Ferrari

Fernando Alonsos Leben besteht zu 95 Prozent aus Formel 1

Im Interview spricht der Spanier offen wie nie über die harte Arbeit eines Formel-1-Piloten und die technischen Defizite bei Ferrari.

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Seit dem Stadtrennen in Monte Carlo führt Fernando Alonso die WM-Wertung vor Sebastian Vettel an. 76 Punkte hat der Champion von 2005 und 2006, drei mehr als die beiden Red-Bull-Rivalen Sebastian Vettel und Mark Webber. Dennoch sagt er, er wüsste noch immer nicht, wo sein Ferrari technisch steht. Auch nach sechs Rennen nicht. Morgenpost Online-Mitarbeiter Burkhard Nuppeney sprach in Kanada mit dem 30 Jahre alten Spanier.

Morgenpost Online: Senor Alonso, wieso hadern Sie als momentaner WM-Spitzenreiter mit der Technik?

Fernando Alonso: Wir bei Ferrari wissen immer noch nicht, wo wir technisch eigentlich stehen. Ich vermute, dass das auch für die meisten unserer Konkurrenten zutrifft. Wir wissen aber, was wir zu tun haben. Wir müssen hart arbeiten, um unsere Defizite zu beheben. Um mehr geht es nicht. Der Weg, den wir zu gehen haben, ist klar definiert.

Morgenpost Online: Wenn Sie nicht wissen, wo das Problem liegt, dann arbeiten Sie doch quasi im Dunklen.

Alonso: So kann man das sehen. Aber in der Formel 1 läuft es so: Wenn Sie die Nummer eins sind, müssen Sie arbeiten und forschen oder von mir aus experimentieren, um nicht von der Konkurrenz überholt zu werden. Wenn sie Dritter sind, müssen Sie dasselbe tun, um Erster zu werden. Der Unterschied in diesem Jahr: Ein Zeitgewinn von zwei Zehntelsekunden kann drei Plätze in der Startaufstellung bedeuten. Wenn Sie mich also nach Ferrari und der Weltmeisterschafts-Führung fragen, dann lautet die Antwort: Wir sind im Moment nicht die Besten.

Morgenpost Online: Trotzdem gelten Sie nach dem Rennen in Monte Carlo als Topfavorit auf den Titel.

Alonso: Das ist nett, aber es sind noch 14 schwere Rennen zu fahren. Der Ausgang ist völlig offen. Bis jetzt kann noch niemand behaupten, das beste Auto zu haben. Ich stimme zu, dass ich im Moment in einer etwas besseren Position bin, weil ich die meisten WM-Punkte habe. Das entspannt einen ein wenig, aber auch nicht wirklich.

Morgenpost Online: Wann wird der Ferrari wieder ein unumstrittenes Sieger-Auto sein?

Alonso: Ich denke, dass wir uns seit Barcelona in einem Aufwärtstrend befinden. Vorher waren wir nicht konkurrenzfähig. Jetzt hoffe ich, dass wir im Qualifying regelmäßig unter den ersten zehn sind und im Rennen am Ende unter den ersten fünf oder sechs. Ab dem Grand Prix von England in Silverstone Anfang Juli sollten wir regelmäßig in der Lage sein, auf das Podium zu fahren. Das hoffe ich zumindest.

Morgenpost Online: Sie sprechen einmal pro Woche mit Konzern-Chef Luca di Montezemolo. Was will er von Ihnen wissen?

Alonso: Luca di Montezemolo ist ein sehr motivierender Mensch. Er ist eine große Unterstützung mit seinem uneingeschränkten Interesse, aber auch mit seinem klar erklärten Ziel, dass Ferrari Grands Prix gewinnen muss. Er fragt alles ab: die Entwicklung seit dem letzten Rennen, meinen Eindruck vom Auto, meine Einschätzung für das nächste Rennen. Er versteht eine Menge von der Technik der Autos und der Formel 1 insgesamt. Es gibt eine enge Verbindung zwischen ihm und den Technikern zu Hause in der Fabrik. Ich bin als Fahrer ein Teil dieser Kette.

Morgenpost Online: Lautet seine wichtigste Frage: Wann werden wir wieder gewinnen?

