Formel 1

Weltmeister Sebastian Vettel wird erwachsen

Der 25-Jährige muss Bekanntschaft mit den Schattenseiten des Ruhms machen. Er hat zur Saisonhalbzeit allen Grund, nervös zu werden.

Foto: DAPD

Eine Woche bevor er sich zu Albert Einstein, Michael Jackson und Marilyn Monroe gesellt, steht Sebastian Vettel in der Sonne auf dem Hockenheimring und glänzt. Den Fans im Motorsport-Museum reckt er seinen rechten Zeigefinger entgegen. Die wiederum wundern sich, wie pausbackig ihr Idol geworden ist und auch die Frisur scheint neu: Der blonde Wuschelkopf des 25-Jährigen ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

Sechs Monate lang haben 14 Spezialisten im Auftrag der Wachsfiguren-Galerie „Madame Tussauds“ am Ebenbild des zweifachen Formel-1-Weltmeisters gewerkelt – auf Grundlage von Fotos und Videos. Vettel selbst hatte keine Zeit, Modell zu stehen für die 36 Kilo schwere Mischung aus japanischem und Bienenwachs, die 200.000 Euro wert sein soll. Nach dem ersten öffentlichen Auftritt beim Großen Preis von Deutschland ist der Wachs-Vettel ab dem kommenden Wochenende in Berlin zu sehen. Dort steht er dann in einer Reihe mit besagten anderen Größen.

Poleposition für Alonso

Der „Vettel-Finger“ ist seit seinen Siegfahrten in den vergangenen beiden Jahren fest implementiert in der Gestik der Formel 1. Bei dem Heimrennen, das nur 40 Kilometer entfernt von seiner Geburtsstadt Heppenheim stattfindet, wirkte seine Jubelpose wie eine Prophezeiung für den zehnten WM-Lauf (14 Uhr, RTL und Sky). Im Qualifying war nur der WM-Führende Fernando Alonso schneller als Vettel. Gleichzeitig distanzierte der Deutsche seinen Stallgefährten Mark Webber, der wegen eines Getriebewechsels trotz drittbester Zeit auf Startposition acht strafversetzt wurde. Davon profitiert unter anderem Rekordweltmeister Michael Schumacher, der von Rang drei aus die Jagd des Feldes auf Alonso und Vettel anführt.

Doch der Dominator des vergangenen Jahres hat zur Saisonhalbzeit allen Grund, nervös zu werden. Bei Red Bull wackelt Vettels Vormachtstellung seit der Vertragsverlängerung von Team-Kollege Webber, und Spitzenreiter Alonso lässt nicht die Absicht erkennen, in diesem Leben noch einen Fehler zu begehen. 2011 hatte er zum selben Zeitpunkt 104 Punkte mehr eingefahren als in diesem Jahr.

Im Gespräch ist er die Gelassenheit in Person. Sein Ziel habe sich nicht verändert, sagt er mit ruhiger Stimme: „Ich will am Ende ganz vorne sein. Wie ich dahin komme, ist mir eigentlich wurscht. Ich werde irgendwann einmal anfangen, mir den WM-Stand etwas genauer anzusehen. Aber derzeit überlasse ich das Rechnen den anderen.“ Damit meint er die Kritiker und Skeptiker, die beim jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte eine neue Dünnhäutigkeit ausgemacht haben, den Verlust seiner bubenhaften Unbefangenheit. Nachdem er beim Großen Preis von Malaysia mit Narain Karthikeyan kollidiert und auf Rang elf zurückgefallen war, reckte er statt des Sieg- den Mittelfinger und beschimpfte den Inder lautstark als „Gurke“, die auf der Rennstrecke nichts verloren habe. Als er in Valencia wegen eines Defekts der Lichtmaschine ausschied, feuerte er frustriert seine Handschuhe hinter die Leitplanke und sprach anschließend von einer Verschwörung, weil das Safety Car ihn in Führung liegend ausgebremst habe.

Mann mit Emotionen

„Ich denke schon, dass ich ein emotionaler Mensch bin“, meint Vettel, um unmittelbar im Anschluss lakonisch zu fragen: „Emotionen sind etwas Natürliches, warum soll man die unterdrücken?“

Nach einer Saison, die mit elf Siegen wie im Rausch für ihn verlief, steckt der Red-Bull-Pilot mittendrin in einem spannenden Entwicklungsprozess. Er macht gerade Bekanntschaft mit den Schattenseiten seiner Popularität, dem Druck, dem Terminstress und den Erwartungen seines Arbeitgebers, der ihn nicht nur als Rennfahrer betrachtet, sondern auch als globalen Botschafter der Marke. Und nebenbei soll er den Rückstand von 26 Punkten auf Alonso aufholen und gemeinsam mit Webber dafür sorgen, dass der WM-Titel zum dritten Mal hintereinander in die Firmenzentrale nach Milton Keynes wandert. Während die Metamorphose zum routinierten Rennfahrer, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und auf dem Asphalt jederzeit die Nerven behält, noch nicht abgeschlossen ist, ruht er als Privatperson mehr denn je in sich. Insofern haben die Kritiker Recht damit, dass er nicht mehr der Lausbube vergangener Tage ist. Vettel ist erwachsen geworden. „Er hat breite Schultern bekommen“, sagt sein Teamchef Christian Horner.

„Für mich ist es nur wichtig, dass ich am Ende des Tages noch in den Spiegel schauen kann“, entgegnet Vettel jenen, die ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. Seine wichtigsten Bezugspunkte seien die Familie und Freunde, die er seit dem Kindesalter an seiner Seite weiß: „Mein Zuhause hat mich bisher immer unterstützt. Sie stehen auch zu mir, wenn es mal nicht so gut läuft.“ Das Privatleben samt Freundin schottet er systematisch ab von der Öffentlichkeit, auch das ist ihm wichtig: „Es hat für mich schon immer eine große Rolle gespielt, in Harmonie und Wohlempfinden zu leben und mich dabei mit Menschen zu umgeben, denen ich vertrauen kann.“

Dieses Gefühl vermittelt ihm auch sein derzeitiger Arbeitgeber: „Wir sind eine Familie und deshalb ist ein Wechsel zu Ferrari zumindest bis zu meinem Vertragsende bei Red Bull kein Thema. Absolut nicht!“ Daran ändert auch die Vertragsverlängerung Webbers nichts, die Vettel ausdrücklich begrüßt: „Ich freue ich mich darüber. Wir sind ein eingespieltes Team und arbeiten gut zusammen. Das Gute daran ist, dass ich ihn kenne und er mich. Das ist am Ende ein sehr großer Vorteil für das Team und für jeden von uns beiden. Ich glaube, wir haben beide Titelchancen.“ Noch liegt Webber 16 Punkte vor seinem Stallgefährten.

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