Formel 1

"Graue Mäuse der Boxengasse" hängen Mercedes ab

Das Schweizer Formel-1-Team Sauber führt die Revolution der kleineren Rennställe in der Formel 1 an. Der Druck auf Mercedes und Ferrari nimmt merklich zu.

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Die Häme in der Schweiz kannte keine Grenzen. Als der Sauber-Rennstall vor der Formel-1-Saison sein graues Teamoutfit vorstellte, hieß es sofort: Das passt ja wunderbar!

Als die „grauen Mäuse der Boxengasse“ wurden sie verspottet, als farblosestes Team von allen. Die 20. Saison galt nach problemreichem Winter als eine der schwierigsten in der 20-jährigen Geschichte, Gerüchte über arge finanzielle Probleme machten die Runde.

Geldgeber Carlos Slim halte die Schweizer an der kurzen Leine, obwohl er mit einem Vermögen von rund 69 Milliarden Dollar auch 2012 als reichster Mensch des Planeten gilt, womöglich drohe schon vor den Europa-Rennen im Mai der Gang zum Konkursrichter. Soweit die Prognosen der Skeptiker.

Am Sonntagabend dann stand Sauber-Pilot Kamui Kobayashi in Melbourne in der Boxengasse und strahlte mit seinem Rennoverall um die Wette, der plötzlich mehr silberfarben als grau schimmerte.

Mit Platz sechs für den Japaner und Rang acht für den Mexikaner Sergio Perez gehörten die Saubermänner zu den großen Gewinnern des Auftaktrennens . In der Konstrukteurswertung stehen sie auf einmal vor den Giganten Ferrari und Mercedes.

Enger zusammengerückt

Damit treiben sie eine vielversprechende Dynamik voran: Die Formel 1 wird ausgeglichener. Hinter den Dominatoren Red Bull und McLaren ist das Feld enger zusammengerückt, Teams wie Williams, Lotus, Toro Rosso oder eben Sauber können nun im Kampf mit den Titelanwärtern bestehen. „Wir sind mit großen Erwartungen in dieses Jahr gegangen“, sagte Teamchef Peter Sauber: „Nun wissen wir auch, dass wir ein schnelles Auto haben.“

Besonders bei ambitionierten Rennställen wie Mercedes und Ferrari darf das getrost als Kampfansage verstanden werden. Ihr Vorsprung auf die Hinterherfahrer des vergangenen Jahres ist kleiner geworden. Im ersten Qualifying der Saison etwa hieß der schnellste Fahrer des gesamten Feldes Sergio Perez.

Der Mexikaner war mit seinem Sauber 316,7 Kilometer in der Stunde schnell, vier Kilometer in der Stunde schneller als Michael Schumacher, obwohl der von dem Aerodynamikvorteil des umstrittenen F-Schachts profitierte. Am Donnerstag bekräftigte Renndirektor Charlie Whiting erneut die Legalität dieser Technologie. Die Meinungen der Teams bleiben jedoch gespalten, ein offizieller Protest von Red Bull und Lotus scheint weiterhin möglich.

Einigkeit herrscht hingegen über die neue Stärke bei Sauber. „Sie haben mich definitiv beeindruckt“, lobte Jenson Button, der WM-Führende: „Mit ihnen muss gerechnet werden. Sie sind sehr, sehr schnell unterwegs.“ 2011 war der Topspeed noch das große Problem der Schweizer. Das scheint nun behoben.

Der Hauptgrund für den Erfolg der kleinen Teams ist jedoch nicht ihre Spitzengeschwindigkeit. Im Gegensatz zu Rennställen wie Red Bull, McLaren und vor allem Mercedes, die allesamt über ein etwa dreimal so großes Budget verfügen, harmonieren ihre Boliden besser mit den neuen Pirelli-Reifen.

Auch Rosber punktet nicht

Nico Rosberg etwa rutschte trotz zweier Boxenstopps am Ende noch aus den Punkterängen, weil seine Pneus sich zu stark abgenutzt hatten. Perez kam mit nur einem Besuch in der Boxengasse aus und katapultierte sich damit vom letzten Startplatz, auf den er wegen eines Getriebewechsels strafversetzt wurde, auf Rang acht.

„Das war ein sehr guter Auftakt für uns“, sagte der 22-Jährige, und es klang nicht so, als würde er sich damit bereits zufriedengeben.

Auch Williams blickt nach dem ersten Rennen optimistisch in die Zukunft. Zwar schied Pastor Maldonado nach einem Crash in der letzten Runde aus, und auch Bruno Senna verschenkte nach einem Clinch mit Landsmann Felipe Masse eine bessere Platzierung. Dennoch sagte Chefingenieur Mark Gillan: „Das ganze Team hat nach Melbourne gute Laune. Wir brennen darauf, uns endlich zu belohnen und Punkte zu gewinnen.“

Auch die Briten beeindruckten mit großer Konstanz. Bis zur letzten Runde fuhren sie gleichauf mit Mercedes-Pilot Rosberg und Ferrari-Mann Massa – im Vorjahr hatte Williams in der Konstrukteurswertung noch 160 Punkte hinter den Deutschen und 370 Zähler hinter den Italienern gelegen.

„Ich hoffe, alles Pech ist in Australien geblieben“ sagte Senna: „In Malaysia wollen wir in die Top Ten.“ Die Aussichten sind vielversprechend: Auf keinem anderen Kurs werden die Reifen so sehr beansprucht wie auf Sepang International Circuit.