Formel 1

Die Sucht des Weltmeisters Vettel nach Siegen

Sebastian Vettel spricht im Interview auf Morgenpost Online über Druck und steigende Belastung in der Formel 1 sowie den besten Platz für seinen WM-Pokal.

Der Nebel auf der Teststrecke in Barcelona war symptomatisch. Zwei Wochen vor dem Start der Formel-1-Saison in Melbourne weiß niemand, wo genau er mit seinem Team steht. Bloß in einer Sache sind sich alle einig: Der Weg zum Titel führt nur über Red Bull und Sebastian Vettel.

Morgenpost Online: Herr Vettel, Sie haben zweimal hintereinander den WM-Titel geholt. Sind Sie der logische Favorit für dieses Jahr?

Sebastian Vettel: Ja, es gibt unter diesen Vorzeichen keine andere Antwort auf diese Frage.

Morgenpost Online: Sie sind der jüngste Doppelweltmeister der Geschichte. Woher nehmen Sie Ihre Motivation?

Vettel: Weiß ich nicht. Ich bin ein Wettkampftyp

Morgenpost Online: Was bedeutet das in Ihren Augen?

Vettel: Es ist mir wichtig, immer zu gewinnen und zwar überall. Wenn das nicht klappt, stinkt mir das. Ich finde es sogar gut, wenn man mir ab und zu die Grenzen aufzeigt. Wenn es zu extrem wird, wundere ich mich manchmal über mich selbst. Ich bin nun mal so gepolt, dass ich immer und überall der Erste sein will. Ob das morgens beim Hotellift das Bedürfnis ist, dass ich als Erster von allen Fahrgästen den Liftknopf drücke, oder bei jeder Art von Sport – egal, ich will der Erste sein. Manchmal muss ich mich dabei selbst zur Ordnung rufen, weil es mir komisch oder bizarr vorkommt. Aber es ist nun mal so.

Morgenpost Online: Macht Siegen süchtig?

Vettel: Ganz oben auf dem Podium zu stehen ist unschlagbar und emotional durch nichts zu ersetzen. Wenn man bei einem Grand-Prix-Wochenende nach drei Tagen harter Arbeit belohnt wird, ist das für mich auf der Welt mit nichts vergleichbar. Es ist wie ein Rausch oder ein großer Glücksmoment und so was. Dieses Gefühl möchte ich immer wieder spüren.

Morgenpost Online: Haben Sie Angst, dass sich dieses Empfinden von Glück eines Tages auflöst oder gar zur Normalität wird?

Vettel: Nein, Angst habe ich nicht. Aber mir ist klar, dass ich erst 24 Jahre alt bin und dabei schon so unglaublich viel Glück und Bestätigung erlebt habe. Wenn ich darüber nachdenke, kann ich bei aller Sachlichkeit manchmal gar nicht fassen, was ich in meinem Alter schon alles erreicht habe. Und was ich später noch erreichen kann.

Morgenpost Online: An was denken Sie da?

Vettel: Was ich noch erreichen kann, ist für mich schwer zu beurteilen. Wenn man so jung ist, wünscht man sich nach derart intensiven Erfahrungen, dass der schönste Tag im Leben noch kommt.

Morgenpost Online: Machen Sie auch Fehler?

Vettel: Ja, natürlich mache ich Fehler. Ich habe früh gelernt, damit umzugehen, weil ich in meinem Sport von Beginn an mit sehr vielen Erwachsenen zu tun hatte. Da habe ich zeitig eine Menge über Fehler und deren Folgen gelernt. Die Erkenntnis, dass Fehler passieren, weil sie zwangsläufig dazugehören, habe ich also schon sehr früh gewonnen.

Morgenpost Online: In der kommenden Saison werden Sie 20 Grands Prix fahren müssen, so viele wie noch nie in der Formel 1. Wie haben Sie sich auf diese Herausforderungen vorbereitet?

Vettel: Ich konnte mich durch den Titelgewinn und das späte Saisonende erst in der Weihnachtszeit körperlich und mental entspannen. Dann habe ich damit begonnen, meine Batterien wieder aufzuladen. Ich habe nach Weihnachten sofort mit meinem Aufbauprogramm für diese lange Saison begonnen.

Morgenpost Online: Wie sieht ein solches Programm aus?

