Helmut Marko

"Vettel fährt jetzt mit weniger Risiko und mehr Kopf"

Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko ist Sebastian Vettels Ziehvater. Er spricht mit Morgenpost Online über die Entwicklung des Weltmeisters und den Streit mit Mercedes.

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Helmut Marko, 68, gilt als der Weltmeistermacher bei Red Bull. Der Österreicher ist der Motorsportchef des erfolgreichsten Formel-1-Teams der vergangenen Jahre. Und er entdeckte Sebastian Vettel, als dieser gerade einmal elf Jahre alt war. Seither ist er Ziehvater und Förderer des Heppenheimers, der jüngster Weltmeister in der Formel-1-Geschichte wurde.

Morgenpost Online: So richtig happy können Sie mit dem Saisonstart nicht sein.

Helmut Marko: Der Saisonstart ist nicht ganz nach unseren Vorstellungen verlaufen, wir waren nicht in der Lage das Optimum aus dem Auto herauszuholen, vor allem im Qualifying. Im Rennen und im Rennspeed waren wir näher an McLaren. Wir müssen hart arbeiten, um erstens unser Auto zu verstehen und dann wieder auf ein Level zu kommen, dasuns vor McLaren bringt.

Morgenpost Online: Sebastian Vettel wurde in Melbourne immerhin noch Zweiter.

Marko: Wir sind mit dem Resultat in Melbourne zufrieden, nach dem schwachen Qualifying haben wir uns gut erholt. Mark war der schnellste Mann im Rennen, ist aber an Nico Rosberg leider nicht vorbeigekommen.

Morgenpost Online: Mercedes äußerte den Verdacht, Red Bull würde mit einem Motormapping fahren, das nicht regelkonform ist. Ein schwerer Vorwurf.

Marko: Wir fahren wie andere Teams auch einen Renaultmotor und sind stolz darauf. Unser Motormapping ist regelkonform, das kann ich Ihnen versichern.

Morgenpost Online: Was erwarten Sie von dieser Saison insgesamt?

Marko: Es wird enger zugehen. Das hat damit zu tun, dass sich das technische Reglement kaum geändert hat und der angeblasene Diffusor verboten ist. Je enger es wird, desto mehr kommt es wieder auf die Teamleistung an, auf jedes Detail und auf die allgemeine Flexibilität des ganzen Rennstalls. Deshalb glaube ich, dass wir wieder die Chance haben vorne zu sein.

Morgenpost Online: Was meinen Sie mit allgemeiner Flexibilität?

Marko: Das ist unser größter Vorteil. Wir haben eine Person, das ist der Herr Mateschitz, und der entscheidet. Innerhalb von einer halben Stunde haben wir ein Ja oder Nein zu allen Fragen. Er ist schon so lange im Rennsport und hat einen guten ‚Hausverstand’, wie wir das in Österreich nennen. Er trifft die richtigen Entscheidungen. Das ist aus meiner Erfahrung die ideale Form, ein Formel-1-Team zu leiten. Die Investition in die Formel 1 rechnet sich für Red Bull immer mehr, da durch den Erfolg die Kosten für Red Bull geringer werden.

Morgenpost Online: Wieso?

Marko: Die Gelder, die gemäß des Concorde-Vertrages von Bernie Ecclestone leistungsbezogen an jedes Team ausgezahlt werden, vergrößern sich durch den Erfolg immer mehr. Gleichzeitig kommen mehr Partner und Sponsoren mit an Bord. Unter dem Strich entlastet das die interne Budgetkasse von Red Bull.

Morgenpost Online: Sie haben vor Jahren ein Förderprogramm für talentierte Rennfahrer bei Red Bull installiert, von dem auch Sebastian Vettel profitiert hat. Gibt es eine Grundformel für einen erfolgreichen Formel-1-Piloten?

Marko: Ja, der Grundspeed muss stimmen. Dazu kommen weitere Parameter wie beispielsweise die Anforderung, im Qualifying eine Top-Runde abzuliefern. Das macht meistens den Unterschied aus.

Morgenpost Online: Sie haben den Red-Bull-Rennstall mit aufgebaut und schließlich zu einem Weltmeister-Team geformt. Hatten Sie dabei die Vorgabe, irgendwann den Titel gewinnen zu müssen?

Marko: Als Jaguar Ende 2004 von Red Bull übernommen wurde, lautete das Ziel, so schnell wie möglich erfolgreich zu sein. Erfolg bedeutete nach unserem damaligen Verständnis, Podiumsplätze zu erreichen und eventuell auch mal zu gewinnen. Dass sich aus dieser vorsichtigen Vorgabe dann eine solche Dominanz entwickeln würde, hatten wir uns zum Zeitpunkt der Übernahme nicht vorstellen können.

Morgenpost Online: Was war in dieser Zeit, abgesehen von der ansteigenden Formkurve des neuen Teams, ihre beste Erfahrung?

Marko: Das Zusammenführen eines Teams, das sich mit unglaublichem Einsatz durch kontinuierliches Lernen und Weiterentwickeln an die Spitze gepusht hat. Es war ein ebenso spannender wie außergewöhnlicher Prozess.



Morgenpost Online: Ist diese Lernkurve nach dem zweiten WM-Titel flacher geworden?

