Formel 1

Vettels neuer Red Bull hat eine Hakennase

Der Trend geht zum Höcker: Auch Red Bull baute seinem Boliden eine Kante in die Frontpartie. Das neue Auto des Formel-1-Weltmeisters Vettel zeigt damit in der Saison 2012 Mut zur Hakennase.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es hatte ein bisschen was von einem Horrorfilm der Marke Hollywood. Im Halbdunkel umkreist die Kamera die Hauptdarstellerin des mit großem Brimborium angekündigten Präsentations-Videos von Red Bull, dazu wummert ein Bass, der wie der Herzschlag der Namenlosen klingen soll. Im Sekundentakt leuchten Blitzlichter auf, als wäre der Drehort nicht eine Garage in Milton Keynes, sondern der rote Teppich bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles.

Als am Ende des 86-Sekunden-Filmchens die Schatten weichen, die Schnitte langsamer und die Sequenzen länger werden, lässt der Regisseur die Blicke an den vollen Rundungen entlang bis zu ihrer Nase wandern. Und siehe da: Die ist nicht operiert.

Immer noch eleganter als der Ferrari

Sie ist abgestuft, was bei der Präsentation eines Formel-1-Rennwagens im Frühjahr 2012 womöglich die wichtigere Erkenntnis ist. Bis zu einem fünf Zentimeter hohen Luftschlitz verläuft sie herkömmlich und eben, ehe sie sich sie sich in einem sanft geschwungenen Bogen zuspitzt. Sebastian Vettels Dienstwagen für die kommende Saison sieht damit deutlich anders aus als die Vorgängermodelle, aber immer noch eleganter als etwa der neue Ferrari.

Der war wegen eines unansehnlichen Höckers auf dem Frontteil schon als „Quasimodo der Formel 1“ verspottet worden. Während McLaren ganz auf einen Nasenbuckel verzichtete, sprach Rückkehrer Kimi Räikkönen, dessen Lotus in allen wichtigen Nasenangelegenheiten ein Abbild des Ferrari ist, gar vom „schönsten, hässlichen Auto“ in der Königsklasse. Dabei verbirgt sich hinter dem unterschiedlichen Design der Wagenspitze weit mehr als nur die Frage nach einem hübschen Äußeren.

In dieser Saison hat sich der Welt-Automobilverband Fia mal wieder ein paar neue Regeln einfallen lassen, um einen ähnlich einseitigen Titelkampf wie in der vergangenen Saison nach Möglichkeit von vornherein zu verhindern. Eine dieser Reglement-Änderungen ist Artikel 3.7.9 und betrifft die Frontpartie der Rennwagen. Deren Nase darf demnach nicht mehr als 55 Zentimeter über dem Asphalt schweben, um bei Unfällen das Verletzungsrisiko für die anderen Fahrer zu reduzieren, die in ihren Cockpits bisher quasi auf Augenhöhe mit den anderen Autos festgeschnallt waren. Da viel Luft unter den Unterböden der Wagen aber einen hohen Anpressdruck auf den Asphalt garantiert und somit wichtig für die Stabilität bei Tempo 300 ist, waren die Designer bei der Konstruktion der neuen Boliden zur Kreativität gezwungen. Bis auf McLarens Technikchef Paddy Lowe, der die Front des neuen Silberpfeils harmonisch fließend gestaltete, bewiesen alle Mut zur Hässlichkeit.

„Ein paar Dinge haben sich geändert“, bestätigte Vettel im Anschluss an die Vorführung das Offensichtliche: „Aber es ist nicht so, als sei das ganze Auto neu. Darauf hat man den ganzen Winter gewartet. Es ist schön, rauszufahren und zu spüren, man hat wieder ordentlich Dampf unter der Haube. Man muss jetzt nicht die Gebrauchsanweisung 1:1 durchlesen, die meisten Dinge sind klar und selbsterklärend.“ Das findet auch der englische Teamchef Christian Horner, weshalb er von seinen beiden Fahrern nichts Geringeres erwartet als den maximalen Erfolg: „Wir wollen beide Titel in der gleichen Art und Weise verteidigen, wie wir sie 2011 gewonnen haben.“ Mit anderen Worten: die totale Dominanz.

Der Motorsport-Verantwortliche Helmut Marko nutzte die Vorlage seines Kollegen, um den Konkurrenzkampf mit den Verfolgern aus Italien anzuheizen: „Unser Auto ist nicht so hässlich wie der Ferrari. Wir haben versucht, das Aussehen so gut wie möglich zu stylen. Und wir haben eine technische Lösung gefunden, die schaut um vieles besser aus.“

Noch nicht klar ist hingegen, wie genau Vettels neues Arbeitsgerät heißen wird. Nachdem ihn die in „Luscious Liz“ („Leckere Liz“) und „Kinky Kylie“ („Verführerische Kylie“) umgetauften Autos in den vergangenen beiden Jahren jeweils zum WM-Titel getragen haben, firmiert der aktuelle Wagen noch unter dem offiziellen Werksnamen „RB8“. Bewerbungen seien willkommen, sagte Vettel: „Vergangenes Jahr haben wir erst am Mittwoch vor dem ersten Rennen den Namen festgelegt. Ich glaube, dieses Jahr sollten wir etwas früher sein. Es stehen einige Kandidaten zur Auswahl. Wir werden sehen.“

Webber macht die Jungfernfahrt

Am Donnerstag wird der 24-Jährige erstmals in das Cockpit klettern; die Jungfernfahrt mit dem „RB8“ bleibt jedoch seinem Team-Kollegen Mark Webber vorbehalten. Der Australier macht am heutigen Dienstag bei den ersten offiziellen Testfahrten der Formel-1-Teams in Jerez/Spanien den Anfang. „Die Messlatte ist in den vergangenen Jahren sehr hoch gelegt worden. Auf diese Herausforderung freue ich mich“, beteuerte der 35-Jährige. Und auch wenn Sebastian Vettel pflichtschuldig sagt, dass es zu früh für Prognosen sei, wäre alles andere als eine Fortsetzung der Red-Bull-Dominanz eine große Überraschung. Daran kann keine Hakennase auf der Welt etwas ändern.