Formel 1

Nico Rosberg erlebt eine Stern-Stunde im Reich der Mitte

Der Mercedes-Pilot gewinnt sein erstes Rennen in der Formel 1. Sebastian Vettel wird nur Fünfer.

Norbert Haug ruderte wild mit seinen Armen und kreiselte um sich selbst. Der Motorsportchef von Mercedes hatte kurz nach dem Großen Preis von China in Shanghai die Orientierung verloren, und das lag nicht an den Freudentränen, die ihm den Blick verschleierten. Seinem Piloten Nico Rosberg war er um den Hals gefallen und danach noch einer ganzen Menge anderer Leute.

Rosberg war in der Zeit dorthin geleitet worden, wo der Gewinner eines Formel-1-Rennens zu dem Zeitpunkt hingehört: zur Siegerehrung. Und den Weg dorthin kannte Haug nicht, woher auch? Seit etwas mehr als zwei Jahren ist Mercedes als Werksteam wieder in der Formel 1, seit 40 Rennen hat Haug als Verantwortlicher dieses Projektes darauf warten müssen, einen Sieger zum Podest begleiten zu dürfen. Als es dann soweit war, brauchte er die Hilfe eines Stewards.

Doch Haug kam gerade noch rechtzeitig zur deutschen Nationalhymne, die zum ersten Mal in dieser Saison erklang. Und auch die Champagnerdusche von Rosberg und den hinter ihm platzierten Ex-Weltmeister Jenson Button und Lewis Hamilton (beide McLaren) kostete er voll aus, ehe er durchnässt sagte: „Bravo Nico, danke an alle im Team – das ist ein neues Kapitel in der Silberpfeil-Geschichte.“

Auch bei Rosberg war die Erleichterung riesig. „Das war absolut gigantisch, sensationell! Ich bin unglaublich happy“, jubelte der 26-Jährige nach seinem Premierenerfolg: „Das war ein perfektes Rennen nach einem Superstart.“

Schumacher muss aufgeben

Spätestens als die McLaren-Crew Jenson Buttons letzten Boxenstopp verpatzte und der Brite wichtige Zeit verlor, hatte Rosberg freie Fahrt. Im Ziel betrug sein Vorsprung mehr als 20 Sekunden – deutlicher endete noch kein Rennen in dieser Saison. Rosberg: „Ich dachte, es geht nie zu Ende. Ich habe mich gefühlt, als würde ich die 24 Stunden von Le Mans fahren. So ein Zeitgefühl hatte ich noch nie. Aber ich habe mich auch sehr gefreut auf die Zielflagge.“

Der Jubel über den ersten Sieg drang naturgemäß lauter aus der Mercedes-Box als die Klage von Michael Schumacher. Der hatte wegen eines schweren Fehlers der Crew beim Reifenwechsel auf Platz zwei liegend nach 13 Runden aufgeben müssen. Die hatte das rechte Vorderrad nicht richtig befestigt, die Fahrstabilität des Autos war dahin.

„Sobald ich die rechte Seite belastet habe, war klar, dass es da ein Problem gibt“, sagte Schumacher, zeigte sich dem verantwortlichen Mechaniker gegenüber aber milde: „So etwas kann halt immer passieren. Ich werde ihn zum Trost drücken.“ Später verurteilte der Automobil-Weltverband Fia den Rennstall deswegen zu allem Überfluss noch zu 5000 Euro Strafe.

Weitaus diffuser verlief die Fehlersuche bei Doppelweltmeister Sebastian Vettel. „Es ist nicht eine Kurve oder eine Sorte Kurve, die heraussticht. Unser Auto ist einfach noch nicht schnell genug“, musste der 24-Jährige zugeben. Nach Rang zwei in Australien und Platz elf in Malaysia reichte es in China nur zur Zieldurchfahrt als Fünfter. Was nach einem passablen Resultat nach Startposition elf klingt, wurmte den Titelverteidiger: „Wir sind einfach nicht schnell genug. Wir wissen, dass wir daran arbeiten müssen.“ In der Schlussrunde hatte ihn auch noch Teamkollege Mark Webber überholt.

Sorgenvolle Blicke nach Bahrain

Während in Shanghai die Protagonisten der Formel 1 die Startaufstellung für den Großen Preis von China ausfuhren, stürmten Polizisten in Bahrain die Beerdigung eines Journalisten, der kritisch über ihre Herrscher berichtet hatte. Ein 15-Jähriger soll dabei schwer verletzt worden sein, viele Trauergäste flohen vor den Schwaden aus Tränengas, in die sie die Polizisten einzuhüllen versuchten. Einige Blocks weiter explodierten zwei Autos.

Es gibt derzeit vermutlich komfortablere Orte auf der Welt als Manama, die Hauptstadt des Königreichs Bahrain, und vermutlich ist das noch stark untertrieben. Mindestens 80 Menschen sollen bei den Auseinandersetzungen, die seit gut 15 Monaten toben, ihr Leben verloren haben. Trotzdem findet am Sonntag genau hier der vierte Lauf zur Formel-1-WM statt.

Doch beim Weltverband Fia stoßen Menschenrechtler, die eine Absage des Rennens gefordert hatten, auf taube Ohren. Promoter Bernie Ecclestone sprach von einer Entscheidung, mit der alle Teams glücklich seien. In Bahrain sei alles ruhig und friedlich. Auch die Gespräche, die Fia-Präsident Jean Todt am Rande des Grand Prix in Shanghai mit Teams und Verantwortlichen führen wollte, änderten daran nichts. Seit dem Machtwort vom Freitagmorgen, nachdem der WM-Lauf „aufgrund der laufenden Informationen, die die Fia zu diesem Zeitpunkt hat“, stattfinden werde, schweigt der Verband. Da auch keine der in die Formel 1 involvierten Nationen eine Reisewarnung für Bahrain ausgesprochen hat, scheint die Absage endgültig vom Tisch.

Im Gegensatz zu den Teams, die wenige Stunden nach der Zieleinfahrt in Shanghai in Richtung Persischer Golf aufbrachen, kündigten zahlreiche Journalisten ihr Fernbleiben an. Neben dem deutschen Fernsehsender Sky verzichten auch ein finnischer und ein japanischer Kanal auf exklusive Berichte. „Für uns steht die Sicherheit unserer Mitarbeiter an erster Stelle, deshalb werden wir niemanden nach Bahrain entsenden. Das Rennen wird in bewährter Qualität übertragen“, sagte ein Sky-Sprecher. sip