Rückkehr

Räikkönens überwältigender Hunger auf die Formel 1

"Iceman" Kimi Räikkönen hat die direkten Duelle vermisst. Die Konkurrenz freut sich auf den Finnen: "Wenn er motiviert war, gehörte er immer zu den Besten."

Foto: dapd/DAPD

Als Kimi Räikkönen noch für Ferrari fuhr, da kam es vor, dass der phlegmatische Finne Stefano Domenicali zur Weißglut trieb. Räikkönen, zürnte sein damaliger Teamchef einmal, lebe doch „auf seinem eigenen Planeten“ – woraufhin der Filou entspannt konterte: „Ich lebe sehr gut auf meinem Planeten. Es ist schön hier.“

Schön fanden sie es bei der Scuderia dann aber auch wieder nicht, dass der Planet in der Ferrari-Galaxie am Ende eher demotiviert kreiste, und so schied der Weltmeister von 2007 bei den Ferarristi 2009 nicht gerade im Frieden ein Jahr vor Vertragsende aus.

Räikkönen tobte sich fortan im Rallyesport und in der Nascar-Serie aus, doch mit eher mäßigem Erfolg, wie er sich selbst bei allem Ehrgeiz eingestehen musste. Nun ist der 32-Jährige, den sie „Iceman“ nennen , zurück in der Königsklasse des Motorsports: Beim Team Lotus-Renault unterschrieb er einen Zweijahresvertrag.

„Meine Zeit in der Rallye-WM war eine nützliche Station in meiner Fahrerkarriere, aber ich kann nicht leugnen, dass mein Hunger auf Formel 1 zuletzt überwältigend geworden ist. Ich habe nie wirklich die Leidenschaft für die Formel 1 verloren“, begründete Räikkönen sein Comeback. Er habe zudem „die direkten Duelle“ vermisst.

Den Winter über wird Räikkönen sich nun auf die kommende Saison vorbereiten und an das Gefühl gewöhnen können, kein Dach mehr über dem Kopf zu haben beim Vollgasgeben.

„Bremswege, G-Kräfte, Beschleunigung – all das wird schnell wieder intus sein. Das Wichtigste wird sein, meinen Nacken wieder daran zu gewöhnen. Der ganze Rest braucht eine Weile – aber das ist keine große Sache“, glaubt der Finne, der die Haare inzwischen lang und wie ehedem ein kühles Selbstbewusstsein zur Schau trägt.

Nach zwei Jahren Abstinenz erklärt Räikkönen: „Der größte Unterschied werden sehr wahrscheinlich die Reifen sein. Die Autos sind gar nicht so unterschiedlich, denke ich.“

Kein siegfähiges Auto

Ein großer Unterschied jedoch besteht: Nach den bis dato letzten Karrierestationen bei McLaren (2002–2006) und eben Ferrari (2007–2009) mit jeweils neun Grand-Prix-Erfolgen wird ihm Lotus-Renault wohl kaum ein siegfähiges Auto zur Verfügung stellen können – zumindest nicht sofort.

In der abgelaufenen Saison ist der Rennstall lediglich fünfte Kraft hinter Red Bull, McLaren, Ferrari und Mercedes gewesen, knapp vor Force India. Die Stammfahrer Witali Petrow (Zehnter der Fahrerwertung) und Bruno Senna (18.) sammelten gerade mal 37 bzw. zwei WM-Punkte, Nick Heidfeld kam in seinen elf Einsätzen immerhin auf 34 Zähler.

Dennoch ließ Kimi Räikkönen via PR-Mitteilung schwärmen, wie „beeindruckt“ er von den Ambitionen seines neuen Arbeitgebers sei. Und außerdem: Die Konkurrenten heimlich eingehend beobachtet hat er sowieso nicht, sagt er. „Ich habe mich mit der Formel 1 im Vorjahr nicht auseinandergesetzt. Dieses Jahr habe ich sie etwas näher verfolgt, aber kein Team speziell.“

Deal mit Williams platzte

Rennstallchef Gerard Lopez sagte: „Wir haben sehr intensiv daran gearbeitet, den Grundstein für eine erfolgreiche Struktur zu legen und sicherzustellen, dass wir schon bald auf dem höchsten Level mitkämpfen können.“

Zuletzt war Räikkönen auch mit dem Team Williams, wo der Deutsche Adrian Sutil nun als Pilot für 2012 gehandelt wird, in Verbindung gebracht worden. Gerüchten zufolge wollte er sich bei den Briten mit Hilfe von Investoren mit 20 Prozent Anteil einkaufen, doch der Deal kam letztlich nicht zustande.

In der PS-Branche sind sie sich weitgehend einig, dass in Räikkönen einer der talentiertesten Piloten überhaupt zurückkehrt. Der Mitbetreiber eines eigenen Teams in der britischen Formel-3-Klasse („Räikkönen Robertson Racing“) gilt als Rarität, weil er in einem Formel-1-Boliden Probleme und Mängel derart genial auszubalancieren vermag, dass er selbst bei ungünstigen Rahmenbedingungen in der Regel sehr schnell unterwegs ist.

Motivationsfrage

Wehe allerdings, die Motivation des schweigsamen Finnen lässt nach, weil er merkt, dass die Dinge gegen ihn laufen, dass er nicht so konkurrenzfähig ist, wie er zu sein erhofft. Dann kam in der Vergangenheit immer wieder seine Lethargie durch, die sein Umfeld zum Verzweifeln brachte. Ein Teamplayer ist der Mann aus Espoo dann nicht. Er lebt in solchen Situationen wohl wirklich auf seinem eigenen Planeten.

Trotz – oder gerade wegen – einer gewissen Exzentrik, die sich bisweilen in pikanten Anekdoten von gar zu ausschweifendem Alkoholkonsum niederschlägt, wird Kimi Räikkönens Comeback in der Formel 1 mit großer Vorfreude registriert.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug etwa sagte über den Finnen: „Wenn er motiviert war, und das scheint jetzt der Fall zu sein, gehörte er immer zu den Besten. Außerdem ist Kimi ein feiner Kerl.“ Und überdies neben Sebastian Vettel , Michael Schumacher, Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Jenson Button der sechste Weltmeister, der 2012 in der Formel 1 startet.

„Ich hätte meinen Namen nie unter einen Vertrag gesetzt, wäre ich nicht überzeugt davon, dass ich Spaß haben werde“, sagt Kimi Räikkönen. Er prophezeit: „Es wird sehr interessant und spannend.“