Formel 1

Vettel schimpft – Red Bulls Dominanz ist dahin

Beim Großen Preis von Malaysia meldete sich Fernando Alonso eindrucksvoll im Kreis der WM-Favoriten zurück. Sebastian Vettel erlebte einen gebrauchten Sonntag.

Fernando Alonso hatte exakt ein Problem. Weil die spanische Nationalhymne offiziell keinen Text hat, wusste der 30-Jährige während der Siegerehrung nicht so recht, wo er mit seiner Freunde über den Sieg beim Großen Preis von Malaysia hinsollte. Anstatt sich in das Absingen patriotischer Verse zu flüchten, stand er am Ende eines ansonsten für ihn perfekten Tages etwas ratlos auf dem Podest. Nach den ersten Takten begann er kurzerhand, mit seinen Mechanikern zu kommunizieren. Ein Zwinkern hier, ein Winken dort, am Ende legte er die Hand hinter sein Ohr, wie Fußballprofis, die nach einem Torerfolg ihre Kritiker symbolisch fragen: „Was sagt ihr nun?“

Die Geste des zweimaligen Formel-1-Weltmeisters war am Sonntag exakt wortgleich gemeint. Von einem komplett neuen Auto war schon die Rede gewesen, von der Ablösung der sportlichen Leitung bei Ferrari und von einem Imagedesaster für die stolzen Italiener sowieso. Ferrari war nicht konkurrenz- geschweige denn siegfähig, darin waren sich alle einig. Jede Geste von Alonsos Teamkollegen Felipe Massa wurde auf eine bevorstehende Kündigung hin untersucht, jeder noch so kleine Fahrfehler eines roten Autos löste am Rennwochenende synchrones Kopfschütteln unter den Experten aus.

Nach der letzten Zielflagge sagte Alonso dann: „Ich bin selbst etwas überrascht über den Sieg. Unser Ziel war es, so viele Punkte wie möglich mitzunehmen. Jetzt sind es 25 geworden. Besser geht es nicht.“ Dass er nebenbei auch die WM-Führung übernommen hat, war ihm zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal klar. In seinem Kopf raste allein die Genugtuung, alle Skeptiker widerlegt zu haben.

Alonso profitierte bei seinem 28. Grand-Prix-Sieg freilich von derart vielen äußeren Umständen, dass das wahre Potenzial seines Dienstwagens weiter unklar ist. Heftiger Regen hatte den Kurs wenige Runden nach Beginn geflutet, das Rennen war für 51 Minuten unterbrochen worden. Alonso bewies nach dem Neustart strategischen Spürsinn und wechselte zum richtigen Zeitpunkt die Reifen. Sein Sieg ist daher vielmehr Zeugnis seiner individuellen Klasse als dass er Aufschluss gibt über die wahre Qualität seines Boliden. Zum Vergleich: Massa fuhr mit dem gleichen Untersatz auf Rang 15.

Dabei wurde er sogar von dem Mann überrundet, der als erster Anwärter auf seine Nachfolge gilt. Sergio Perez war mit seinem Sauber lange Zeit der schnellste Fahrer von allen. Wenn er nicht fünf Runden vor dem Ende nach einer Konzentrationsschwäche einen kleinen Umweg gefahren wäre, hätte er vermutlich sogar seinen ersten Formel-1-Triumph feiern können. „Das ist ein gigantisches Gefühl“, jubelte der Mexikaner, um dann mit etwas tieferer Stimme nachzuschieben: „Ich hatte gedacht, dass sogar der Sieg möglich ist.“


Perez hofft auf Ferrari-Cockpit

Sein Coup, der ihm mehr Punkte brachte als die komplette vergangene Saison, verstärkt die Spekulationen um einen Wechsel zu Ferrari. „Für mich sind sie das beste Team, und jeder Fahrer träumt davon, eines Tages für sie den Titel zu holen – aber abwarten. Natürlich würde ich mich selber eines Tages auch gern dort sehen“, sagte Perez in Kuala Lumpur. Sein Vater Antonio äußerte sich weniger zurückhaltend: „Ich denke, ein Wechsel ist nur noch eine Frage der Zeit.“

Den anderen vermeintlichen Anwärter auf Massas Cockpit umtreiben derzeit ganz andere Zukunftssorgen. Erstmals seit August 2010 beendete Sebastian Vettel wieder ein Rennen außerhalb der Punkteränge. Eine Kollision mit Narain Karthikeyan hatte seinen linken Hinterreifen aufgeschlitzt und ihn auf Rang elf zurückgeworfen. „Wie das auch im echten Leben ist, gibt es noch ein paar Gurken, die auf der Strecke rumfahren“, schimpfte der 24-Jährige. „Das ist frustrierend. Ein vierter Platz wäre noch zufriedenstellend gewesen, aber so springt gar nix dabei raus“.



Dass seine größten Konkurrenten ebenfalls nur eingeschränkt (Lewis Hamilton als 3.) oder gar nicht (Jenson Button als 14.) punkteten, war kein Trost. Red Bulls Dominanz ist dahin. Und neben McLaren schickt sich nun in Alonso ein weiterer Konkurrent an, den Titelkampf mitzugestalten.

Immerhin drohen Vettel derzeit keine Attacken von Mercedes. Wie in der Vorwoche folgte auf ein vielversprechendes Qualifying ein enttäuschendes Rennen. Michael Schumacher (10.) drehte sich noch in Runde eins aus der Spitzengruppe heraus, Nico Rosberg (13.) hatte erneut große Reifenprobleme. „Es ging Schritt für Schritt rückwärts“, sagte der 26-Jährige. Er meinte den Zustand seiner Gummiwalzen, doch es gilt auch für die Zwischenbilanz des gesamten Teams: Ein Punkt aus zwei Rennen bedeutet einen krachenden Fehlstart.

Somit fuhr Nico Hülkenberg erstmals als bester Deutscher ins Ziel. Nach Platz neun sagte der Force-India-Fahrer: „Ich bin mit meinem Resultat zufrieden. Das Ergebnis des Teams ist noch besser, da können wir sogar sehr zufrieden sein.“