälfte, in der er auch über seine Zukunft in der Formel 1 entscheiden muss. Sein Vertrag endet am Jahresende, im Oktober will der 43-Jährige mitteilen, ob er weitermacht. Immerhin arbeitete sich Nico Rosberg mit einer beherzten Leistung vom drittletzten Startplatz in die Punkteränge vor. "Es war natürlich cool heute, weil ich sehr viele überholt habe", freute sich der gebürtige Wiesbadener: "Es ist okay, als Zehnter ins Ziel zu kommen, wenn man vom 21. Platz startet. Dennoch waren die letzten paar Wochen ernüchternd."