Formel 1

Rückkehrer Kimi Räikkönen sucht nach dem Kick

Nach Michael Schumacher und Jacques Villeneuve wagt auch Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen ein Comeback. Bei Lotus soll er jährlich 15 Millionen Euro verdienen.

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Wann stimmen die Zeiten wieder? Michael Schumacher benötigte angeblich drei Runden, dann fühlte er sich wieder so, als wäre er nie weg gewesen. Kimi Räikkönen (32) drehte 15 Schleifen, bevor ihm das Schalten, das Einlenken in die Kurven und die enormen Kräfte, die in der Formel 1 auf den Körper des Piloten wirken, vertraut vorkamen.

Sein Team jedenfalls platzte vor Stolz: „Zurück auf der Strecke! Kimi fliegt wieder“, twitterte der Lotus-Rennstall am Montagmittag und präsentierte bei Facebook stolz den schwarz-weißen Helm mit roter Nummer und goldenem Teamschriftzug. Der „fliegende Finne“, Weltmeister des Jahres 2007, überstand in Valencia den ersten Test nach zweieinhalb Jahren Auszeit unbeschadet und mit einem kleinen Erfolgserlebnis.

Das Reglement gesteht Fahranfängern und Rückkehrern eine Bewährungsprobe in einem veralteten Modell zu, bevor das Establishment vom 7. Februar an zu den regulären Testfahrten für die neue Saison in Jerez aufbricht. Weltmeister Sebastian Vettel klettert zum ersten Mal am 9. Februar in seinen Red Bull.

Es ist nicht zu erwarten, dass Räikkönen außer auf dem Badminton-Platz eine ernste Bedrohung für den Champion wird. Der Automobil-Weltverband Fia hat den jüngsten Plan des Mittelklasseteams durchkreuzt, Anschluss an McLaren, Ferrari und Red Bull zu finden. Die Regelhüter untersagten den Einsatz einer „reaktiven Radaufhängung“, die von Lotus-Ingenieuren entwickelt und von Teams wie Mercedes und Ferrari angeblich kopiert wurde. Die Erfindung sollte einem Absenken der Fahrzeugfront beim Bremsen entgegen wirken.


Die Formel 1 ist im Wandel

Die kleinen und großen technischen Revolutionen dürften Räikkönen größtes Hindernis auf dem Weg zurück zu alter Stärke sein. Die Formel 1 befindet sich seit Jahren im Wandel, 2009 war es der Doppeldiffusor, der das als mittelmäßig eingestufte Brawn-Team zum Weltmeister beförderte, ein Jahr später war der angeblasene Diffusor der Renner der Saison, dessen Einsatz von Red Bull im Vorjahr perfektioniert wurde.

Mit dem Betrieb des Kers-Systems und verstellbaren Heckflügeln erwuchsen weitere Herausforderungen für die Piloten. Die neuen Reifen stellten selbst erfahrene Piloten wie Mark Webber vor Probleme. Michael Schumacher musste erfahren, dass Versäumtes schwerlich nachzuholen ist. Jacques Villeneuve, Weltmeister von 1997, machte die bittere Erfahrung schon 2005 bei seinem Comeback fürs Sauber-Team.


Ersatz für Robert Kubica

Räikkönen fuhr die vergangenen zwei Jahre in der Rallye-WM, zuletzt vertrieb er sich bei Truckrennen in der Nascar-Serie die Zeit. Vermisst aber hat er die „direkten Duelle“ in der Formel 1, und nachdem sich ein Einsatz bei Williams zerschlagen hatte, war Lotus die Rettung. Das Team suchte einen Ersatz für Robert Kubica, dessen Genesung sich nach seinem Rallye-Unfall hinzieht. Zweifel an seiner Befähigung für den Kreisverkehr hatte der Altmeister nicht.

Die Formel 1 ist ein Extremsport. Alles verläuft in einem rasanten Tempo, dass den Piloten meist nur Bruchteile von Sekunden bleiben. Für Bedenken ist im Cockpit kein Platz. Wer nicht bedingungslos davon überzeugt ist, das Richtige zu tun, kann einpacken. „Ich glaube nicht, dass ich an Speed verloren habe“, sagt Räikkönen. „Am schwierigsten wird das Beherrschen der Reifen.“

Die Technik mag kompliziert sein, Formel-1-Piloten wie der Finne sind eher einfach gestrickt. Es ist nicht so, dass Räikkönen Geld benötigt. Er jagt auch nicht dem Ruhm von zweimal WM-Silber und einem Titel hinterher. Es ist simpel. Räikkönen geht es um Spaß. Um den Spaß, eines der schnellsten Autos der Welt zu bewegen. Seine Freizeit mit einem bekannten Kick auszufüllen.

Nun ist er wieder angefixt. Acht Testtage bleiben Räikkönen. Das sind rund 4000 Kilometer, vorausgesetzt sein Renault läuft rund. Seine Muskeln trainiert er in einem mobilen Fitnessstudio, wie es auch Michael Schumacher besitzt. Auf den Nacken kommt es an, er muss den Fliehkräften widerstehen.

Die von einem Sturz vom Motorrad lädierte Nackenpartie war es, die Michael Schumacher an einem Comeback für Ferrari hinderte. Die Formel 1 ist in jeder Beziehung ein Sport für Extremisten. Deswegen werden ihre Protagonisten gut entlohnt. Rund 15 Millionen Euro soll sich Lotus die Fahrkünste des Rückkehrers kosten lassen. Der Rennstall hofft dank Räikkönen auf neue Sponsoren.

Dem Vollgaszirkel kommt das Comeback gelegen. Zum Saisonauftakt am 18. März versammeln sich nun sechs Weltmeister vor der Startampel. Experte Niki Lauda ist entzückt: „Klasse, dass Kimi wieder da ist. Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit und wird für großes Interesse bei Medien und Fans sorgen“, sagte Lauda „Autosport“. Ob sich seine Auftritte in die Reihe durchwachsener Comebacks von Villeneuve und Schumacher fügen, macht Lauda abhängig von der Konkurrenzfähigkeit seines Autos: „Kimi kann nur in einem ausgezeichneten Rennwagen glänzen.“

Als Motivationskünstler ist Räikkönen nicht gerade bekannt. Noch bei McLaren-Mercedes verkrümelte er sich nach einem vermasselten Großen Preis von Monaco noch vor Rennende auf das Sonnendeck einer Yacht. Für 2012 bedarf es eines größeren Durchhaltevermögens.