Fragwürdiges Regime

Die Formel 1 in Bahrain wird zur tödlichen Farce

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Simon Pausch

Gewalt und Chaos dominieren das Land am persischen Golf. Die Formel 1 findet trotzdem statt – und wird dabei zum Werkzeug des Regimes.

Die Nacht, die die Formel 1 in Angst versetzt, beginnt mit einem dumpfen Knall. Von irgendwoher fliegt eine daumengroße Patronenhülse über die Hausdächer und prallt auf die Kreuzung in Budaiya, einem Vorort von Bahrains Hauptstadt Manama. Ein Funkenschweif erleuchtet die Gesichter der Demonstranten. Furcht ist darin zu lesen. Und Routine. Wie in den Nächten zuvor zieht der schiitische Oppositionelle Saeed ein Tuch vor sein Gesicht und sagt: „Tränengas. Wenn man das einatmet, ist es vorbei.“

Es ist Freitagabend in Manama. Traditionell nehmen an diesem Wochentag die meisten Menschen an den Demonstrationen gegen das Regime des sunnitischen Königs Hamad al-Khalifa teil. Sie haben sich nach dem Gebet via Twitter verabredet und marschieren nun zu Hunderten durch die Abendhitze. Polizei und Militär wollen das verhindern. Mit Schlagstöcken, Tränengas, Schrotflinten. Irgendwann fliegt ein Molotowcocktail. Immer wieder rufen die Demonstranten: „Nieder mit König Hamad!“ Die Soldaten antworten mit einer weiteren Ladung Tränengas. Husten mischt sich mit Schreien. Chaos bricht aus, die Menge stiebt auseinander, manche stürzen, ein kleiner Junge fängt an zu weinen, er sucht seinen Vater.

Als Mechaniker des Force-India-Rennstalls am Mittwoch versehentlich in eine solche Auseinandersetzung gerieten, waren sie geschockt; zwei reisten ab. Seither wagt sich das Team nur bei Tageslicht vor die Tür. Bilder von Frauen, die sich Wasser ins Gesicht schütten, um die beißenden Chemikalien herauszuspülen, passen nicht in die Glitzerwelt der Formel 1. Genau genommen passen sie nirgendwo hin.

Vorn soll auch Zainab al-Khawaja stehen. Ihr Vater Abdulhadi ist die Ikone der Protestbewegung. Seitdem er vor 70 Tagen ohne Prozess ins Gefängnis gesteckt wurde, hungert er. Zainab hat zuletzt kaum noch mit ihm sprechen können. „Er hat jetzt auch aufgehört zu trinken“, berichtet sie. Vielleicht ist die Stimmung deshalb besonders aufgeladen. Er ließe ausrichten: „Wenn ich in den nächsten 24 Stunden sterbe, setzt den Weg des friedlichen Widerstands auch ohne mich fort.“ Doch die Bewegung, die anfangs nur Abdulhadis Freilassung forderte, ist dabei, sich zu radikalisieren.

Erster Toter nach Protesten

Je näher der Große Preis von Bahrain rückt, das größte Sportereignis des 800.000-Einwohner-Landes, desto mehr ist eine Straßenschlacht aus dem geworden, was als friedlicher Protest für mehr Demokratie und Gerechtigkeit begonnen hatte. Das liegt an den Polizisten, die mit Härte gegen ihre Landsleute vorgehen. Und an denjenigen Demonstranten, die mit Steinen und Molotowcocktails werfen. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch.

Ursprünglich hatten die Demonstrationen und das Rennen gar nichts miteinander zu tun. „Wir lieben die Formel 1 und haben gern Gäste in unserem Land“, hatte Zainab al-Khawaja (27) noch vor Wochenfrist gesagt. Ihre Meinung hat sich nicht geändert, sie freut sich, dass ausländische Journalisten ins Land gelassen wurden. Doch einigen Mitstreitern geht es nun auch darum, den Grand Prix zu verhindern. „Stop F1“, steht auf Plakaten, auf einem ist ein durchgestrichenes Konterfei von Chefvermarkter Bernie Ecclestone zu sehen.

Freitagabend versuchen Demonstranten, die Autobahn zur Rennstrecke zu stürmen. Das Regime nutzt das, um seine Sicherheitskräfte nur noch erbarmungsloser draufschlagen zu lassen. Es geht ja jetzt um die Sicherheit des Grand Prix. Sonnabend früh teilt die schiitisch-islamische Gesellschaft Al-Wefaq mit, im Dorf Shakhura, etwa acht Kilometer außerhalb der Stadt, sei Märtyrer Salah Abbas Habib tot aufgefunden worden.

Wer an diesem Morgen den 20 Kilometer langen Weg von Manama zur Rennstrecke fährt, sieht die Schlachtfelder des Vorabends und 33 Polizeiautos. Jede Autobahn-Auffahrt wird bewacht, alle 1000 Meter filmt eine Kamera das Geschehen. Dass vor den Toren der Stadt ein Formel-1-Rennen stattfindet, merkt man in Manama nicht. Merchandising-Stände gibt es keine, auch die Plakate mit dem makabren Motto „Vereint! Ein Volk feiert“ hängen nur entlang der Autobahn. Sie sind in einer Höhe montiert, in der sie niemand abreißen kann.

Ein halbes Dutzend Sicherheitsschleusen später werden Autos nach Sprengstoff abgesucht. Am Eingangstor zur Rennstrecke schiebt ein Soldat mit grimmigem Gesicht den Rucksack eines Jungen in einen Scanner. Als das Gerät Alarm schlägt, öffnet er die Tasche und zieht einen Fotoapparat heraus. Der Junge muss ein Bild aufnehmen, um zu beweisen, dass es tatsächlich eine Kamera ist. Als sich der Soldat umdreht, klackert sein Maschinengewehr metallisch gegen seinen Gürtel. Sieht so ein Volk aus, das in Einigkeit feiert?

Nicht nur am Haupteingang haben sich lange Schlangen gebildet. Das liegt weniger an dem Strom an Fans. Vielmehr sollen Aktivisten, die sich angeblich zum Rennen auf die Tribünen schmuggeln wollen, abgefangen werden. Das Gelände inmitten der Steinwüste ist hochgerüstet zu einer Festung. Darin geht die Farce weiter.

Umringt von Scheichs sagt Bernie Ecclestone: „Die Proteste haben mit uns nichts zu tun.“ Der Demonstrant Said hat im Staub von Budaiya gesagt: „Wenn der Wind stark genug weht, können meine Freunde in den Foltergefängnissen das Geheul der Formel-1-Wagen hören.“

Am Freitag fand eine Pressekonferenz mit den sechs wichtigsten Teamchefs statt. Sie wollten über technische Details reden, doch sie wurden nur nach Menschenrechten gefragt. Wie fühlt es sich an, Werkzeug eines fragwürdigen Regimes zu sein? Glauben sie, dass Geld der Hauptgrund für das Stattfinden des Rennens ist? Sechs Männer saßen dort und starrten auf ihre Fingernägel. Ihr Schweigen dröhnte lauter als jeder Motor und jede Schrotflinte.