Marko: Eigentlich nicht. Die Engländer nennen die Formel 1 einen „People’s Sport“, und damit haben sie recht. Obwohl die Formel 1 sehr technikorientiert ist, hat sie viel mit einzelnen Menschen zu tun, die optimal miteinander kommunizieren sollten und in ihrer Arbeit voneinander abhängig sind. Praktisch gesprochen heißt das: Wenn beim Boxenstopp nur ein Mechaniker schlecht drauf ist und beim Wechseln der Räder eine oder zwei Sekunden länger braucht als normal, ist ein Grand-Prix-Sieg schon dahin. Wenn der Mann, der über die Strategie entscheidet, in einer Hundertstelsekunde die falsche Entscheidung trifft, ist der Sieg auch dahin. Und der, der diese Entscheidung trifft, hat gleichzeitig wieder 20 Leute im Hintergrund, die ihn bei dieser Entscheidung beraten. Sie sehen, ein Formel-1-Team funktioniert nur durch das perfekte Zusammenspiel von Individuen, die wie Rädchen in einem extrem präzisen Uhrwerk perfekt miteinander verzahnt laufen – und das auch noch sehr schnell. Es gibt da zwar ein paar Personen, die im Vordergrund stehen. Aber die können auch nur richtig entscheiden, wenn sie von anderen mit den korrekten Daten versorgt werden. Bei uns hat dieses ganze Paket 2011 nahezu perfekt gepasst.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt dabei das Designgenie Adrian Newey?

Marko: Natürlich ist Adrian immens wichtig.

Morgenpost Online: Was heißt immens wichtig?

Marko: Adrian ist sicher der beste Techniker der Formel 1, dessen Spezialgebiet die Aerodynamik ist. Darüber hinaus hat er ein allumfassendes Know-how und Erfahrung in allen Bereichen des Rennsports – das macht ihn zu so einem Ausnahmekönner.

Morgenpost Online: Viele behaupten, er sei zwar ein Genie, sei aber menschlich nicht immer ganz einfach.

Marko: Richtig ist, dass Adrian an sich und an das Team hohe Anforderungen stellt. Seine Ideen umzusetzen und sie zu fabrizieren, das ist schon nicht ohne. In ihrer Realisierung sind seine Autos komplex und extrem auf Effizienz ausgelegt. Eine weitere Herausforderung ist, dass während der Saison so genannte Upgrades kommen. Diese Teile werden unter extremem Zeitdruck angefertigt. Hier ist es immens wichtig, dass sie ohne Nachjustierung passen und sofort zeitliche Verbesserungen bringen.

Morgenpost Online: Beinhaltet Neweys progressive Art nicht auch ein gewisses Risiko?

Marko: Nein. Adrian lebt sich zwar mit seinen Ideen aus, aber wir hatten im vergangenen Jahr keinen einzigen konstruktionsbedingten Defekt.

Morgenpost Online: Also ist Newey, bei allem Respekt vor der Teamleistung, das Hirn?

Marko: Ja, er ist das Hirn und wir sind auch stolz, ihn im Team zu haben. Aber noch mal: Ohne das Know-how, die Begeisterung und die Leidenschaft aller Leute funktioniert auch das beste Hirn nicht.

Morgenpost Online: Gibt es in der Formel 1 etwas Vergleichbares?

Marko: McLaren arbeitet wohl auf ähnlichem Niveau. Deshalb können sie, das haben wir in der vergangenen Saison ja gesehen, sofort technisch aufholen, wenn es ein Problem gibt.



Morgenpost Online: Arbeitet Sebastian Vettel auch auf diesem Niveau?

Marko: Sebastian hat 2011 kaum Fehler gemacht. Er wurde in den Jahren 2009 und 2010 reifer, trotzdem glaube ich nicht, dass er schon den Zenit erreicht hat. Er fährt mit weniger Risiko und mit mehr Kopf.

Morgenpost Online: Was meinen Sie damit?

Marko: Nach dem Start versucht er zum Beispiel immer, drei Sekunden Vorsprung herauszufahren. Damit kann er das Rennen von dieser Position aus leichter kontrollieren.

Morgenpost Online: Fährt er in einer eigenen Liga?

Marko: Seit er für uns fährt, hat er zu den Besten, das sind für mich Alonso und Hamilton, aufgeschlossen. Man könnte auch sagen: Er hat sie überholt.

Morgenpost Online: Wie beurteilen sie im Vergleich dazu seinen Teamkollegen Mark Webber?

Marko: Mark hat nicht die Konstanz wie Sebastian. Man muss fairerweise sagen, dass Mark manchmal auch unter unverschuldeten Problemen gelitten hat. In der Winterpause 2008 hatte er seinen schweren Unfall mit einer massiven Beinverletzung und einer angebrochenen Schulter. Also kam er angeschlagen in die Saison 2009 und war körperlich nicht in bester Verfassung. 2010 war er lange Zeit WM-Führender. Dann kam der Ausrutscher in Südkorea, der kostete ihn wahrscheinlich den WM-Titel. 2011 hat Mark den Verlust des WM-Titels psychisch erst am Ende der Saison weggesteckt. Grundsätzlich gilt: Mark und Sebastian sind zwei verschiedene Charaktere, aber für uns erfüllen sie ihre Aufgaben, nämlich sich gegenseitig ans Limit zu pushen. Im Qualifying hat Sebastian bislang den Vorteil, dass er mental stärker ist. Im Rennen ist Mark gleich stark, manchmal sogar schneller als Sebastian.

Morgenpost Online: Welche drei, vier Attribute charakterisieren Vettel für Sie am besten?

Marko: Ehrgeizig, zielstrebig, harter Arbeiter und angenehmer Zeitgenosse.

Morgenpost Online: Und Mark Webber?

Marko: Mark war immer der Underdog. Als er dann bei uns in einem siegfähigen Auto saß, kam ausgerechnet der Vettel daher. Das ist nicht leicht für ihn wegzustecken. Das kann ich durchaus nachvollziehen.