Weltmeister Vettel

"Hoffentlich ist mein neues Auto schön und sexy"

Sebastian Vettel spricht im Interview mit Morgenpost Online über Vergleiche mit Fangio, Regeländerungen und die Frage, welchen Namen sein neues Rennauto erhält.

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Kann Red Bull die Formel 1 auch in dieser Saison dominieren? Gewinnt Sebastian Vettel (24) zum dritten Mal in Folge den WM-Titel? Gespannt geht der Deutsche das Auftaktrennen in Melbourne am Sonntag (7.00 Uhr, RTL und Sky) an.

Morgenpost Online: Herr Vettel, wie lange hat es nach der Winterpause gedauert, bis Sie sich in Ihrem Red Bull wieder wie zu Hause gefühlt haben?

Sebastian Vettel: Nicht lange. 20 bis 30 Runden vielleicht. Ich habe es genossen und genieße es weiterhin.

Morgenpost Online: Wegen der veränderten Aerodynamik (Anm. d. Red.: Durch eine Veränderung im Reglement haben die Autos weniger Abtrieb oder aerodynamischen Anpressdruck) sind die neuen Autos etwas schwieriger zu kontrollieren. Werden die Fahrer in der kommenden Saison deshalb stärker gefordert sein als in der Vergangenheit?

Vettel: Das glaube ich nicht. Es stimmt, dass das Auto mehr rutscht. Es kommt früher an sein Limit, aber es ist nicht so, als würden wir alle plötzlich im Regen fahren. Wir fahren bloß langsamer durch die Kurven, und beim Bremsen verlieren wir Zeit. Aber es ist nicht dramatisch. Als Formel-1-Pilot bist du dafür da, dass du dich mit den vorhandenen technischen Möglichkeiten des Autos zurechtfindest. Das gehört zum Job.

Morgenpost Online: Zu Ihrem Job gehört auch der Umgang mit Lobhudelei. Kürzlich hat die englische Formel-1-Legende Stirling Moss Sie mit dem fünfmaligen Weltmeister Juan Manuel Fangio verglichen. Wundern Sie solche Vergleiche?

Vettel: Ich habe Mister Moss ein paar Mal getroffen. Für mich ist er eine Art Formel-1-Held, genauso wie Fangio. Ich beschäftige mich ein bisschen mit der Geschichte der Formel 1 und weiß, wer Fangio war und welch enorm hohen Stellenwert er in der Historie hat. Mich ehrt der Vergleich.

Morgenpost Online: Trifft er zu?

Vettel: Es wäre schön, auch was meine Zukunft und meine Karriere als Formel-1-Fahrer betrifft, wenn Moss recht behielte.

Morgenpost Online: Fangio reihte in den 50er-Jahren vier Titel aneinander. Kann Ihnen in diesem Jahr der dritte Coup gelingen? Wie stark wird die Konkurrenz sein?

Vettel: Fakt ist, dass mein Auto schnell ist und die Balance passt . Das ist schon einmal ein gutes Zeichen. Bei allem Optimismus: Der Titelgewinn ist noch weit entfernt, und der Druck auf alle ist enorm. Wir alle im Team haben hohe Erwartungen an uns selbst. Man sollte aber nicht von mir erwarten, dass ich von Anfang an den anderen davonfahre. Dann geht der Schuss nach hinten los. Ich habe viel Respekt vor McLaren, Ferrari und auch Mercedes. Bitte bedenken Sie, dass der technische Vorsprung vor der Konkurrenz schon im vergangenen Jahr gar nicht so groß war, wie viele Beobachter gedacht haben! Entscheidend für den Titelgewinn war auch, dass wir 2011 so gut wie keine Probleme mit der Zuverlässigkeit des Autos hatten und alle im Team, inklusive mir, wenige Fehler gemacht haben.

Morgenpost Online: Wie lauten also Ihre Ziele für die neue Saison?

Vettel: Wir müssen auf unseren technischen Optionen und Möglichkeiten aus dem vergangenen Jahr aufbauen und uns in allen Details noch weiter verbessern.

Morgenpost Online: Dieses Jahr wird auch aus anderen Gründen ein besonderes Jahr. Es gehen in Michael Schumacher , Jenson Button, Lewis Hamilton, Fernando Alonso, Kimi Räikkönen und Ihnen insgesamt sechs Weltmeister an den Start. Erhöht das den Druck für Sie oder die Wertigkeit der Formel 1?

Vettel: Das ist in jedem Fall eine tolle Sache und macht die Rennen attraktiver. Aber ich wäre auch ohne diese Ansammlung von Prominenz extrem motiviert. Ich denke, das geht allen Fahrern so. Ich bin allein durch mich, durch mein Team, durch die Aufgabenstellung so motiviert, dass es für mich keinen zusätzlichen Ansporn geben muss. Dass sechs Weltmeister am Start sind, ist toll, hat aber auf meine persönliche Vorbereitung oder Motivation keinerlei Auswirkung.