Alonso: Ja. Er hat eine große Leidenschaft für Höchstleistungen. Er ist sehr ambitioniert, doch es gibt noch mehr Gründe, warum wir ihn brauchen.

Morgenpost Online: Welche?

Alonso: In Sachen Motivation, Kreativität und für den Aufbau einer gut funktionierenden Organisation sind wir bei ihm sehr gut aufgehoben.

Morgenpost Online: Sie fahren jetzt schon mehr als zehn Jahre in der Formel 1. Empfinden Sie manchmal Müdigkeit?

Alonso: Ja, und zwar nicht nur nach einem anstrengenden Rennen.

Morgenpost Online: Wann noch?

Alonso: Die Formel 1 ist ein sehr anstrengender Sport. Ich, wir Fahrer insgesamt, sind keine Roboter. Aber wir führen das Leben eines Roboters. Man erlebt praktisch jeden Tag dieselben Abläufe. Ich muss mich wie ein olympischer Athlet auf meine Arbeit vorbereiten und mein ganzes Leben komplett danach ausrichten. Es ist wie eine Art Triathlon. Sport, Simulator, Ernährung in sich immer wiederholenden Abläufen. Dazu kommen Woche für Woche Verpflichtungen mit den Geldgebern, den Fans, der Presse. Mein Leben besteht zu 95 Prozent aus der Formel 1. Selbst wenn ich esse, esse ich das, was mein Arzt mir vorschreibt.

Morgenpost Online: Mögen Sie ein solches Leben?

Alonso: Es ist im Prinzip okay. Eine Woche ist das lustig, zwei Wochen lang ist es auch noch okay, sogar ein oder zwei Monate. Aber nach sechs Monaten am Stück, erst recht nach ein paar Jahren, fühlt man sich zunehmend gestresst. Das geht Gott sei Dank vorbei, und am nächsten Tag fühlst du dich wieder glücklich. Es ist ein Auf und Ab. Das ist nichts Ungewöhnliches. Jeder Hochleistungssportler in der Welt durchlebt das.

Morgenpost Online: Wie lange wollen Sie noch in diesem anstrengenden Rhythmus eines Profirennfahrers leben?

Alonso: In den vergangenen drei Jahren hatte ich diese Situation unter Kontrolle. Ich habe aus der Erfahrung gelernt. Früher war ich manchmal über ein Jahr lang nicht immer hundertprozentig motiviert, sondern nur zu 90 Prozent. Seit den vergangenen drei Jahren schaffe ich es, bei jedem Rennen vollkommen motiviert zu sein. Wenn es gelingt, dieses Leben mit dem permanenten Stress und der pausenlosen Extrembelastung in den Griff zu bekommen, so wie es jetzt bei mir der Fall ist, kann ich noch viele Jahre Formel-1-Rennen fahren. Seitdem mir das gelungen ist, fühle ich mich weniger müde, glücklicher und so motiviert wie nie zuvor in meiner Karriere. Ich habe gelernt, zwischen den wichtigen und den weniger wichtigen Dingen zu unterscheiden. Ich glaube, ich habe die Formel 1 verstanden. Deshalb kann ich länger Rennen fahren, als ich es mir früher einmal vorgenommen hatte.

Morgenpost Online: Sie haben sich entschlossen, aus der Schweiz wieder zurück in Ihre Heimat Oviedo zu ziehen. Was sind Ihre Beweggründe dafür?

Alonso: Es war Zeit, mich zu verändern. In der Schweiz hat es mir gut gefallen, die Lebensqualität war sehr hoch. Aber ich habe mich dort ein bisschen einsam gefühlt. Ich habe meine Familie und meine Freunde vermisst und natürlich die spanische Kultur: die Sprache, das Essen, meine Familie. Ich bin Spanier. Ich fühle so und wollte deshalb immer in Spanien leben. Also habe ich mir die Frage gestellt: Wann willst du zurückgehen in die Heimat? In einem Jahr? In zehn? In 25? Und was spricht dagegen, es jetzt sofort zu tun? Mein Motto ist, das Leben so zu führen, so wie du es liebst. Also bin ich sofort nach Hause zurückgekehrt.