Vettel: Es gibt wohl keine Profi-Sportart, die eine so lange Saison hat wie die Formel 1. Wenn man das Testen mit einbezieht, dauert die Saison von Ende Januar bis Ende November. Man braucht sehr viel mentale und körperliche Kraft dafür. Besser gesagt: Man muss lernen, sich seine Kräfte einzuteilen und versuchen, immer frisch und effizient zu bleiben. Das erfordert ein Programm, in dem besonders Ausdauer und Konstanz trainiert werden. Deshalb habe ich schon kurz nach Weihnachten jeden Tag am Vormittag und am Nachmittag ein Trainingsprogramm absolviert. Ich bin eine Menge gelaufen, Fahrrad gefahren und war viel an der frischen Luft. Auch die Fähigkeit, sich im Verlauf der Saison immer wieder zu regenerieren, wird eine wichtige Rolle spielen.

Morgenpost Online: Ist eine Saison mit 20 Rennen zu lang?

Vettel: Es ist in jedem Fall eine Herausforderung, aber das ist es für alle. Ich denke, wer am besten mit der neuen Situation zurechtkommt, wird am Ende einen großen Vorteil haben. Es gilt in jedem Fall, sich seine Kräfte noch besser einzuteilen und sich noch mehr zu disziplinieren, weil es weniger Pausen geben wird.

Morgenpost Online: War die Regenerationsphase zu kurz?

Vettel: Man muss bei der kurzen Zeit eine Art Balance finden. Ich habe es mir einfach besser eingeteilt und mich auf das Wesentliche konzentriert. Außerdem habe ich mich noch zielstrebiger organisiert als im Jahr davor. Von Mitte Dezember bis Mitte Januar ist es mir daher gelungen, trotz meines Programms komplett von der Formel 1 abzuschalten.

Morgenpost Online: Das klingt nicht gerade nach wirklicher Erholung …

Vettel: In jedem Fall sind die Winter für mich nicht mehr so lang wie sie es einmal waren. Die Rennsaison ist dagegen länger geworden. Man ist gezwungen die wenigen Wochen, die übrig bleiben, optimal zu nutzen. Dabei muss man aufpassen, dass man mit seinem Training nicht zu aggressiv zur Sache geht und sich nicht selbst schwächt, um sich dann irgendeine Infektion, Grippe oder Erkältung einzufangen, die sich negativ auf den Saisonbeginn auswirken würde.

Morgenpost Online: Sie haben kürzlich gesagt, dass es ohne Leidenschaft schwer für Sie wäre, in diesem Sport über die Runden zu kommen. Wie haben Sie das gemeint?

Vettel: Es ist im Grunde genommen wie in jedem anderen Beruf. Wenn man seinen Job nicht mag, wird man diesen Job auch nicht besonders erfolgreich ausüben können. Nach einer gewissen Zeit würde man sich jeden Morgen beim Weg zur Arbeit die Frage stellen, warum man denn in diesem Beruf weiter arbeitet, obwohl man keine Beziehung zu ihm hat. Natürlich kann auch eine anständige Bezahlung eine Motivation sein. Aber ob man unter diesen Umständen ein glücklicher Mensch ist, das sei mal dahingestellt. Ich bin in einer sehr angenehmen Position. Ich mache das, was ich schon als Kind geliebt habe. Das wollte ich immer machen und jetzt ist es sogar mein Beruf geworden. Das Leben könnte für mich nicht schöner sein, vor allem wenn es dazu auch noch erfolgreich verläuft.

Morgenpost Online: A propos: Sie haben nach Ihrer zweiten Weltmeisterschaft nach einem neuen Platz für den WM-Pokal gesucht. Im Jahr davor stand er auf dem Esstisch. Und jetzt?

Vettel: Dort kommt auch der neue hin. Der Standort hat mir Glück gebracht.

Morgenpost Online: Sie gelten als penibler Arbeiter, wenn es um das Team um Ihren Rennwagen geht. Ist das Pflichtbewusstsein, macht das einfach Spaß oder ist es eine Art Selbstverständlichkeit?

Vettel: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nach einem Arbeitstag an der Strecke niemals frühzeitig ins Hotel oder nach Hause fahren würde, selbst wenn es nur ein kleiner Test ist.

Morgenpost Online: Warum?

Vettel: Wenn irgendetwas schiefgeht oder nicht funktioniert, will ich mir nicht selbst vorwerfen müssen, dass ich im Vorfeld nicht alles getan hätte, um das zu verhindern. Wenn der Motor hochgeht, kann ich am Ende daran nichts ändern. Aber ich würde mich trotzdem elend fühlen, weil ich mir überlegen würde, was ich hätte unternehmen können, um es zu verhindern. Nur wenn ich der Überzeugung bin, dass ich wirklich alles gemacht habe, kann ich mit einem guten Gewissen aus dem Auto springen.