Formel 1

Mercedes' Silberpfeile sehen nur noch die Rücklichter

Das Formel-1-Team von Michael Schumacher und Nico Rosberg könnte schon beim zweiten Saisonrennen in Malaysia den Kontakt zu den Spitzenteams verlieren.

Foto: dpa / dpa/DPA

Ein Autogrammjäger war tatsächlich in komplettem Renn-Outfit gekommen. Bei schwülen 34 Grad in Malaysias stickiger Hauptstadt Kuala Lumpur stand er plötzlich in feuerfestem Rennoverall und Helm vor Michael Schumacher und hielt ihm Stift und Zettel entgegen – selbstverständlich mit Fingern, die in Formel-1-Handschuhen steckten. Der Rekordweltmeister aus Deutschland schaute kurz verdutzt, setzte dann aber routiniert sein Signum auf das Papier.

Das war der Tag im Petronas Tower, dem mit 456 Metern sechsthöchsten Gebäude der Welt. Hinzu kam der Tag an der Ostküste im Mercedes-Werk von Pekan. Dort drehten Schumacher und sein Team-Kollege Nico Rosberg in Straßenmodellen einige Runden mit den Mitarbeitern, Motorsportchef Norbert Haug wurde nebenbei in die Geheimnisse der Automobil-Montage eingeweiht. Die örtliche Zeitung schrieb vor lauter Freude gar vom Besuch des großen „Schuey“ in ihrer Stadt.

Das Rennen in Malaysia ist so etwas wie der zweite Heim-Grand-Prix für Mercedes neben der Veranstaltung auf dem Hockenheimring. Hauptsponsor Petronas, ein malaysischer Öl- und Gaslieferant, unterstützt den Rennstall mit geschätzten 30 Millionen Dollar jährlich und ist zugleich auch Geldgeber für das gesamten Grand-Prix-Wochenende. Wer so viel zahlt, hat wohl Anrecht auf ein, zwei zusätzliche Werbetermine mit den Protagonisten seines Investments. Allerdings hätte das Timing kaum schlechter sein können. Denn nach dem unglücklichen Saisonstart vor einer Woche fehlt Mercedes vor allem eines: Zeit.

„Ich wäre am liebsten direkt nach dem Rennen sofort wieder losgefahren“, sagte Rosberg. Doch anstatt selbst die Weiterentwicklung seines Dienstwagens voranzutreiben, musste er in Pekan und Kuala Lumpur für die Fotografen posieren. Immerhin konnte Teamchef Ross Brawn die Zeit nutzen, um in zwei ausgiebigen Telefonkonferenzen mit den Ingenieuren in Europa eine Lösung für die Probleme der Vorwoche zu finden.

Vor allem die rasche Abnutzung der Reifen gilt es zu beheben, wenn der Rückstand auf die favorisierten Teams McLaren, Red Bull und Ferrari nicht schon im ersten Viertel der Saison auf ein Maß anwachsen soll, das fatal an die beiden enttäuschenden Vorjahre erinnern würde. Zu Mercedes’ Leidwesen gilt die Strecke in Sepang als eine der größten Herausforderungen für die Pirelli-Pneus überhaupt.

Der Asphalt heizt sich in der subtropischen Hitze auf Temperaturen von mehr als 40 Grad auf, gleichzeitig drohen permanent Regenschauer, und die Streckenführung mit scharfen Kurven nach langen Geraden tut ihr Übriges. Wer bei solchen Bedingungen mit Reifenproblemen zu kämpfen hat, dessen Chancen verschlechtern sich rasanter als anderswo.

Somit wird schon das zweite Rennen für die Silberpfeile eines mit wegweisendem Charakter. Um der eigenen Erwartungshaltung, sich in der Konstrukteurs-Wertung dieser Saison um mindestens einen Rang zu verbessern, gerecht zu werden, müssen auf dem Sepang International Circuit dringend gute Rennergebnisse her. In Melbourne war die Mercedes-Welt bis zum Startschuss in Ordnung: Gute Testfahrten, schnelle Trainingsrunden, dazu die Startplätze vier und sieben. Im Rennen quittierte dann Schumachers Getriebe nach elf Runden seine Arbeit, und Rosberg rollte als Zwölfter über die Ziellinie.



Mit null Punkten liegt Mercedes nun gleichauf mit Mini-Teams wie Marussia und Caterham. „Druck gibt es immer im Sport und besonders in der Formel 1“, sagte Haug im Gespräch mit „Morgenpost Online“: „Der im eigenen Team selbstgemachte Druck ist der beste, denn nur der bringt einen voran. Druck von außen stört uns nicht.“ Doch auch aus dieser Richtung steht sein Team derzeit unter heftigem Beschuss.

Es geht um eine Technologie, die die Aerodynamik des neuen W03 verbessert. Diese F-Schacht genannte Konstruktion am Heckflügel macht Mercedes vor allem im Qualifying schneller, darin sind sich alle in der Formel 1 einig. Doch ist sie auch erlaubt? Daran entzündet sich der erste große Streit des Jahres. Am Rande des Freien Trainings, das McLaren-Pilot Lewis Hamilton vor Schumacher, Sebastian Vettel und Nico Rosberg gewann , bekräftigte Red-Bull-Teamchef Christian Horner noch einmal seine Kritik: „Ich bin nicht der einzige, andere wollen auch eine weitere Klärung. Ist es etwas, das man als clevere Erfindung akzeptieren und vor Mercedes den Hut ziehen muss, oder ist es nicht etwas, das nicht erlaubt werden kann?“


"Wer andere kritisiert, will ablenken"

Für Renndirektor Charlie Whiting ist das System legal. Er gab auch am Donnerstag wieder sein Okay. Es liegt nun an den Teams, Mercedes beim Welt-Automobilverband Fia offiziell anzuzeigen und damit das internationale Berufungsgericht als zweite Instanz einschalten. „Themen wie dieses gehören zur Formel 1, seit es diese gibt. Wer andere kritisiert, will möglicherweise auch von Themen, die ihn selbst betreffen, ablenken. Wichtig ist, dass die Fia diese Lösung reglementskonform findet. Wenn sie das grüne Licht der Konkurrenz nicht erhält, ist dies zu verschmerzen“, sagte Haug.

Die erste Maßnahme seiner Gegenoffensive war die öffentlich geäußerte Verwunderung über das Motorengeräusch bei Red Bull. Sollte Mercedes Sonntag den vierten Podestplatz seit dem Wiedereinstieg in die Formel 1 2010 einfahren, würde das die Debatte noch verschärfen.



Zwar sagt Haug, dass er die Debatte „sportlich-entspannt und ganz sicher nicht verbiestert“ verfolge. Doch auch der 59-Jährige weiß, dass ein Umbau, den ein Veto der Fia zur Folge hätte, den Rennstall weit zurückwerfen würde. In drei Wochen findet das Rennen in Shanghai statt, wiederum sieben Tage später jenes in Bahrain, dazwischen jeweils der aufwendige Transport von Mensch und Maschine. Gravierende Korrekturen eines Rennwagens lässt ein solch enger Terminkalender quasi nicht zu, ohne dass gleichzeitig andere Entwicklungsfelder leiden.

Erst rund um die Testfahrten Anfang Mai in Italien haben die Rennställe wieder genug Zeit für grundlegende Änderungen. Die würden sie bei Mercedes jedoch lieber nutzen, um den Technik-Vorsprung vor der Konkurrenz auszubauen. Und nicht, um einen Rückstand aufzuholen.