Frust bei Ferrari

Langsam und unzuverlässig, die "hässliche rote Göttin"

Schlechte Stimmung, Technikprobleme, Personaldiskussionen und viel Spott. Ferrari, der erfolgreichste Rennstall der Formel 1, verliert den Anschluss an die Top-Teams.

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Felipe Massa hat das erste Rennen schon vor dem Start der neuen Saison am Sonntag in Melbourne verloren. Das gegen die Zeit. „Ich bin über Chile und Neuseeland nach Australien gereist“, erzählte der brasilianische Formel-1-Pilot mit einem Grinsen im Gesicht, „da ist beim Überfliegen der Datumsgrenzen ein ganzer Tag hops gegangen.“ Weitere Niederlagen wird er nicht mehr so leicht wegwischen können, dafür ist die Stimmung bei seinem Arbeitgeber Ferrari zu explosiv.

Alles begann mit einem ordentlichen Schneesturm. Der begrub Anfang Februar das Örtchen Maranello, Heimat von Ferrari, unter einer solch dicken Schneeschicht, dass die geplante Präsentation des Rennwagens verschoben werden musste. Was die Fahrer den Fans und Journalisten dann einen Tage später, inzwischen hatte Tauwetter eingesetzt, enthüllten, trieb allen Anwesenden Falten der Verwunderung ins Gesicht. Die sonst so eleganten Italiener hatten dem neuen „F2012“ eine selten unansehnliche Hakennase verpasst.

Die verantwortlichen Designer schoben entschuldigend die Regeländerung vor, die besagt, dass die Frontpartie des Wagens ab einer bestimmten Stelle nicht mehr als 550 Millimeter über dem Boden schweben darf und dadurch quasi zwangsläufig eine Stufe entsteht. Alle anderen verwiesen auf all die restlichen Teams, deren Nasen bei gleichem Reglement wesentlich geschmeidiger daherkommen. Selbst Teamchef Luca di Montezemolo nannte den Boliden schmunzelnd eine „hässliche rote Göttin“. Da konnte er wenigstens noch schmunzeln.

Es folgten Testfahrten, die den 64-Jährigen seinen Humor vergessen ließen. Technische Probleme, unzuverlässig, langsam – die vermeintliche Göttin entpuppte sich als denkbar irdisch. Anstatt wie erhofft die Lücke zu den beiden Topteams Red Bull und McLaren, die 2011 vor Ferrari gelandet waren, zu schließen, droht nun sogar der Verlust des dritten Platzes. Der erfolgreichste Rennstall der Formel-1-Geschichte ist drauf und dran, vom deutschen Konkurrenten Mercedes überflügelt zu werden. Zumindest lassen die Resultate bei den Testfahrten diesen Schluss zu. Dort wird zwar traditionell viel Versteckspiel getrieben; um bloß ein Täuschungsmanöver für die Konkurrenz zu sein, ist Ferraris Krise jedoch zu vielschichtig.

Die Stimmung im Team erinnert kaum noch an den Optimismus aus dem Februar, als vollmundig die WM-Titel in Fahrer- und Herstellerwertung als Ziel ausgegeben wurden. „In den ersten Runden müssen wir sicher die Zähne zusammenbeißen und versuchen, so viele Punkte wie möglich zu sammeln“, sagte Fernando Alonso. Der Weltmeister von 2005 und 2006 gilt mit geschätzten 30 Millionen Euro Jahresgehalt als Krösus unter den Formel-1-Piloten und ist bekannt für seine hohen Ansprüche.

Redet er nun davon, sich mehr oder weniger in die nächste Testphase vor den Europa-Rennen Mitte Mai zu retten, lässt das nichts Gutes erwarten. Seine offenkundige Unzufriedenheit trug dem Spanier überdies einen Maulkorb von seinem Arbeitgeber ein. Schon diese Maßnahme hatte als einmaliger Vorgang in der Geschichte der Scuderia für mächtig Wirbel gesorgt.

Die Aufregung wurde aber noch dadurch übertroffen, dass Alonso sich bei einem Heimspiel des FC Barcelona darüber hinwegsetzte und sagte, dass es bei Ferrari derzeit „nicht so rund läuft wie bei Messi und Iniesta“. Die Katalanen hatten sich gerade zu einem 1:0 gegen Abstiegsanwärter Gijon gemüht.

Im Hintergrund schwelt zudem eine Personaldiskussion. Das Gerücht, Felipe Massa sollte durch Nico Rosberg ersetzt werden, blieb den ganzen Herbst über in der Welt, bis Rosberg die Verlängerung seines Vertrages bei Mercedes bis 2015 bekanntgab. Ausgerechnet der Deutsche könnte Ferrari nun herausdrängen aus dem Titelkampf. In den italienischen Medien wird zudem über die Ablösung von Teamchef Stefano Domenicali spekuliert, sollte Ferrari nicht in die Erfolgsspur zurückkehren.

Ferrari habe im Winter einfach zu viel gewollt, sagt Marc Surer im Gespräch mit „Morgenpost Online“. Der Schweizer, der früher selbst Formel-1-Pilot war und heute als Experte für den Fernsehsender Sky arbeitet, wirft den Italienern Aktionismus im Kampf um den Titel vor: „Sie wollten ein aggressives Auto bauen. Dabei haben sie zu viel verändert. Jetzt sehen sie, dass es nicht funktioniert, und müssen Teile wieder zurückbauen. Das ist eine ernste Krise. Sie haben Glück, wenn sie überhaupt Vierter werden.“

Die Situation bei Ferrari erinnert an die Probleme, die McLaren vor der vergangenen Saison hatte. Am Ende konnten die Briten als einziger Rennstall halbwegs mit Red Bull konkurrieren, weil sie damals ihre Reihen geschlossen hielten. Di Montezemolo fuhr stattdessen zum Genfer Autosalon und sagte: „Ich bin mit der Leistung unseres Autos nicht zufrieden. Es muss verbessert werden.“

Fernando Alonso hingegen scheint im Flieger nach Australien seinen Optimismus wiedergefunden zu haben. „Die Wahrheit wird sich zeigen, wenn wir am Samstag auf die Strecke gehen“, sagte er. Und auch Kollege Felipe Massa hat schon eine Idee, wie der Ausweg aus dem Schlamassel aussehen könnte: „Wenn ich auf dem Rückweg die Datumsgrenze andersherum überfliege, hole ich den verlorenen Tag wieder rein.“