Morgenpost Online: Sie haben die vergangene Saison Ihres Teams als fast fehlerfrei bezeichnet. Wie wollen Sie das in diesem Jahr noch übertreffen?

Sie haben recht. So eine Saison gibt es sehr selten. So was kann man eigentlich nicht zweimal erleben. Aber wenn Sie berücksichtigen, dass wir im Jahr 2010 ein besseres, stärkeres Auto hatten als im vergangenen Jahr, als Team aber im vergangenen Jahr besser waren als 2010, wird klar, dass wir uns noch steigern können. Ich spreche in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht von mir, sondern von der Leistung des gesamten Teams. Trotzdem haben wir alle 2011 noch Fehler gemacht, die ich oder das Team in der kommenden Saison nicht mehr machen wollen. Wir können uns alle noch weiter steigern und unsere Resultate verbessern. Wir sind ein relativ junges Team, und wir haben gemeinsam in ziemlich kurzer Zeit Großes erreicht. So kann es weitergehen.

Morgenpost Online: Wie soll das gelingen?

Vettel: Wir hatten am Ende der vergangenen Saison und dann wieder zu Beginn dieses Jahres zwei große Meetings. Dort haben wir alles analysiert und angesprochen, von dem wir glaubten, es kurzfristig verbessern zu müssen. Sie wären erstaunt, wie lang diese Liste war.

Morgenpost Online: Wie müssen wir uns das vorstellen: Wird so eine Liste dann Punkt für Punkt abgearbeitet? Gibt es dabei ein Patentrezept?

Vettel: Nein. So eine Dynamik ist in keinem Buch beschrieben. Das macht die Sache, zumindest für mich, so spannend. Am Anfang steht der Versuch, der Rest ist „learning by doing“. Alles funktioniert dann quasi auf Grundlage der Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre. Das Ziel ist, diese Dinge smarter, zuverlässiger, kreativer anzugehen. Es ist im Grunde genommen ein Experimentierfeld. Für mich geht es darum, dass ich besser und schneller in unserem Auto fahren kann und dabei mehr Spaß bei meiner Arbeit habe. Diese Form der Abwechslung und der konstanten Erneuerung ist auch ein Teil meiner Faszination.

Morgenpost Online: Was meinen Sie damit genau?

Vettel: Natürlich liebe ich, was ich mache. Ich bin verrückt nach der Formel 1 und dem Motorsport, aber nur diese ständige Dynamik trägt dazu bei, dass sich diese Einstellung immer wieder erneuert. Statt Stagnation herrscht eine ständige, für mich aufregende Erneuerung.

Morgenpost Online: Das klingt jetzt so, als wäre der Titelgewinn doch nicht so leicht gewesen, wie es bei Ihren Solofahrten manchmal den Anschein hatte.

Vettel: Es ist definitiv nicht einfach, den WM-Titel zu gewinnen. Ebenso ist es kein Geheimnis, dass du ein starkes Auto haben musst, um Rennen und am Ende die WM zu gewinnen. Du musst vollkommen auf der Höhe deiner Leistung sein, wenn es darauf ankommt. Alle Teile der Technik und das gesamte Team müssen zum richtigen Zeitpunkt perfekt aufeinander abgestimmt funktionieren. Ich behaupte, dass selbst ein Marathonläufer nicht nur gewinnt, weil er allein am schnellsten und besten läuft. Ich glaube, dass alles passiert, weil er um sich herum ein Team hat, das ihn in die entscheidende Position bringt. So ist es auch bei mir. Ich brauche ein starkes Team, um zumindest auf das Podest zu fahren.

Morgenpost Online: Wenn Sie sich ein Formel-1-Auto wünschen dürften, wie sähe das aus?

Vettel: Im Prinzip fühle ich mich am wohlsten, wenn ich mit einem gleichwertigen Auto meine stärksten Gegner schlagen kann. Das ist zwar schwer, aber so ein mühsamer Sieg ist am Ende besonders wertvoll. Trotzdem wünscht man sich als Fahrer grundsätzlich immer ein besonders starkes und nach Möglichkeit auch schnelleres Auto als die Konkurrenten. Ich habe auch schon mal davon geträumt, in meinem Rennauto zu fliegen, aber das ist schon lange her.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihrem Red Bull für die neue Saison schon einen neuen Namen gegeben?

Vettel: Nein. Das hat noch Zeit. Voriges Jahr habe ich die Taufe am Mittwoch vor dem ersten Grand Prix in Australien vollzogen. Das hat Glück gebracht, also habe ich noch Zeit.

Morgenpost Online: Und warum taufen Sie ihr Auto immer auf einen Mädchennamen?

Vettel: Weil mein Red Bull schön, sexy und hoffentlich eine Lady mit einem sehr guten Chassis ist.