Formel 1

Vettel im Rennen um den WM-Titel längst noch nicht abgehängt

Sebastian Vettel wäre der jüngste Fahrer, der den WM-Hattrick schafft. Doch dafür muss ein Sieg auf dem Hockenheimring her.

Foto: Kartsport Presse Agentur

Der 26. Juli 1992 war ein besonders heißer Sonntag, das weiß Sebastian Vettel noch genau. Temperaturen von 31 Grad im Schatten setzten ihm und den fast 130.000 Zuschauern auf dem Hockenheimring gehörig zu, für einige endete der Preis von Deutschland schon vor dem Start wegen Kreislaufproblemen im Sanitätszelt neben der Strecke. Auch der fünfjährige Steppke, der zum ersten Mal ein Formel-1-Rennen besuchte, schwitzte wie selten zuvor in seinem kurzen Leben.

Irgendwann hatte Vater Norbert genug von der Nörgelei und kaufte seinem Sohn die maßlos überteuerte Erfrischung – nur um wenig später zu sehen, dass die Flaschen einfach mit Leitungswasser wieder aufgefüllt wurden. Da waren die zehn D-Mark aber schon in der Kasse des Verkäufers verschwunden. Den kleinen Sebastian freilich störte das wenig, als er kurz drauf den dritten Platz seines Idols Michael Schumacher bejubelte. „Das war eine sensationelle Stimmung damals“, erinnert sich Vettel.

104 Punkte fehlen dem Champion

20 Jahre später ist es an ihm, die Emotionen von damals wieder auf die mächtigen Tribünen zu bringen. Doch statt der 130.000 Zuschauer werden sich diesmal nur rund 60.000 Menschen auf den klobigen Bauten verlieren. Die jahrelangen Erfolgsserien von Schumacher und später Vettel haben die Anspruchshaltung steigen lassen, dazu kommt der stete Nieselregen, der die 20.000-Einwohner-Stadt in ein dumpfes Grau hüllt, das sich erst am Montag wieder lichten soll.

Als der Heppenheimer im vergangenen Jahr nach Deutschland auf den Nürburgring kam, war er souveräner WM-Führender. Diesmal hat er zum gleichen Zeitpunkt exakt 104 Punkte weniger errungen als 2011. „Das klingt ein bisschen unglaublich“, sagt Vettel, als er mit der Statistik konfrontiert wird: „Es ist eine schwierige Saison, die Leistungsdichte ist unheimlich groß.“ Sie ist so groß, dass er trotz der deutlichen Punkteeinbußen im Vergleich zum Vorjahr noch längst nicht abgehängt ist im Rennen um den WM-Titel.

Zwar beträgt sein Rückstand auf den Spitzenreiter Fernando Alonso stattliche 29 Punkte und auch sein Teamkollege Mark Webber ist schon 16 Zähler enteilt. Doch Vettel glaubt weiterhin daran, als jüngster Fahrer in der Formel-1-Geschichte den WM-Hattrick schaffen zu können: „Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie viele Punkte einer braucht, um am Ende oben zu stehen. Ich weiß nur eines: Es ist noch lange keine Vorentscheidung gefallen. Es bleibt weiterhin spannend und unberechenbar.“

Vettels „Juli-Fluch“

Wie stark der Drang nach der erneuten Krönung ist, belegt nicht nur sein konzentriertes Auftreten rund um den zehnten WM-Lauf. Vettel verrät, dass ihn vor allem die historische Dimension eines dritten Titels reizt: „Die Trophäe mit all den eingravierten Namen der verschiedenen Rennfahrer in den Händen zu halten, ist etwas ganz Besonderes für mich.“ Er bewundere den Mut der früheren Piloten, die quasi ungeschützt über die Strecken gerast sind: „Heute haben sich die Sicherheitsmaßnahmen extrem verbessert.“ Außer dem Argentinier Juan Manuel Fangio und Schumacher ist es bisher keinem Formel-1-Fahrer gelungen, dreimal hintereinander Weltmeister zu werden. Die Vorstellung, sich einreihen zu können in diesen exklusiven Kreis, treibt Vettel vor dem Heimrennen an.

Dabei ist der Große Preis von Deutschland einer von drei WM-Läufen im aktuellen Grand-Prix-Kalender, die der 25-Jährige noch nicht für sich entscheiden konnte (außerdem noch die Rennen in Montreal/Kanada und Budapest/Ungarn). Umso größer ist sein Ehrgeiz, im vierten Anlauf und nach je einem zweiten, dritten und vierten Rang endlich den Sprung auf das oberste Treppchen zu schaffen. „Hier zu gewinnen, das wäre unglaublich für mich“, sagt er und baut damit unfreiwillig die Brücke zu einer zweiten kuriosen Konstanten in seiner Rennfahrerkarriere. Noch nie konnte er einen Grand Prix, der im Juli stattfand, als Erster beenden, im Fahrerlager wird längst über Vettels „Juli-Fluch“ gescherzt. Der Red-Bull-Pilot nimmt es jedoch gelassen: „Vielleicht sollten sie das Rennen im nächsten Jahr in den August oder in den Juni verschieben, wenn es dieses Mal wieder nicht klappt.“ Die Voraussetzungen scheinen vor dem fünften Anlauf vielversprechend: Sein Dienstwagen hat sich in den vergangenen Rennen als schnellster im gesamten Fahrerfeld etabliert, beim freien Training am Freitag fuhr er auf nasser Piste die zwölftbeste Zeit. Auch für Michael Schumacher bedeutete der Juli-Tag vor 20 Jahren übrigens eine Premiere. Zum ersten Mal saß er als Formel-1-Pilot bei einem Heimrennen in seinem Benetton-Ford-Dienstwagen und lernte prompt die vielen Schattenseiten seiner neuen Popularität kennen: Weil der Rummel um ihn nach vier Podestplatzierungen zum Saisonauftakt zu groß wurde, transportierte ihn Willi Weber, sein damaliger Manager, kurzerhand im Kofferraum seines Mercedes an den Fans vorbei zur Strecke.

Neun Erfolge für Schumacher

Hinter Nigel Mansell und Ayrton Senna wurde er Dritter und profitierte dabei von einem umjubelten Fahrfehler des Italieners Riccardo Patrese. Damit beendete Schumacher seinerzeit eine Durststrecke von 15 Jahren, in denen es kein Deutscher in der Heimat auf das Podest geschafft hatte. Zuvor war das Hans-Joachim Stuck gelungen, der 1977 ebenfalls als Dritter ins Ziel gefahren war.

„Wenn wir dieses Resultat wiederholen könnten, wäre das ein großartiger Erfolg“, sagt Schumacher vor seinem 297. Grand-Prix-Start. Den er optimistisch angeht, obwohl er am Freitag im Training seinem Wagen bei einem Unfall ziemlich demolierte. Schumacher war beinahe frontal in einen Reifenstapel geprallt. Er drehte sich und krachte danach mit dem Heck in die Barriere. Stieg aus und lachte, strahlte also sofort wieder Zuversicht aus. Denn mit insgesamt neun Heimsiegen (vier auf dem Hockenheim- und fünf auf dem Nürburgring) hält der 43-Jährige längst die Bestmarke aller Formel-1-Fahrer. Eine Bilanz, von der Sebastian Vettel nur träumen kann.

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